Die Zeitschrift Le Grand Continent, die an die höchst renommierte Ecole Normale Supérieure angeschlossen ist, beschäftigt sich sehr intensiv mit den aktuellen Diskursen der extremen Rechten. Im Ferienmonat August erscheinen einige Artikel zu Zentralbegriffen der heutigen Rechtsextremen. Der junge Zeithistoriker Sergi Soler Lópezwidmet sich dem Begriff des "Grand Remplacement", der in kürzester Zeit eine ungeheure Karriere durchlaufen hat: "In fünfzehn Jahren hat er den Weg vom radikalen Slogan zu den Organigrammen der amerikanischen Bundesregierung geschafft." Wie so häufig, wenn es um fatale Theorien geht, ist ein Franzose Erfinder des Begriffs, Renaud Camus, der den Begriff des "Großen Austauschs" 2011 zum Titel eines Bestsellers machte. Auch andere französische Autoren wie Alain de Benoist und der Romancier Jean Raspail spielten bei der Verbreitung des Begriffs eine Rolle. Das Bestechende an dem Begriff ist seine Anschlussfähigkeit, so López: Es gibt ihn in extrem antisemitischen Ausprägungen, wo Juden wie George Soros für den "großen Austausch" verantwortlich gemacht werden, und in milderen Varianten, wo man lieber von der "Finanzelite" oder Ähnlichem spricht. "Die Auswirkungen dieser Theorie im 21. Jahrhundert sind gut dokumentiert. Die schwerwiegendsten Anschläge weißer Supremacisten dieser Zeit beriefen sich darauf. Der Täter des Massakers von Christchurch übernahm 2019 den Titel seines Manifests direkt aus dieser Fantasiegeschichte, der Attentäter von El Paso berief sich auf eine 'Invasion' von Texas, und der Täter des Anschlags von Buffalo im Jahr 2022 griff die Argumentation weitgehend auf." Das gleiche gilt für den Attentäter auf die Synagoge von Pittsburgh, so López. "Im Jahr 2026 ist diese Überzeugung keineswegs mehr eine Randerscheinung. Eine Umfrage aus dem Jahr 2022 ergab, dass ein Drittel der Amerikaner und zwei Drittel der republikanischen Wähler einer der zentralen Thesen dieser Theorie zustimmten; eine wenige Tage nach dem Anschlag in Buffalo durchgeführte Umfrage bezifferte den Anteil der Trump-Wähler, die den Kern der Argumentation teilten, auf 61 Prozent. Im selben Jahr dokumentierte eine journalistische Untersuchung, dass der Moderator Tucker Carlson in Sendungen für ein breites Publikum regelmäßig Varianten dieser These vertrat. Meinungsumfragen ergaben zudem, dass die Zustimmung zu den Thesen der 'Austauschtheorie' mit einer deutlich stärkeren Neigung einhergeht, politische Gewalt als gerechtfertigt zu betrachten."
Camille Nédellec führt ein wunderschönes Gespräch mit der Historikerin Judith Lyon-Caen, einer Spezialistin für Warschau und vor allem die Geschichte des Warschauer Ghettos. Sie hat zusammen mit einer Kollegin Schriften von Rachela Auerbach auf Französisch herausgebracht, die vor zwei Jahren auch auf Deutsch ediert wurden. Auerbach war eine der Archivarinnen des Warschauer Ghettos, eine der ganz wenigen, die überlebt haben. In Deutschland hatte Natan Sznaider in der SZ das Buch nach dem 7. Oktober als sein Buch des Jahres gewählt (mehr dazu auf der Seite des Metropol Verlags).
Die Dichterin Zuzanna Ginczanka, 1938. Musée de la Littérature / East News.
