Eine Liebeserklärung an ein aussterbendes Milieu, dessen Kinder vom großen Los träumten, aber auch mit den Trostpreisen zufrieden sind.Manchmal lassen die Eltern die heißen Fabrikhallen hinter sich und fahren los. Mit den Kindern ans Meer, immer an die Nordsee und immer nur für ein paar Tage. Der Rest ist Plackerei: Für das Reihenhaus, für die Kinder, für ein bisschen Glück - wenigstens im Rahmen des Sparkassendarlehens. Martin Becker erzählt in "Die Arbeiter" von einer kleinstädtischen Familie, die es nicht mehr gibt. Von zu früh gestorbenen Eltern und Geschwistern, von einem unverhofften Wiedersehen an der Küste, vom kleinen Wunder, nach dem Verschwinden der Ursprungsfamilie nun selbst Vater zu sein und einen Sohn zu haben. Die altmodischen Nähmaschinen der Mutter, der schwere Schmiedehammer des Vaters, die billig eingerichteten Ferienwohnungen und stets zugequalmten Kleinwagen aus dritter, vierter, fünfter Hand: es ist die Geschichte über eine Herkunft aus einfachen Verhältnissen, fern aller Romantik und Verklärung. Ein Denkmal für die verschwundene Arbeiterfamilie. Eine Liebeserklärung an ein aussterbendes Milieu, dessen Kinder vom großen Los träumten, aber auch mit den Trostpreisen zufrieden sind. Aktueller denn je.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 08.06.2024
Rezensentin Cornelia Geißler findet viel Gefallen an Martin Beckers autofiktionalem Buch, in dem der Autor seine Herkunft aus einer Arbeiterfamilie reflektiert. In den 1980ern setzt das Buch an, erfahren wir, in einem Nest in Nordrhein-Westfalen, es geht um den Vater, von dem sich der Autor abzusetzen versuchte und es doch nie schaffte, und um seine ältere Adoptivschwester, die zeitlebens unter Behinderungen leidet. Die Kindheit war nicht leicht, inzwischen ist der Verfasser zwar seiner sozialen Klasse entkommen, so Geißler, aber eben nicht ganz, etwas hält ihn zurück, das Buch wird ein weiterer Abschied. Das Buch springt zwischen den Zeiten hin und her, erklärt die Rezensentin, die der Ansicht ist, dass Becker der autofiktionalen Methode von Ernaux und Co durchaus etwas hinzuzufügen hat, unter anderem wenn er eine Figur, eine zweite Schwester, hinzuerfindet. Ein ziemlich großes Buch, in dem Familie immer zurück aufs Ich verweist, schließt Geißler.
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