Magazinrundschau

Speziell für Teenager-Mädchen zum Verweilen

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
25.08.2026. Iran heuert weltweit "billige Kriminelle" an, um Exil-Iraner zu bedrohen oder zu töten, berichtet der New Yorker. Eurozine erklärt, wie geschlechtersensible Stadtplanung funktioniert. Art Spiegelman im Guardian und Jan-Werner Müller im Merkur blicken auf die verheerende Zerstörung der Demokratie unter Trump. Bei Hlidaci Pes erinnert der tschechische Historiker Prokop Tomek an die Beteiligung der DDR am Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei. Und New Lines reist in eines der größten Ölfördergebiete Südsudans, eine wichtige Zufluchtsstätte für Sudanesen, in der das Wasser von giftigen Schwermetallen kontaminiert ist.

New Yorker (USA), 24.08.2026

Das iranische Regime attackiert seine Gegner auch mitten in Europa. Cora Engelbrecht erzählt die Geschichte der Mitarbeiter des oppositionellen Senders Iran International, der von London aus sendet. Dort wurde auch der Dissident Pouria Zeraati von drei Rumänen niedergestochen: "Der Angriff gegen Zeraati ist Teil einer größer werdenden Kampagne der iranischen Regierung, die beinhaltet, dass Kriminelle angeheuert werden - russische Gangster, Hells-Angels-Mitglieder oder sogar schwedische Teenager - um die Kritiker anzugreifen und Angst unter Exiliranern zu verbreiten. Weil diese Operationen sich der kriminellen Unterwelt bedienen, kann das iranische Regime jede Involviertheit bestreiten. 'Die Kriminellen sind billig und sie wissen, wie sie unauffällig bleiben', so Colin Clark, Executive Director des Soufan Centers, eines Global-Security-Thinktanks. 'Und den Iran scheint es nicht zu interessieren, ob diese Leute gefasst werden oder den Job nicht zu Ende bringen.' Selbst ein vereitelter Anschlag kann Angst in der Diaspora verbreiten. 'Manchmal geht es dem Terrorismus nicht um die Anzahl der Leichen. Es geht darum, wer zuschaut.'" Für die Mitarbeiter des Senders bedeutet das ein Leben im Risiko: "Um sie gegen Terrorangriffe zu schützen, schreibt der Newsroom-Chef Aliasghar Ramenzanpour die Dienstpläne jede Woche neu. Er ändert die Zeiten, zu denen die Sendungen aufgenommen werden. Die Journalisten treffen sich selten außerhalb der Bürozeiten, abgesehen von einer jährlichen Feier, die von bewaffneten Guards geschützt wird. Solche Sicherheitsmaßnahmen tragen nicht zu einem aktiven Sozialleben bei. Eine vierzig Jahre alte Nachrichtensprecherin erzählte mir, es sei zu riskant, irgendjemanden zu treffen, den sie nicht schon kannte. 'Ich habe akzeptiert, dass ich in diesem Leben keine romantischen Beziehungen eingehen können werde.'"
Archiv: New Yorker

