Patrick Eiden-Offe

Die Poesie der Klasse

Romantischer Antikapitalismus und die Erfindung des Proletariats
Cover: Die Poesie der Klasse
Matthes und Seitz, Berlin 2017
ISBN 9783957573988
Gebunden, 460 Seiten, 30,00 EUR

Klappentext

Mit der Durchsetzung des Kapitalismus und der Industrialisierung entsteht im frühen 19. Jahrhundert aus verarmten Handwerkern, städtischem Pöbel, umherziehenden ländlichen Unterschichten, bankrotten Adligen und nicht zuletzt freigesetzten prekären Intellektuellen jenes neue soziale Kollektiv, das man in der Sprache der Zeit bald das Proletariat nennen wird. Allerdings existierte dieses zunächst noch nicht als formierte, homogene Klasse mit angeschlossenen politischen Parteien, die den Weg in die bessere Zukunft vorgeben.
Die buntscheckige Erscheinung, die Träume und Sehnsüchte dieser allen ständischen Sicherheiten entrissenen Gestalten fanden neue Formen des Erzählens in romantischen Novellen, Reportagen, sozialstatistischen Untersuchungen, Monatsbulletins. Doch schon bald wurden sie - ungeordnet, gewaltvoll, nostalgisch, irrlichternd und utopisch, wie sie waren - von den Vordenkern der Arbeiterbewegung als reaktionär und anarchisch verunglimpft, weil sie nicht in die große lineare Fortschrittsvision passen wollten.
In seiner Studie verhilft Patrick Eiden-Offe dem lange verdrängten romantischen Antikapitalismus zu seinem Recht und befreit die Sozial- und Literaturgeschichte des 19. Jahrhunderts aus ihren eindimensionalen Sichtachsen. Dabei wird nicht zuletzt deutlich, dass die historische, poetisch besungene unordentliche Klasse den heutigen Figuren von Prekarität nach dem Ende der alten Arbeitsgesellschaft verblüffend ähnlich ist.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.11.2017

Wie der Kulturwissenschaftler Patrick Eiden-Offe sich in seinem Buch für die Früh­ge­schich­te der deut­schen Ar­bei­ter­be­we­gung begeistert, ist Manfred Koch ein bisschen suspekt. Die frühe "Poesie der Klasse" mit der romantischen Mythologie eines Ludwig Tieck zusammenzudenken, wie es der Autor vormacht, findet Koch zwar durchaus interessant, an den meisten der vom Autor aufgeführten Vormärz-Autoren aber kann Koch nichts Poetisches abgewinnen. Wie der Autor hier triviale Textpassagen mit Bedeutung aufzufladen versucht, erinnert Koch unangenehm an die linke Literaturwissenschaft der 70er. Dass jemand wie Goethe hingegen im Buch nicht vorkommt, hält Koch für ein Versäumnis.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 19.10.2017

Rezensent Thomas Steinfeld stimmt in die Warnung des Autors ein vor dem Bedürfnis nach einem potenziell gefährlichen Mythos namens "Proletariat". Patrick Eiden-Offes Studie, die am Ende die Perspektive auf heutige Verhältnisse eröffnet, wie Steinfeld schreibt, beglückt den Rezensenten aber zunächst mit einer historischen Darstellung des Wechselspiels zwischen der Vorstellung und der sozialen Realität der Arbeiterklasse. Frühe Beispiele revolutionärer Literatur hat ihm der Autor ebenso zu bieten wie Texte von Tieck und Georg Weerth. Dass Eiden-Offe auf eine poetologische Analyse der Marx'schen Werke verzichtet, kann Steinfeld nach anfänglicher Empörung dann doch verstehen. Überzeugend ist das Material auch so, spricht er gönnerisch.

Beliebte Bücher

Shida Bazyar. Die Lücken - Roman. Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln, 2026.Shida Bazyar: Die Lücken
Heimesbach im Hunsrück ist ein fiktiver Ort, an dem sich neunzig Jahre deutscher Geschichte in die Mauern und Biografien eingenistet haben. Es ist eine Gemeinde, die ihre…
Dana Vowinckel. Anton und Alma - Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin, 2026.Dana Vowinckel: Anton und Alma
Anton und Alma lernen sich bei einem Schüleraustausch in der Bretagne kennen. Jahre später treffen sie sich auf einer Party wieder. Beide kommen aus Berlin und studieren…
Eva Menasse. Alleinruhelage - Roman. Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln, 2026.Eva Menasse: Alleinruhelage
Nach dem Ende der Ehe steht eine Frau mit ihrem Wochenendhaus plötzlich allein da. Hier hat sie einst mit der Familie die Idylle gesucht und will nun den Neuanfang wagen.…
Ingo Schulze. Das Wasser im August - Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2026.Ingo Schulze: Das Wasser im August
Eingeladen zu einer Lesung aus seinem unfertigen Manuskript, fährt der Erzähler nach Mecklenburg. Eine Landschaft mit weitem Horizont und Wolken, die tief über die Seen ziehen.…