Judith Lyon-Caen spricht von einer weiteren Autorin, die vielleicht auch in Deutschland neu zu entdecken wäre. Sie beweist für sie, dass das Gedächtnis, auch wenn es keine Überlebenden mehr gibt, am besten durch Literatur übermittelt werden kann: "Ich möchte ein Beispiel anführen: die Dichterin Zuzanna Ginczanka, Jüdin, Widerstandskämpferin, die 1944 in Krakau von der Gestapo ermordet wurde. Sie war erst 27 Jahre alt. Dank der sehr schönen Übersetzungen von Isabelle Macor kann man ihr Werk auf Französisch lesen. Die Modernität von Ginczanka, die in Kiew geboren wurde, aber die polnische Staatsangehörigkeit besaß, ist verblüffend: Der einzige zu ihren Lebzeiten veröffentlichte Gedichtband, 'Die Zentauren', drückt auf sehr intensive Weise ihr Verlangen nach Freiheit - einschließlich sexueller Freiheit - durch die Verherrlichung ihres eigenen Körpers aus. Ginczanka war eine verehrte Figur der Warschauer Avantgarde der Zwischenkriegszeit gewesen. Eine junge Filmemacherin polnischer Herkunft, Joanna Grudzinska, hat kürzlich einen wunderbaren Dokumentarfilm über sie gedreht, der den Titel 'Tout de moi ne disparaîtra pas' (Nicht alles von mir wird verschwinden) trägt." Polnische Fauen, die in den letzten Jahren für ihr Recht auf Abtreibung demonstrierten, rezitierten bei ihren Demos auch Gedichte von Ginczanka. "Ginczankas Gedichte gewinnen ihre Kraft und Schönheit zurück, wenn sie von diesen Frauen vorgetragen werden, die für ihre Freiheit kämpfen. Das unterscheidet sich grundlegend von den Gedenkinitiativen wie den sogenannten 'archäologischen' Ausgrabungen, den großen Museen oder der Neuschreibung eines nationalen Narrativs, die paradoxerweise manchmal einen schmerzhaften Effekt der Erstarrung und Auslöschung hervorrufen können." Einige Gedichte von Ginczanka kann man hier auf Deutsch lesen.
Roberto Saviano klingt bitter in diesem ausführlichen Gespräch. Würde er nochmal beginnen, dann würde er "Gomorrha" nicht nochmal schreiben, sagt er. Zu umdüstert ist sein Leben im Versteck. Und der Stadt Neapel wirft er vor, ihn verraten zu haben. Aber was er über die Mafias in dieser Welt sagt, bleibt äußerst lesenswert. Der Erfolg einer Mafia, lehrt er, bemisst sich nicht nach dem Ausmaß der Gewalt, das sie über die Gesellschaft bringt, sondern nach dem Grad, in dem sie sich unauffällig in die legale Wirtschaft integriert. Dies ist in Ländern wie Frankreich oder Deutschland laut Saviano längst geschehen. Als Beispiel erzählt er von einem Geldwäschefall, der in Frankreich aufflog. Involviert waren scheinbar ganz normale Baufirmen: "Bei den als Scheinfirmen genutzten Unternehmen handelte es sich um Bauunternehmen aus Perpignan, Narbonne und Béziers, die eine echte wirtschaftliche Tätigkeit ausübten und einen echten Umsatz erzielten. Keine Scheinfirmen auf den Seychellen: französische Baustellen, auf denen tatsächlich gebaut wurde. Der Vorsitzende des Bauverbands des Departements Bouches-du-Rhône räumt ein, dass diese Unternehmen Ausschreibungen mit Angeboten gewinnen, die 25, 30 oder sogar 40 Prozent unter dem Marktpreis liegen, und dass die Branche im Zusammenhang mit der Personalbeschaffung auf Baustellen rund um Marseille Drohungen und Erpressungen ausgesetzt ist. Mit anderen Worten: Drogengeld gewinnt französische öffentliche Ausschreibungen mit Bewerbungen unter Preis. Es verdrängt legale Unternehmen genau aus diesem Grund: Seine Rentabilität hat es bereits anderswo erzielt."