New Lines Magazine (USA), 24.08.2026

Buster Kirchner reist in die Stadt Rotriak im Südsudan: Der Ort ist eine wichtige Zufluchtsstätte, weil er auf höherem, trockenem Boden liegt und so Schutz bietet vor den seit 2021 stark zunehmenden Überschwemmungen in der Region. Aber die Flutvertriebenen, die sich hier versammelt haben, stehen vor einem weiteren Problem berichtet Kirchner, bei dem sie von der Regierung völlig im Stich gelassen werden. Der Ort liegt mitten im Unity-Ölfeld, einem der größten Ölfördergebiete Südsudans. Bei den "sintflutartigen Regenfällen" in der Region um Rotriak wurden alte, stillgelegte Ölfelder überschwemmt, erklärt der Autor, das Wasser, dass sich in den so entstandenen Sumpfgebieten ansammelt, enthält nachweisbar eine hohe Konzentrationen an giftigen Schwermetallen und Petrochemikalien: "Giftige Schadstoffe aus diesen überfluteten Brunnen verunreinigen das Trinkwasser und sind vermutlich die Ursache für eine sich verschärfende Gesundheitskrise für Tausende von Familien in und um Rotriak. Immer mehr Kinder kommen mit Geburtsfehlern zur Welt, von Gliedmaßenfehlbildungen und Spina bifida - einer schweren angeborenen Fehlbildung der Wirbelsäule - bis hin zu kognitiven Entwicklungsverzögerungen." Fährt "man nordwärts durch das Unity-Ölfeld, nimmt die Industrielandschaft allmählich Gestalt an. Rostige Bohrköpfe ragen aus dem Gras. Pipelines verlaufen entlang der unbefestigten Straße. Abwasserteiche liegen hinter niedrigen Erdwällen, während Stacheldrahtzäune und weiße Schilder der GPOC den flachen Horizont unterbrechen. Dann, fast ohne Vorwarnung, tauchen zwischen den Anlagen Häuser, Marktstände und Kinder auf. In Rotriak scheinen Dorf und Ölfeld ein und dasselbe Gebiet zu bewohnen. Hier glauben Fischer, dass Fische, die in der Nähe bestimmter Ölfelder gefangen werden, kontaminiert sind. Diese Fische sind dunkler, weicher und werden daher auf dem lokalen Markt zu niedrigeren Preisen verkauft. Hirten berichten von unerklärlichen Todesfällen ihrer Tiere, nachdem diese aus überfluteten Weideflächen getrunken haben (...)."

Eurozine (Österreich), 24.08.2026

"Der urbane Raum war nie geschlechtsneutral", ruft Jovana Božović. Städte wurden nach den Bedürfnissen von Männern erbaut und diese Strukturen sorgen immer noch für Hindernisse im Alltag von Frauen. Das größte Problem für Frauen ist immer noch die Sicherheit, erklärt Božović, und das weltweit: In "Japan ist sexuelle Gewalt gegen Frauen im öffentlichen Nahverkehr so weit verbreitet, dass es sogar einen eigenen Begriff dafür gibt: Chikan", im Kosovo ergab eine Studie des Kollektivs "Sestre, drugarice" ("Schwestern, Freundinnen"), dass 64 Prozent der Frauen im öffentlichen Raum schon einmal sexuell belästigt wurden, 58 Prozent davon minderjährig. Aber: Manche Städte haben schon wichtige Schritte getan, was die "geschlechtersensible Stadtplanung" angeht: "Die schwedische Stadt Umeå, die weithin als 'feministischste Stadt' der Welt gilt, berücksichtigt bei ihrer gesamten Stadtplanung die Geschlechtergerechtigkeit. 2019 wurde in der Stadt eine geschlechtersensible Bushaltestelle als Prototyp errichtet, um den Sicherheitsbedenken von Frauen im öffentlichen Nahverkehr Rechnung zu tragen. Akustische und optische Signale weisen auf die Ankunft des Busses hin, während drehbare Holzkabinen die Sicht verbessern, die Überwachung der Umgebung ermöglichen, Schutz vor Wind und Witterungseinflüssen bieten und ein Gefühl der Sicherheit im öffentlichen Raum schaffen. Darüber hinaus hat Umeå weitere feministisch inspirierte städtebauliche Maßnahmen ergriffen, darunter Bänke, die in Zusammenarbeit mit und speziell für Teenager-Mädchen zum Verweilen einladen; gut beleuchtete unterirdische Fußgängertunnel mit großen zentralen Ein- und Ausgängen sowie abgerundeten Wandecken für bessere Sicht; die Priorisierung des Winterdienstes nach Geschlecht, da Frauen häufiger zu Fuß gehen und öffentliche Verkehrsmittel nutzen; und die Räumung von Gehwegen und Haltestellen vor den Straßen. Zusätzlich organisiert die Stadt eine 'Gendered Landscape'-Tour, die bestehende feministische städtebauliche Maßnahmen mit denjenigen verbindet, die noch notwendig sind, um die Stadt wirklich zu einem Ort für alle zu machen. All dies wird durch Bildung, Forschung, die Integration von Geschlechterperspektiven in Daten zur städtischen Mobilität, das Engagement für die gleichberechtigte Teilhabe von Männern und Frauen an der Pflege und die aktive Beteiligung von Frauen an Entscheidungsprozessen unterstützt."
Archiv: Eurozine

