Aus dem Italienischen von Esther Hansen und Constanze Neumann. Modesta ist eine Sizilianerin, die nach Leben dürstet und für ihre Unabhängigkeit kämpft. Sie erlebt das zwanzigste Jahrhundert auf der Suche nach persönlichem Glück und Erfüllung - gegen alle Widerstände. Als großzügige Freundin, liebende Mutter und leidenschaftliche Liebhaberin begegnet sie dem Leben mit der inneren Größe, die den Heldinnen und Helden der Weltliteratur eigen ist.
Rezensentin Marielle Kreienborg schwelgt in den Lustszenen in Goliarda Sapienzas neu übersetztem Frauenroman aus dem Jahr 1979. Dass der Text erst 2008 in Italien erschien, kann die Rezensentin kaum fassen, derart meisterlich hebt die Autorin darin das Konzept der Kernfamilie aus den Angeln, erschafft mit ihrer skandalösen Figur Modesta eine fluide Gestalt wie sie im Buche steht und arbeitet gekonnt mit verschiedenen Redeweisen und Perspektiven. Umso besser gefällt Modesta der Rezensentin, als sie eben kein feministisches Ideal verkörpert, sondern durchaus paternalistisch und manipulativ agiert. Eine Ideologiefreiheit, die Figur und Autorin gemein haben, stellt Kreienborg befriedigt fest.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 06.09.2022
Goliarda Sapienza war ein "Naturereignis", meint Rezensentin Maike Albath und kann kaum fassen, dass die italienische Schauspielerin, die mit Blasetti und Visconti drehte und Teil der römischen Bohème war, in Vergessenheit geriet. Ihr schriftstellerisches Werk wurde erst nach ihrem Tod gewürdigt - und glücklicherweise hat der Aufbau-Verlag ihr Hauptwerk "Die Kunst der Freude" in durchgesehener Übersetzung sowie ihre jetzt erstmals übersetzten Gefängnisbücher "Tage in Rebibbia" noch einmal herausgebracht, freut sich Albath. Lesenswert sind beide Bücher, versichert die Kritikerin. In "Die Kunst der Freude" ist es der "epische Prunk", das nahezu "Dostojewskihafte", das sie in den Bann zieht: Die Geschichte um die Machiavellistin Modesta, die Männer, Frauen und Mädchen immer wieder erobert und kurzerhand beseitigt, ist so "verstörend" wie sinnlich, erklärt die Rezensentin, die Sapienza hier allerdings durchaus einen Hang zur Melodramatik attestiert. Jahre später entstand das Gefängnisjournal "Tage in Rebibbia", in dem Sapienza ihren nur wenige Tage dauernden Gefängnisaufenthalt zu einem "soziologisch tiefenscharfen Fresko" über die Verwahrlosung der Frauen im Gefängnis ausbaut, staunt die Rezensentin. Wie die Autorin sowohl die seelische Zerrüttung der Drogenabhängigen als auch die Zwangslage vieler Schließerinnen beschreibt, ringt Albath große Anerkennung ab.
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