Redefreiheit, Meinungsfreiheit waren nie eine Selbstverständlichkeit, obwohl es erstaunt, dass immer wieder Debatten darüber geführt werden müssen. Die HistorikerinMaya Kandelzeigt, wie Donald Trump und die Maga-Bewegung das Thema manipulieren und damit sogar Europa bedrohen. Die Impulse gingen von Trump selbst aus, der unter dem Zeichen der Meinungsfreiheit schiere Lügen über seine verlorene Wahl 2020, den Putschversuch am 6. Januar 2021 und auch Verschwörungstheorien über Covid verbreiten wollte - und die traditionellen Medien selbst der Lüge bezichtigte. Sein Ausschluss aus den sozialen Medien habe ihn traumatisiert, so Kandel, aber eher in seinem Agieren bestärkt. Dieser Umgang mit dem Thema wurde dann auch zur Waffe im Kulturkampf gegen die verachtete Europäische Union geschmiedet. Vor allem geht es um europäische digitale Regulierungsversuche. "Die Rede von J.D. Vance auf der Münchner Sicherheitskonferenz markiert in der Tat den Startschuss für die Maga-Kampagne gegen europäische Vorschriften und Grundsätze. Er liefert dafür den intellektuellen Rahmen, indem er Europa vorwirft, unter dem Deckmantel der Bekämpfung von Hass und Desinformation in autoritäre Bahnen abzudriften, und indem er Regulierungs- und Moderationsmaßnahmen mit einem Angriff auf die Rechte und die konservative Kultur in Verbindung bringt, wodurch er die Legitimität des europäischen Modells in Frage stellt. Genau dieser intellektuelle Rahmen taucht auch in der am 5. Dezember 2025 veröffentlichten 'nationalen Sicherheitsstrategie' wieder auf."
Ebenfalls in Le Grand continentspricht die HistorikerinFrançoise Melonio über die Frage, wie Alexis de Tocqueville, Autor des berühmtesten aller Bücher über Amerika, wohl über die Vereinigten Staaten unter Trump denken würde: "Tocqueville war von der Entwicklung der Vereinigten Staaten nach den 1850er Jahren zutiefst bestürzt. Er erkannte sehr deutlich das Aufkommen einer gewalttätigen politischen Klasse, eine Folge dessen, was er als die 'unheilbare Wunde' der Sklaverei bezeichnete, und der Zustrom europäischer Einwanderer, denen die über Generationen hinweg erworbene umfassende Erziehung zur Freiheit fehlte, bereitete ihm ebenfalls Sorge. Mir gefällt sehr seine Formulierung, dass Amerika der 'puer robustus' von Hobbes sei. Der 'puer robustus' bei Hobbes hat die Kraft eines Erwachsenen mit der Vernunft eines Kindes. Es ist eine Kraft, die schneller wächst als die Weisheit. Das ist keine schlechte Beschreibung des derzeitigen US-Präsidenten… Tocqueville bewahrte jedoch einen echten Optimismus hinsichtlich der Zukunft der Vereinigten Staaten, einen Optimismus, den die Amerikaner von heute nicht mehr teilen: Viele zweifeln laut den jüngsten Umfragen am Fortbestand ihres Modells."