Guardian (UK), 18.08.2026

Dem Internet gingen Warnungen übers Internet voraus - aber auch Lobeshymnen. Jill Lepore unternimmt einen Streifzug durch eine ganze Reihe von Diskussionen über das Wohl und Wehe moderner Kommunikationstechnologie, der von den 1950ern bis in die 1990er reicht. Ihre Hauptthese: Warnungen bezüglich eines "automatisierten Staates", der den Bürgern seine Rechte nimmt, wurden nicht erhört. Tatsächlich jedoch zeigt ihre Materialsammlung vor allem, dass zu allen Zeiten ganz Unterschiedliches, Euphorisches wie Dystopisches, Hellsichtiges wie Illusorisches, über zukünftige Technik vorhergesagt wurde. Erstaunlich ist zum Beispiel eine Prognose des Sozialwissenschaftlers Ithiel de Sola Pool, der 1968 in einem Essay "vorhersagte, dass Entwicklungen wie personalisierte Zeitungen in ein Zeitalter des Hyperindividualismus führen würden. 'Ein Leser beginnt damit, eine Zusammenfassung der Nachrichten anzufordern', stellte sich Pool vor. 'Er kann zu jeder Meldung, die ihn interessiert, weitere Einzelheiten anfordern.' Pool war überzeugt, dass die Hyperpersonalisierung von Nachrichten die Politik verändern würde. 'Im 21. Jahrhundert könnten sich dieselben Kritiker, die heute die Konformität der Gesellschaft angreifen, über eine atomisierte Gesellschaft beklagen', sagte Pool voraus. 'Sie werden behaupten, die moderne Technologie habe unsere gemeinsame kulturelle Grundlage zerstört und jeden von uns dazu gebracht, in einer kleinen Welt zu leben, die ganz seine eigene ist.' Damit lag er nicht falsch. 'In der kommenden atomisierten Gesellschaft werden die Informationen, die der Bürger erhält, aus seinen ganz persönlichen Anliegen hervorgehen', schrieb er, und 'wenn jeder seinen eigenen Informationsbestand auswählen kann, wird es immer schwieriger werden, eine wirksame politische Unterstützung für ein vernünftiges Anliegen oder einen Kandidaten zu organisieren.'"

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Sophie McBain porträtiert Art Spiegelman, den legendären New Yorker Autor des Comicklassikers "Maus". Von seiner ursprünglich in der Zeit erschienenen, unmittelbar nach dem Terroranschlag vom 11. September entstandenen Comicserie "In the Shadow of No Towers" kommt demnächst eine Neuausgabe (hier unser Resümee zur deutschen Erstaugabe). Der Eindruck einer gewaltigen Zäsur hat sich bei ihm mittlerweile allerdings deutlich verschoben: "Er sieht den Tag nicht mehr als den 'Moment, in dem die Welt untergeht'. 'Es war eine große Sache. Aber nur eine kleine im Vergleich zu den großen Sachen, die wir heute sehen', sagt er. 'Ich bin derzeit viel lieber in New York als in Iran, als Beispiel.' ... Spiegelmans Stimmung verdüstert sich, wenn er darüber spricht, wie Trump 'sehr effektiv' die demokratischen Ideale des Landes 'demontiert' hat: 'Worin auch immer diese Ideale bestanden, wir wurden ihnen sicher nie gerecht, aber zumindest hatten wir sie. Jetzt ist alles so zynisch und schäbig und dumm.' ... Er zögert nicht, die Trump-Adminitration als faschistisch zu beschreiben. ...'Es ist kein Nazismus per se, aber es gibt da ein Muster. ... Ich neige dazu, pessimistisch zu sein, aber das hier ist schlimmer als das meiste, was ich kenne', sagt er über die amerikanischen Politik. 'Ich sehe da auch keinen Ausweg.' Die Medien kämpfen darum, sich in diesen Post-Truth-Zeiten im Rennen zu halten, erklärt er, die Gerichtshöfe sind voller Trump-Beauftragter, demokratische Normen sind zerstört und es gibt keine wirkliche Opposition. Die Republikaner sind 'zu diesem Zeitpunkt das Äquivalent zu etablierten Mafiosi', sagt Spiegelman. 'Sie haben gemordet, sie sind Komplizen bei irgendwas und deshalb müssen sie sich als Komplizengemeinschaft weiter bewegen. Es ist sehr schwierig für einen auszubrechen und zu sagen, 'das ist irrsinnig'. Die USA brauchen eine 'Gegenrevolution', sagt Spiegelman. 'Aber ich wüsste nicht, wo man danach Ausschau halten sollte, weil die Demokraten so zaghaft sind.'"
Archiv: Guardian

