Olga Tokarczuk

E.E.

Roman
Cover: E.E.
Kampa Verlag, Zürich 2024
ISBN 9783311101390
Gebunden, 304 Seiten, 25,00 EUR

Klappentext

Breslau 1908: Als eine der mittleren Töchter einer kinderreichen deutsch-polnischen Familie führt Erna Eltzner ein eher unauffälliges Leben. Alles ändert sich, als sie wenige Tage nach ihrem fünfzehnten Geburtstag am Mittagstisch ohnmächtig wird. Nicht nur hört sie Stimmen, auch ein Geist erscheint ihr. Frau Eltzner ist in heller Aufregung: Zeigen sich in ihrer Erna, der sie sich am nächsten fühlt von allen Kindern, die medialen Fähigkeiten, über die auch sie zu verfügen meint? Ernas Vater Friedrich Eltzner gehen die Belange seiner Kinder nicht wirklich etwas an. Doktor Löwe besucht die Kranke, wenngleich er für Übersinnliches wenig übrig hat, und rät, nach einem Exorzisten zu schicken. Der wundersame Walter Frommer wird zurate gezogen, seines Zeichens Okkultist und bewandert in esoterischen Belangen. Und Joachim Vogel, zweifellos ein Experte auf seinem Gebiet, der sehr modern über psychische Krankheiten denkt. Wenn Frau Eltzner nun zu Séancen lädt, herrscht feierliche Stille in der Wohnung. Tritt die Tochter mit den Seelen der Verstorbenen in Kontakt, ist die verwitwete Frau Schatzmann, die ihren Mann vermisst, ebenso fasziniert wie ihr Sohn Arthur, der ein großer Physiologe werden will. Handelt es sich um eine Gabe, oder ist Erna dem Wahnsinn verfallen, gar hysterisch? Die Fünfzehnjährige wird zum Phänomen, zum Fall E.E.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 16.12.2024

Nach fast dreißig Jahren erscheint Olga Tokarczuks zweiter Roman auch auf Deutsch, hält Rezensent Jörg Plath fest: Im Zentrum steht Erna, die nach einem Ohnmachtsanfall zum okkultistischen Medium auserkoren wird und künftig Botschaften aus anderen Sphären transportieren soll. Sie befindet sich im Breslau des früheren 20. Jahrhunderts in einer Zeit, in der Séancen ungeheuer beliebt sind. Auch die Psychoanalyse bringt durcheinander, was bisher als sicher galt und so projiziert die Tischgesellschaft, die sich mit ihr beschäftigt, lauter verschiedene Hoffnungen und Ideen auf sie. Diese reichen von den freudschen Hysterietheorien, bis zur Kontaktaufnahme mit dem Jenseits - jeder der Beteiligten hat eigene Hoffnungen, was Ernas Fähigkeiten betrifft. Durch ihr ernsthaftes Interesse an den Anliegen der Figuren, vermeidet Tokarczuk aber, die Séancen in "Hokuspokus" abrutschen zu lassen, wie Plath betont. Es entsteht ein interessantes und "durchweg ernstes Buch", das schon die im Laufe ihrer Karriere immer besser werdenden schriftstellerischen Fähigkeiten Tokarczuks anzeigt, freut sich Plath.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 23.11.2024

Rezensentin Christiane Lutz gibt zu, dass dieser frühe Roman von Olga Tokarczuk aus dem Jahr 1995 eher holzschnittartig daherkommt. Dennoch entdeckt die Rezensentin auch hier die Zutaten von Tokarczuks Kunst: ein origineller Satzbau, ein feierlicher Ton, psychologische Klugheit und ein Draht zum Spirituellen und Flüsternden. Die Geschichte um ein junges Medium im Breslau von 1908 erzählt die Autorin laut Lutz aus Sicht all derer, die von der Geschichte profitieren: (angehende) Ärzte, die Mutter, Hobby-Spiritisten. Das Medium selbst, Erna mit Namen, hat nur selten das Wort, so Lutz. Eine feministische Geschichte ganz ohne Empowerment, staunt sie.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 20.09.2024

Rezensentin Tanya Lieske kann mit diesem frühen Roman von Olga Tokarczuk den Werdegang der Autorin nachvollziehen, ihre Entscheidung, nicht mehr als Psychotherapeutin, sondern als Schriftstellerin zu arbeiten, und die Entwicklung ihrer literarischen Mittel, die sich schon hier erkennen lassen, wie Lieske findet. Die Geschichte einer jungen Frau, die im Breslau um 1900 mediale Fähigkeiten entwickelt und damit das Interesse von Wissenschaftlern und Spiritisten weckt, erzählt die Autorin laut Lieske multiperspektivisch entlang der Frage, ob die Wissenschaft in der Lage sei, Okkultes zu erfassen. Dabei webt sie zeitgenössische Debatten und Theorien ein und entwirft so ein Sittenbild des Bürgertums von Breslau, erklärt Lieske. Ein psychologischer Roman ist das Buch allerdings nicht, findet sie. Dafür sind die Figuren nicht lebendig genug, meint sie.

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