Heute werden in einer höchst feierlichen Zeremonie die sterblichen Überreste des Historikers Marc Blochins Pantheon überführt. Bloch ist nicht nur einer der bedeutendsten Historiker Frankreichs, Begründer der Sozialgeschichtsschreibung um die Zeitschrift Annales, sondern er war auch Widerstandskämpfer und wurde von den Nazis gefoltert und ermordet. Er hat einige Texte hinterlassen, die die Reflexion über das finstere 20. Jahrhundert mitprägen, unter anderem "L'Etrange Défaite", die Reflexion über die Niederlage Frankreichs im Jahr 1940. Le Grand Continentpräsentiert einen Vortrag des gerade verstorbenen großen italienischen Historikers Carlo Ginzburg, den dieser aus dem Anlass der Pantheonisierung Blochs geschrieben hat. Es handelt sich um einen tiefsinnigen, schwierigen und schönen Text über Blochs berühmte Studie "Die wundertätigen Könige". Ginzburg spürt in einer Geschichte über den wundertätigen König Guntram (6. Jahrhundert), die von Gregor von Tours überliefert ist, einen Übersetzungslapsus Blochs auf. Eine Frau berührt den Mantel des Königs, ohne dass er es bemerkt. Ihr Sohn ist krank. Sie kocht einen Sud aus kleinen Fetzen des Mantels. Der Sohn wird geheilt. Ginzburg erinnert sich an die Geschichte eines Wunders, die über Jesus erzählt wird, das Wunder von der "blutflüssigen Frau". Auch sie berührt Jesus' Mantel, ohne dass er es bemerkt und wird geheilt. Bloch weist auf diese Parallele nicht hin - aber er übersetzt eine Passage im Text von Gregor von Tours falsch, nämlich so, wie sie über Jesus im Markus-Evangelium erzählt wird. "Dieses Detail beweist zweifelsfrei, dass Bloch zwischen den Zeilen der Passage von Gregor von Tours das Wunder der blutflüssigen Frau erkannt hat, das Tours inspirierte." Ginzburg schließt daran Reflexionen über Blochs Geschichtsschreibung und über sein Verhältnis zum Christentum an, denn Bloch war wie Ginzburg Jude. Und er zitiert einen wunderschönen Satz von Bloch über Geschichtsschreibung als Entzifferung eines Palimpsests. In alten Lehrwerken, sagt Bloch da, interessiert uns etwas anderes als was die Autoren lehren wollten. "Die Schriften mittelalterlicher Chronisten und die Memoiren des Herzogs von Saint-Simon sind zweifellos nach wie vor von Interesse - aber nicht nur wegen der darin geschilderten Ereignisse, sondern vor allem wegen der Einblicke, die diese Texte unbewusst in die Denkweise der Mönche oder in die Psyche eines Herzogs und hohen Adligen gewähren."
Etwas papstfromm, aber ganz instruktiv liest sich das Gespräch, das Jean-Benoît Poulle mit Mikael Corre von der katholischen Zeitung La Croix geführt hat. Corre hat ein ganzes Buch über das Konklave geschrieben, das zur Wahl Leos XIV. geführt hatte: "Géopolitique d'un conclave - Elire un pape quand les empires reviennent" (Paris, Bayard, 2026). Dass ein Amerikaner zum Papst gewählt werden könnte, erschien zunächst geradezu unmöglich, so Corre. Bei näherem Hinsehen ergibt das Votum für Robert Francis Prevost allerdings Sinn, denn Leo bezog sich auf Augustinus, so wie der Neokatholik J.D. Vance (der übrigens ein Buch über seine Bekehrung vorbereitet, "Communion - Finding My Way Back to Faith"). Auch wenn das Votum nicht als eine direkte Reaktion auf Vance gelesen werden darf, so Corre, geschah es doch in einer signifikanten politischen Konjunktur: "Der Heilige Augustinus steht heute im Mittelpunkt eines Auslegungsstreits zwischen dem Heiligen Stuhl und der Trump-Regierung." Vance hatte Augustinus zitiert, um eine restriktive Migrationspolitik und den Krieg gegen den Iran zu rechtfertigen. Der Papst, von der Befreiungstheologie geprägt, hatte Vance hier vehement widersprochen. Vance hat den Papst dann überdies wie einen Schuljungen abgefertigt, der Papst solle vorsichtig sein, wenn er über Theologie spricht. "Einen Augustiner im Jahr 2025 zu wählen, bedeutete auch - ohne dies direkt auszusprechen -, einen Mann zu wählen, der in der Lage ist, Augustinus jenen wieder abzunehmen, die ihn instrumentalisieren und die ihn zum willfährigen Autor einer nationalistischen und gewalttätigen Theologie machen."