Merkur (Deutschland), 04.08.2026

Auch Jan-Werner Müller zeichnet den immensen Schaden nach, den Trump in seiner zweiten Amtszeit der Demokratie in den USA zugefügt hat. Nie gab es eine so offensichtlich korrupte Regierung: "Eine Theorie aus dem Deutschland Ende der 1930er Jahre hilft beim Verständnis der neuen Realität - und wird auch zunehmend von amerikanischen Kommentatoren aufgegriffen: Ernst Fraenkels 'Doppelstaat' (hier geht's zum Buch), entwickelt, um die rechtlichen (und unrechtmäßigen) Zustände im 'Dritten Reich' begrifflich zu ordnen. Vieles bleibt ganz normal: Man schließt Verträge ab, heiratet, lässt sich scheiden. Aber neben dieser Normalität - die so ganz dem Bild von totaler Intransparenz, Unvorhersehbarkeit oder gar Chaos in autoritären Regimen widerspricht - lauert immer der Maßnahmenstaat, der an jeder Legalität vorbei brutalst in die Gesellschaft eingreifen kann. Und dann lernen die dem Staat Ausgelieferten, dass es eben keine Abhilfe, keinen Rechtsstaat mehr gibt. In den USA kann es schon ausreichen, die ungeheure Macht der Bundesregierung auf Einzelne zu richten - und sie mittels langwieriger, enorm kostspieliger Prozesse zu ruinieren. Kein Land gibt so viel Geld für Rechtsstreitigkeiten aus (und gleichzeitig rangiert man bei den Indizes für access to civil justice hinter Afghanistan). Das kann Teil der Vergeltung sein, auch wenn die Prozesse keinerlei Aussicht auf Erfolg haben. Nun ist der Rechtsstaat in den USA nicht einfach verschwunden. Die Regierung verliert Prozesse; ihre Gegner haben inzwischen zudem gelernt, dass es hilfreich sein kann, manche Verfahren in die Länge zu ziehen (so wie dies Trump zum Selbstschutz schon immer getan hat). Aber es sind immer mehr Fälle bekannt, in denen die Regierung einem Urteil schlichtweg nicht folgt."
Archiv: Merkur

