Iryna Fingerova

Zugwind

Roman
Cover: Zugwind
Rowohlt Verlag, Hamburg 2026
ISBN 9783498008000
Gebunden, 304 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Aus dem Ukrainischen von Jakob Walosczyk. Mira Zehmann ist Hausärztin, Mutter, Ehefrau. Sie stammt aus einer jüdischen Familie in Odesa, vor Jahren hat sie zusammen mit ihrem Mann die Ukraine verlassen, um in Deutschland ihr eigenes Leben zu leben - für sich und ihre kleine Tochter. Doch als in ihrer alten Heimat Bomben explodieren, gerät ihre Welt aus den Fugen, und ein erbarmungsloser Zugwind weht durch ihr Leben. Die Hausarztpraxis wird zur Anlaufstelle, lang ist die Schlange der ukrainischen Patienten, die alle zu Mira wollen auf der Suche nach Trost, nach Heilung und Mitgefühl. Ob eine Affäre hilft, Miras Unmut über den unendlich langen Besuch der Schwiegermutter zu überwinden? Als Mira verfolgt, wie ihre Patienten zwischen den Welten reisen, steht für sie fest: Sie muss nach Odesa, muss ihre über neunzigjährige Oma besuchen, das Meer sehen, mit ihren Freunden tanzen gehen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 14.03.2026

In Iryna Fingerovas Protagonistin Mira Zehmann, eine ukrainische Ärztin, die noch vor der russischen Invasion nach Deutschland kam, sieht Kritiker Christian Thomas auch stark die Autorin: Zehmann lebt seit Februar 2022 ein "Leben im Spagat", sie hat viele ukrainische Patienten, begegnet vielen schlimmen Schicksalen. Auf den Mund gefallen ist sie nicht, berichtet lakonisch davon, wie neben ihrem Zahnimplantat auch die Zigaretten fast einBestandteil ihres Körpers sind. Weniger lustig ist die komplizierte Familiengeschichte, so Thomas, sie sind Juden aus Odessa, ihre Angehörigen sind fast über die ganze Welt verstreut. Mira umweht ein ständiges Gefühl von "Zugwind", oder Zerrissenheit, ein "Flüchtlingssyndrom", erklärt der Kritiker, obwohl sie allen Herausforderungen durchaus quirlig und fröhlich begegne. Bei diesem "Zugwind" denkt der beeindruckte Kritiker unweigerlich auch an Mandelstam, Pilnjak oder Celan.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 13.03.2026

"Die Welt ist am Arsch!", stellt Iryna Fingerovas Erzählerin und wohl auch Alter Ego Mira Zehmann in einem Satz fest, um ihm im nächsten wieder "heftig Paroli" zu bieten, beschreibt Rezensentin Ilma Rakusa: Mal zornig, mal schwermütig, mal trotzig heiter und übermütig, mal todernst - so schreibt die gebürtige Ukrainerin von ihrem Alltag im deutschen Exil, der durch den russischen Angriffskrieg gewaltig in Unordnung gebracht wird. Wie ein "Sturm" wütet dieser Krieg in ihr und ihrem Leben. Doch gerade in dieser Unruhe, in diesem Chaos beschließt sie, das Leben mehr denn je zu spüren, zu genießen, denn schließlich gibt es nur das eine, und das ist wertvoll. Was wie eine Plattitüde klingt, setzt Fingerova in ihrem Roman sinnlich in Literatur um, freut sich Rakusa, eine intensive, lebensechte Literatur, heißt: voller Witz und voller Widersprüche und Ambivalenzen, facettenreich, wendungsreich, gedankenreich. Es geht um Fragen der Identität und der Religion, es geht um Heimat und um Traumata, es geht um Gewalt, um Bücher, um Exzess. Es geht um den Willen zum Leben und dieser Wille, so die begeisterte Rezensentin, diese trotzige Lust am Dasein steckt an.

Beliebte Bücher

Shida Bazyar. Die Lücken - Roman. Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln, 2026.Shida Bazyar: Die Lücken
Heimesbach im Hunsrück ist ein fiktiver Ort, an dem sich neunzig Jahre deutscher Geschichte in die Mauern und Biografien eingenistet haben. Es ist eine Gemeinde, die ihre…
Dana Vowinckel. Anton und Alma - Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin, 2026.Dana Vowinckel: Anton und Alma
Anton und Alma lernen sich bei einem Schüleraustausch in der Bretagne kennen. Jahre später treffen sie sich auf einer Party wieder. Beide kommen aus Berlin und studieren…
Eva Menasse. Alleinruhelage - Roman. Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln, 2026.Eva Menasse: Alleinruhelage
Nach dem Ende der Ehe steht eine Frau mit ihrem Wochenendhaus plötzlich allein da. Hier hat sie einst mit der Familie die Idylle gesucht und will nun den Neuanfang wagen.…
Ingo Schulze. Das Wasser im August - Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2026.Ingo Schulze: Das Wasser im August
Eingeladen zu einer Lesung aus seinem unfertigen Manuskript, fährt der Erzähler nach Mecklenburg. Eine Landschaft mit weitem Horizont und Wolken, die tief über die Seen ziehen.…