Arno Widmann

Sprenger

Roman
Cover: Sprenger
Folio Verlag, Wien - Bozen 2002
ISBN 9783852562216
Gebunden, 338 Seiten, 19,50 EUR

Klappentext

Die Welt des Gerhard Sprenger, Philosophieprofessor aus Westberlin, ist geprägt wie begrenzt durch das Faktum, das sich zwischen ihn und das Leben gedrängt hat: seine Leibesfülle. Über ein befreundetes Forscherehepaar wird er zu einem mehrmonatigen Ferienaufenthalt in Mexiko eingeladen. Man trifft sich im Pool in einer Männerrunde, doch weder die Diskussionen mit einem Finanzhai oder einem Wirtschaftsanwalt über Weltmarkt, Gott, Islam und Frauen noch die Gespräche mit heimischen linksintellektuellen Großgrundabkömmlingen beschäftigen ihn annähernd so wie die Veränderungen an ihm selbst: Er nimmt ab, sein Skeptizismus tritt zurück, menschliche Regungen stellen sich wieder ein. Man schreibt das Jahr 1989 - und während Sprenger über Veränderungen der Welt nachdenkt in einem Land, in dem sich nichts verändert, verändert sich Deutschland. Und er ist nicht dabei ...

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 27.03.2003

Wenig hält Rezensentin Gabrielle Killert von Arno Widmanns Romandebüt über einen "auf hohem Gehaltsniveau" schwadronierenden alternden Philosophen, der nicht merkt, dass er Teil des akademischen Spießertums ist, gegen das er sich "in leicht ranzigem Protest" gelegentlich auflehnt. Obwohl man ihrem schmissigen Verriss durchaus entnehmen kann, dass das Buch auch außerordentlich amüsante Seiten hat, hält es die Rezensentin für ein grobes Missverständnis, den Roman als Satire zu lesen. Dazu nämlich sei Widmann viel zu verliebt in seinen Helden, der, wie ihre Beschreibung nahelegt, gelegentlich von ihm gar nicht zu unterscheiden ist. Dabei könnte Sprenger der Rezensentin zufolge "ein zweiter Dr. Johnson" sein, "hätte nur ein Boswell seine Meinungen aufgeschrieben." So aber nehme die Geschichte ein trübes Ende. Und wie der Professor seinen Studenten, scheint auch Widmann der Rezensentin die Frage aufzugeben: "Ist das nun Denken oder Wackelpudding mit Blutwurst, aus dem Messkelch gekippter Beton oder schlecht decantierter alter Hegel?"

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 19.11.2002

Wohl um verstanden zu werden, habe der Autor deutliche Zeichen gesetzt, vermutet Sebstian Domsch; ihm ist es ganz offensichtlich zu viel der Symbolik. Das beginnt mit dem Titel und zugleich Namen des Protagonisten "Sprenger", der alle Formate und vor allem Kleidergrößen sprengt, geht weiter mit dem sein Wissen nur so um sich schmeißenden Philosophieprofessor, der dann figurmäßig immer mehr schwindet - nicht zufällig zur gleichen Zeit, zu der sich die DDR auflöst - und am Ende einen ziemlich banalen aber finalen Abgang erlebt. Zugegeben, so Domsch, das alles lese sich über längere Strecken sehr amüsant und manchmal richtig geistreich, doch gerade gegen Ende sei es ihm so vorgekommen, als wäre Widmann zu seinem Helden kein rechtes Ende eingefallen, manches wirke sehr unmotiviert. Bezugnehmend auf bereits erschienene Kritiken, die die Vermutung geäußert haben, Widmann beschreibe mit "Sprenger" das Verschwinden des Politischen, sieht Domsch eher den Fall gegeben, dass das Politische das Literarische zum Verschwinden gebracht habe. Letztlich, so schreibt Domsch, bleibe Widmann in den Konventionen eines "süffisant-zynischen Konversationsromans" gefangen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 15.10.2002

Ein etwas ambivalentes Lob hat Meike Fessmann für das literarische Debüt des langjährigen Tazlers, späteren Feuilletonchefs der ZEIT und heutigen Redakteurs der Berliner Zeitung Arno Widmann. Es sei dem Autor in seinem Text, den sie über weite Strecken als "beste Real-Satire einer untergegangenen Zeit" bezeichnet, um ein "Verschwinden" gegangen, womöglich das "Verschwinden Westdeutschlands". Sie hingegen ordnet das Buch in die "Gattung jener Romane", deren "Gelingen immer auch ein Scheitern ist. Triumph und Scham gehen Hand in Hand". Das "Gelingen", von dem sie schreibt, ist nämlich eines, das die "hehren politischen Ideale" der Generation des Autors als "schlichte Omnipotenzträume" entlarvt. Und so liest sie aus den leiblichen und geistigen Abenteuern des Protagonisten am Ende ein "Verschwinden des Politischen" heraus, ganz im "Trend" einer "stillschweigenden Umcodierung dessen, was einmal als politisch galt".

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