Novaja Gazeta Europe (Russland / Lettland), 21.08.2026

Diese Seite des russischen Krieges gegen die Ukraine gibt es auch: Russen und Ukrainer, die sich ineinander verlieben, sich treffen wollen und davon abgehalten werden. Eine solche Geschichte erzählt Dmytro Durnev: "Svetlana Savelyeva lernte Oleksandr Chechotka 2022 auf Chatroulette kennen. Svetlana ist professionelle Englischübersetzerin und spricht außerdem Tatarisch sowie fließend Ukrainisch - Letzteres verdankt sie ihrem geliebten Großvater aus Charkiw (dem Vater von Lyudmila Afanasyeva). Oleksandr ist ein erfahrener Feldwebel der ukrainischen Streitkräfte, der seit 2014 immer wieder im Einsatz war. Zwischen seinen Einsätzen ging er manchmal auf Chatroulette, um russische Nutzer zu trollen. Nach seinem zweiten Gespräch mit Svetlana tauschten sie ihre Kontaktdaten aus und begannen eine Fernbeziehung, die zwei Jahre andauern sollte." Daraufhin wollten sie sich lange Zeit treffen, was aufgrund des russischen Angriffskrieges nicht ging. "Dann, im Oktober 2024, kam Svetlana eine Idee: Was wäre, wenn sie ihren Verlobten über russisches Gebiet erreichen könnte, indem sie mit dem Taxi über die Frontlinie von Kursk ins von der Ukraine gehaltene Sudscha fährt? Nachdem sie einen großen Koffer gepackt hatte, fand sie einen Fahrer, der bereit war, die Fahrt zu übernehmen." Sie wurde vom FSB festgenommen, gefoltert und wird nun in einer Strafzelle gefangen gehalten. Was Chechotka nach ihrer Festnahme gedacht hat? "'Dir ist doch klar, welche Staatsangehörigkeit sie hat, oder?', fragt Oleksandr rhetorisch. 'Bevor der ganze Wirbel losging, habe ich das nicht wirklich öffentlich gemacht. Ehrlich gesagt dachte ich nicht, dass sie [die ersten Wochen nach ihrer Festnahme] überleben würde', fährt er fort." Seitdem versuchen Chechotka und Savelyvas Mutter sich für ihre Freilassung im Rahmen eines Gefangenenaustausches einzusetzen und haben damit schon bei Wolodomir Selenski vorgesprochen. Durex schätzt ein, wie wahrscheinlich ein solcher Austausch ist. "Zivilisten sind schwerer zurückzuholen als Soldaten, und Angehörige der Spezialeinheiten werden bereitwilliger übergeben als gewöhnliche Freiwillige; Russland versucht, keine Mitglieder des Asow-Bataillons aufzugeben, holt aber seine Soldaten aus Tschetschenien und dem Nordkaukasus sowie Wehrpflichtige aus der Region Kursk um jeden Preis zurück. Es gibt viel Leid, aber vieles ist möglich."
Stichwörter: Russland, Ukraine

Dekoder (Deutschland), 20.08.2026

Laut russischem Recht gibt es aller Sowjetisierungs- und Russifizierungsversuche zum Trotz 47 indigene Völker, schreibt Goworit Nemoskwa auf ihrem Blog (von Jennie Seitz und Ruth Altenhofer ins Deutsche für Dekoder übersetzt). Eines davon sind die Samen, die gegen alle Widerstände des gegenwärtigen Russlands ihre Kultur bewahren wollen. Die Samen leben als halb-nomadisches und transnationales Volk in vier Staaten: Norwegen, Schweden, Finnland und Russland. "Ihre Geschichte ist geprägt von Kolonialisierung, in deren Folge die Samen immer weiter nach Norden zurückgedrängt wurden. Aber vor Alexander Newski", Fürst von Nowgorod und von Stalin als wahrer Imperialist verehrt, "konnten sie nicht fliehen. Im Jahr 1251 schloss Newski einen Pakt mit Norwegen, der es sowohl Weliki Nowgorod als auch dem Königreich Norwegen ermöglichte, einen festen Zoll von den 'Lappen' zu erheben - fünf Eichhörnchenfelle pro Jäger. 'Wir selbst bezeichnen uns als Samen, von anderen werden wir 'Lappen' genannt - ein abwertendes Wort für unser Volk. Als wären wir schmutzig und würden am Rande der Welt leben. Wir Samen haben keine Landesgrenzen. Wir sind ein Volk, das kraft historischer Ereignisse durch Grenzen getrennt wurde. Wir waren schon vor der Entstehung der Staaten hier und werden auch weiterhin als ein gemeinsames Volk in unserer Heimat leben, die wir Sápmi nennen. Und natürlich nicht Lappland'", erzählt der von vielen russischen Medien so genannte 'samische Navwalny' Andrej Danilow, der lange Zeit Aktivist für die Rechte von Samen in Russland war, bis er sich nach Beginn des Ukraine-Krieges 2022 dazu entschloss nach Norwegen ins Exil zu gehen. Die verbliebenen Samen in Russland sind jetzt Vorwürfen des Separatismus ausgesetzt. Danilow: "'Separatismus - so ein Unsinn. Ich sag's noch einmal: Wir sind ein friedliebendes Volk. Wir bestehen seit Jahrtausenden und werden noch Jahrtausende bestehen, weil wir unsere Strategie haben. Wir haben eine eigene Methode, unsere Rechte zu verteidigen, wir berufen uns auf die Gesetze des Staates, in dem wir leben. Auch wenn diese Gesetze und sogar die Staaten sich ändern. Das moderne Norwegen gibt es erst seit 1905, aber wir waren immer schon hier, ohne Abspaltung, ohne Kampf, haben nur unsere Rechte und Länder behauptet. Vielleicht gibt es uns deswegen noch, trotz unserer geringen Zahl hier im hohen Norden.'"
Archiv: Dekoder