Der Iran verfügt im aktuellen Krieg über zwei entscheidende Waffen, schreibt der Terrorexperte Asiem El Difraoui: die Blockade der Straße von Hormus und Terror. Hier besteht durchaus noch eine Mobilisierungskraft: "Auch wenn das iranische Regime heute eher eine theologische Kleptokratie als ein revolutionärer islamischer Staat ist, in dem - wie der Soziologe Farhad Khosrokhavar schreibt - die jüngeren Generationen absolut nichts vom Märtyrertum wissen wollen, so gibt es dennoch innerhalb des Landes Bevölkerungsgruppen, insbesondere die Mitglieder der Basij-Miliz, die so sehr indoktriniert sind, dass der Märtyrerkult fast Teil ihrer DNA ist. Allerdings verstehen sie unter dem Märtyrertum eher das Streben nach dem Tod im Kampf - eine gefürchtete Waffe, die die USA von einer Bodenintervention abhalten könnte - als durch einen Selbstmordanschlag. Um Selbstmordattentate zu verüben, verfügt das Regime vor allem über Hilfskräfte, die im Ausland mobilisiert werden können: ultra-radikale Milizen im Irak, die Hisbollah im Libanon oder Zellen schiitischer Fanatiker überall in der arabisch-muslimischen Welt." In den letzten Wochen hat es bereits zahlreiche Attentate auf jüdische Ziele in Europa gegeben, erinnert El Difraoui, etwa in London, Rotterdam oder Antwerpen. "Diese Serie hat System, ist geografisch verstreut und es ist eine einzige Gruppe, die sich zu den Attentaten bekennt, der 'Harakat Ashab al-Yamin al-Islamiya'. Diese Organisation, deren Name mit 'Islamische Bewegung der Anhänger der Gerechten' übersetzt werden könnte, war bisher völlig unbekannt. Sie verfügt weder über eine Website noch über eigene Kanäle in den sozialen Netzwerken. Das besonders neue und beunruhigende Anzeichen ist jedoch, dass ihre Bekennerschreiben, die auf Arabisch und Englisch verbreitet wurden, sowie die Videos der Anschläge ausschließlich über Telegram-Kanäle verbreitet wurden, die von Anhängern der libanesischen Hisbollah und der iranischen Revolutionsgarden betrieben werden."
Es ist nicht nur so, dass die westliche Linke eine echte Schwäche für den Ayatollah Khomeini und sein finsteres Regime hat, der Ayatollah hat auch umgekehrt von den westlichen Linken gelernt. Die Politologin Laurence Louërerklärt die "Eschatologie der Zwölfer-Schia", also jener Richtung des schiitischen Islams, der die Iraner angehören. Sie warten nun seit weit über tausend Jahren auf die Ankunft des Mahdi, der laut ihrer Theologie irgendwo versteckt leben soll. Die Erfindung Khomeinis, bei der er von den Linken des Westens abgeschaut haben mag, ist nun, dass er gewissermaßen das Jenseits im Hiesigen erzwingt. Er versprach zwar keine "klassenlose Gesellschaft", noch nicht mal einen "real existierenden Sozialismus", aber erschuf eine Doktrin, nach der die Ayatollahs auf Erden herrschen sollen, solange der Mahdi sich nicht blicken lässt. Diese Lehre nennt sich "Wilayat al-Faqih" oder "Herrschaft des islamischen Rechtsgelehrten". Nicht alle der Großayatollahs machten da allerdings mit, so Louër. Und so ergaben sich einige praktische Probleme: "Die Ernennung von Ali Khamenei zum Revolutionsführer ist ein perfektes Beispiel dafür. Da keiner der großen iranischen Religionsgelehrten die Wilayat al-Faqih unterstützte, konnte Khomeini keinen Nachfolger ernennen, der über dasselbe religiöse Wissen verfügte wie er selbst. Ali Khamenei war ein erfahrener und geschickter Politiker, hatte jedoch nicht den Rang eines Großayatollahs erreicht, den die Verfassung von 1979 für das Amt des Obersten Führers vorschrieb. Er war somit eine Notlösung, die eine Änderung der Verfassung erforderte und die Khomeinis Priorität widerspiegelt, das Regime zu erhalten, anstatt die theokratische Norm zu wahren. Diese Wahl markierte eine Krise der religiösen Legitimität des Regimes, die sich in Wirklichkeit nie aufgelöst hat."