London Review of Books (UK), 25.08.2026

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Anlässlich des Erscheinens zweier Kim Il-Sung-Biografien - Michael J. Seth' "Forever President" und Fyodor Tertitskiys "Accidental Tyrant" - zeichnet Ed Pulford nach, wie sich der ehemalige nordkoreanische Diktator und Begründer der Kim-Dynastie immer weiter von einem Sozialismus sowjetischer Prägung entfernte. Der Staat, den er schuf, basiert bis heute auf einer Verbindung von nationalistischer Mystik und Personenkult. "Viele bedeutende politische Ämter wurden Verwandten Kims übertragen, während seine väterliche Abstammungslinie zu einer über mehrere Generationen reichenden Saga heldenhafter Unabhängigkeitskämpfe umgeschrieben wurde - eine Saga, die in die Zukunft verlängert wurde, als er seinen Sohn zu seinem Nachfolger bestimmte. Eine ähnliche familiäre Logik setzte sich in der gesamten Gesellschaft fort, als Kim seinen Zugriff auf die Macht verschärfte. Bürger wurden wegen der angeblichen konterrevolutionären Taten ihrer Verwandten verfolgt, unter anderem während einer blutigen Säuberung von 1957 bis 1959, die sich vor allem gegen Chinesen und sowjetische Koreaner richtete. Ab 1959 konnten ganze Familien in eines der zahlreichen Arbeitslager verbannt werden, die euphemistisch kwanliso ('Verwaltungseinrichtungen') genannt wurden. Das revolutionäre inmin ('Volk') wurde in ein komplexes System erblicher sozialer Schichtung aufgespalten, von dem die Kim-Familie (die in den staatlichen Unterlagen nicht auftauchte) selbstverständlich ausgenommen war. Die drei Kategorien von Bürgern - 'Kern', 'Mittelschicht' und (in der unbeholfenen sowjetischen Terminologie) 'Menschen mit konterrevolutionären Bestandteilen' - hatten sich bis in die 1970er-Jahre auf 51 Kategorien ausgeweitet. Kims frühe Vorstellung von einer Partei, die den Massen eng verbunden blieb, wurde pervertiert und bedeutete nun, dass niemand der von oben verordneten 'Verwaltung' entkommen konnte: Nachbarschaftsorganisationen hielten Ausschau nach Anzeichen subversiver Aktivitäten und verliehen damit lokalen Tyrannen den staatlichen Segen, ihre persönlichen Feindschaften und Ressentiments zu verfolgen. Seit 1967 waren Sondergenehmigungen erforderlich, um das Land zu verlassen. Als Mitglieder verpflichtender politischer Organisationen - des Kinderverbands, des Frauenverbands, des Verbands der Landarbeiter und, für die Privilegierten, der Partei der Arbeit selbst - wurden sämtliche Bürger zu Schulungs- und Studiensitzungen gezwungen, die auf Kims 'monolithischem ideologischem System' beruhten. Dieses behauptete, dass die Menschen - womit die Koreaner gemeint waren - die prometheischen 'Herren über alle Dinge' seien."
Stichwörter: Kim Il-Sung

HVG (Ungarn), 20.08.2026

"Bitte tretet nicht rückwärts", ruft die Medienwissenschaftlerin Veronika Kövesdi ungarischen Künstlern zu. Statt der abgewählten Regierung irgendwelche Parolen hinterherzuwerfen, gelte es in die Zukunft zu schauen: "Nicht jeder beliebte Künstler muss eine politische Meinung äußern. Wer dies jedoch bisher getan hat, sollte jetzt nicht damit aufhören. In den letzten Jahren haben sehr viele junge Menschen aufmerksam verfolgt, was mit dem Land geschieht, und das ist eines der besten Dinge, was passieren konnte. Es wäre schade, ihre Aufmerksamkeit zu verlieren. Ein Musiker, sprach sich vorher oft und entschieden gegen das Orbán-Regime aus, bereits als es noch etwas zu verlieren gab, und tat dies auch jetzt auf dem Sziget-Festival. Allerdings ist es nicht sicher, ob es die beste Fortsetzung war, dass er zu seinem Publikum sagte: 'Wer nicht tanzt, ist ein Fidesz-Anhänger.' Zugegeben, von der Bühne aus, zwischen zwei Songs, klingt der Satz 'Wer nicht tanzt, kann seinen eigenen politischen Standpunkt nicht formulieren, ohne den Namen einer Partei oder eines Politikers zu erwähnen' weniger gut. Auch der Unterhaltungswert von 'Bringt die Hochschulbildung in Ordnung!' ist wesentlich geringer, und ich glaube, dass diese Sätze vielleicht gar nicht so recht zu dem sorgfältig ausgearbeiteten Image eines Künstlers passen. Aber nur weil ich bei einem Konzert wie Bileams Esel dastehe, weil mir die Musik nicht so gut gefällt, dass ich dazu tanzen würde, bin ich noch lange kein Fidesz-Anhänger. (…) Denn das ziellose und ergebnislose 'Orbán-Bashen' betrachte ich als eine interessengeleitete und gewinnorientierte Ausnutzung der Aufmerksamkeit. Wir haben gerade erst begonnen, uns aus jenem Sumpf der öffentlichen Debatten herauszuwinden, in dem man nicht argumentieren, sondern nur fluchen oder loben konnte. Ich verstehe, dass damit noch eine Weile Geld zu verdienen ist (…)."
Archiv: HVG
Stichwörter: Kövesdi, Veronika, Ungarn

Elet es Irodalom (Ungarn), 19.08.2026

Selten hat (auch) in Ungarn eine filmische Adaptation so kontroverse Debatten ausgelöst, wie Christopher Nolans "Odyssee"-Verfilmung (unsere Resümees), berichtet János Széky: "Nach dem, was in meinem engeren und breiteren Bekanntenkreis zu hören war, beruhte die Skepsis (...) darauf, dass 'es nichts mit Homer zu tun hat'. Was ich in diesem Fall so übersetzen würde: 'Es hat nichts mit dem zu tun, was wir von einer Adaption der Odyssee erwarten'." Der Historiker György Karsai, ein ausgewiesener Homer-Fachmann, antwortete präzise: "'Die neue 'Odyssee' vermittelt die Botschaft, dass die westliche Zivilisation am Ende ist. (…) 'Wir waren blind für ihre Schönheit', sagt Odysseus in der Nolan-Version. (…) Im Film fürchtet Penelope den Einfall der Seevölker, doch dann wird Odysseus sich dessen bewusst und gesteht gemäß der Hypothese der Geschichtsschreibung des 21. Jahrhunderts: 'Die Seevölker sind wir.' (…) Die 'umherirrenden Piraten', die auch in einer der Geschichten des heimkehrenden Odysseus vorkommen, waren gezwungen, ihren damaligen Wohnort zu verlassen, weil mehrere sich gegenseitig verstärkende Faktoren in einem 'perfekten Sturm der Katastrophen' zusammenwirkten: Erdbeben, innere Aufstände, Invasionen, der Zusammenbruch zentralistischer politisch-wirtschaftlicher Systeme, Epidemien, Klimawandel, Dürre. (…) Wie man sieht, lässt sich im Jahr 2026 einiges von der obigen Liste abhaken, wenn auch auf einer ganz anderen Ebene. (…) Nolan hatte eine verdammt schwere Aufgabe, wenn er das Drama des Untergangs einer Zivilisation in knapp drei Stunden unterbringen wollte. Doch die Ablehnung gegenüber seinem Film rührt wohl größtenteils daher, dass wir es hassen, darüber nachzudenken, wie instabil und wie unfähig zur Selbstverteidigung die westliche Zivilisation ist, auf die wir so stolz sind. Träum schön. Irgendwo in San José oder Wuhan schlägt ein Schmetterling mit den Flügeln."