Der Historiker Amaury Coulomberklärt dem internationalen Publikum den Mythos vom deutschen Wald, denn dieser wird gerade von der AfD wiederbelebt und erlaubt es der rechtsextremen Partei, mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: die Fremdenfeindlichkeit, den Hass auf Windräder und die unauffällige Wiedereinführung eines Nazivokabulars mit Begriffen wie dem des "Lebensraums". Coulomb liest dafür unter anderem das Wahlkampfprogramm der sachsen-anhaltischen AfD, die Chancen hat, an die Regierung zu kommen. "In einem Abschnitt, der sich mit Agrikultur, Forstwirtschaft und Heimat befasst, heißt es, dass Asylbewerber bis zu ihrer sehr wahrscheinlichen Ausweisung Aufforstungsarbeiten werden verrichten müssen. Im folgenden Absatz wird festgehalten, dass 'der Mythos des Waldes und die Waldromantik ein zentraler Bestandteil unserer Kultur und Geschichte sind', die Errichtung von Windkraftanlagen in diesen Gebieten wird im Namen des Schutzes der Artenvielfalt kritisiert. Um ihre systematischen Angriffe auf die Energiewende zu rechtfertigen, bedient sich die AfD ökologischer Argumente. Die Partei, die nach wie vor eine entschiedene Gegnerin der Klimapolitik und Verfechterin fossiler Energien ist, scheint damit an eine spezifische 'ökofaschistische' Tradition anzuknüpfen."
Ist der Trumpismus ein Faschismus? Ein prominenter Verfechter dieser These ist Timothy Snyder, neulich erst wieder in der FAS, unser Resümee. Oder ist der Trumpismus ein Cäsarismus - Liebhaber dieser These finden in Soziopolis bei Felix Sassmannshausen Futter. Dem SZ-Autor Gustav Seibt gefällt hingegen der Vergleich mit Nero besser, unser Resümee. Oder doch lieber Augustus? (mehr hier). Oder ein bisschen Imperialismus des 19. Jahrhunderts gefällig (mehr hier)? Alles falsch, beim Trumpismus handelt es sich eindeutig umeinen Fall von Neo-Royalismus, diagnostizieren die amerikanischen Politologen Stacie Goddard und Abraham Newman. Der Trumpismus zeichne sich durch die strikte Leugnung zweier Grundprinzipien der aktuellen Weltordnung aus: "der gegenseitigen Anerkennung der äußeren Souveränität der Staaten und des Vorrangs des Rechts als Grundlage der politischen Legitimität und als Grenze der Machtausübung." An deren Stelle tritt ein "präwestfälischer" Klanismus, vergleichbar mit den Monarchien bis zum Dreißigjährigen Krieg. Inklusive Gottgesandtheit: Die neoreaktionären Vordenker der "dunklen Aufklärung" beschwören bekanntlich ein Zeitalter neuer Könige. Und "andere Äußerungen Trumps oder seiner engen Mitarbeiter stellen seine Präsidentschaft als ein Mandat des Himmels dar, das nicht vom Volk, sondern von Gott erteilt worden sei. In seiner Antrittsrede erklärte der Präsident der Vereinigten Staaten, dass der Mordversuch, dem er entgangen war, beweise, dass er 'von Gott gerettet worden sei, um Amerika wieder groß zu machen'. Monate später, im Mai 2025, organisierte der Verteidigungsminister einen christlichen Gebetsgottesdienst im Pentagon, bei dem laut der New York Times 'Präsident Trump als von Gott bestimmter Führer gefeiert wurde'."
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