Hlidaci pes (Tschechien), 20.08.2026

Robert Břešťan unterhält sich mit dem Historiker Prokop Tomek vom Militärhistorischen Institut in Prag über die Rolle der DDR am Ende des Prager Frühlings 1968. Wie man heute wisse, war die DDR politisch durchaus am Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei beteiligt, wenn auch nicht militärisch - was nur eine haarknappe Entscheidung gewesen sei, wie Tomek berichtet. "Im Juli 1968 wurde die ostdeutsche Seite über den Interventionsplan informiert und angewiesen, zwei bestimmte Divisionen bereitzustellen - eine Panzerdivision und eine motorisierte Schützendivision. Diese wurden nahe der tschechoslowakischen Grenze in Bereitschaft versetzt und hatten konkrete Aufgaben. Letztlich kamen sie aber nicht zum Einsatz. Diese Entscheidung fiel erst sehr kurzfristig, vermutlich in der Nacht vom 20. auf den 21. August. Wir wissen also, dass eine militärische Beteiligung zwar geplant war, aber in dem ursprünglich vorgesehenen Umfang von zwei ostdeutschen Divisionen, also rund 20.000 Soldaten, nicht stattfand. (…) Es ist nicht auszuschließen - und sogar recht wahrscheinlich -, dass einzelne Fahrzeuge oder ein paar Dutzend DDR-Soldaten im Rahmen von Aufklärungsmissionen über die Grenze drangen, Erkundungen durchführten und sich wieder zurückzogen." Interessant sei auch, "dass im Sommer 1968 in der DDR ein Lehrgang für Offiziere der Nationalen Volksarmee stattfand, die auf ihre Rolle als Militärkommandanten in nordböhmischen Städten vorbereitet wurden - eine bemerkenswerte Vorstellung, dass gerade mal 23 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg ein deutscher Offizier als Militärkommandant einer Stadt auf tschechoslowakischem Gebiet fungiert hätte." Dass dies eine ungute Idee wäre, wurde der sowjetischen Seite dann offenbar in letzter Minute klar. "Es ist eindeutig nicht der Fall, dass die DDR-Seite selbst ihre Meinung geändert hätte - ganz im Gegenteil, sie stimmte dem Vorhaben zu und schickte Soldaten auf Bereitschaftspositionen. (…) Die Entscheidung fiel auf sowjetischer Seite auf Ebene von Marschall Jakubowski." Ob auch Breschnjew an der Entscheidung beteiligt war, sei nach wie vor ungeklärt, so der Historiker. "Klar ist jedoch, dass die DDR alle Dokumente unterzeichnet hatte. Sie verkündete ihre Teilnahme selbst voller Stolz und vermeldete sogar mehrere Verluste in ihren Reihen während der Verlegungen. Interessant ist allerdings, dass es in den beiden einsatzbereiten Divisionen Offiziere gab, die die Teilnahme verweigerten - sie baten dann um ihren Abschied aus der Armee, was Strafen nach sich zog, da solche Verweigerungen unter den Bedingungen einer bestehenden Gefechtsbereitschaft noch strenger geahndet wurde."
Archiv: Hlidaci pes