Die Kanzler und die Intellektuellen
Geschichte einer unbequemen Beziehung

C.H. Beck Verlag, München 2026
ISBN
9783406837203
Gebunden, 811 Seiten, 48,00
EUR
Klappentext
Geist und Macht in der Bundesrepublik - von Adenauer bis Olaf Scholz Geist und Macht - das war schon immer ein spannungsgeladenes Verhältnis. Dass die Intellektuellen den Mächtigen nichts schenken, liegt ebenso in der Natur dieser Beziehung wie die Reserve der Politiker gegenüber selbstherrlichen Literaten, die alles besser wissen, ohne in der Verantwortung zu stehen. Peter-André Alt hat sich von Konrad Adenauer bis Olaf Scholz die Bundeskanzler und ihre Beziehung zum geistigen Leben der Republik genau angeschaut. Das Ergebnis ist ein Buch über die politische Kultur der Bundesrepublik, prallvoll mit Geschichten von Heinrich Böll und Günter Grass, Wolf Biermann und Christa Wolf, Eva Menasse und Juli Zeh.Regierungschefs und kritische Intelligenz eines Landes haben gemeinsam, dass sie sich Gedanken über die großen Streitthemen der Nation machen. Oft aber sind sie sich uneins - mal über die politischen Ziele, mal über die richtigen Wege dorthin. Wiederbewaffnung und Pressefreiheit, Ost-West-Antagonismus, Notstandsgesetze und Studentenrevolte, Entspannungspolitik, Terrorismus und Nachrüstung, Umweltbewegung und Wiedervereinigung, Migrationspolitik und Integrationsdebatte - über all diese Themen wurde in öffentlichen Debatten gestritten, in denen linke Intellektuelle oder rechtsstehende Gelegenheitsreaktionäre auf den offiziellen Kurs der Politik Einfluss nahmen oder es versuchten. Peter-André Alt hat zum ersten Mal zusammenhängend dieses Beziehungsgeflecht untersucht und für die Zeitgeschichte erschlossen.
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Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 21.09.2026
Rezensent Rudolf Walther nennt das Buch des Literaturwissenschaftlers Peter-Andre Alt über die Beziehungen zwischen deutschen Kanzlern und Intellektuellen ein historisches Standardwerk. Über die vielfältigen Verhältnisse zwischen Intelligenz und politischer Macht berichtet der Autor laut Walther sachlich, sorgfältig und genau. Der Autor betont mal die Distanz (während Adenauers und Kohls Kanzlerschaft), mal die Nähe, etwa zwischen Brandt und Grass oder Schmidt und Lenz, erklärt Walther. Alts Analysen findet der Rezensent dicht, souverän und gut lesbar.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 17.09.2026
"Windige Figuren" sind sie, die Intellektuellen, nicht so leicht zu definieren, aber öffentliche Einmischung gehört auf jeden Fall zu ihrem Aufgabenbereich, hält Kritiker Alexander Cammann fest, der Peter-André Alts Buch über die Beziehungen der Intellektuellen zu den deutschen Regierungschefs liest. Cammann zitiert die Intellektuellendefinition des Soziologen Mario Rainer Lepsius, der sie als "inkompetente Kritiker" bezeichnet, die, wie Alts Buch demonstriert, die Demokratie aber gerade in dieser Funktion benötigt. Sie kennen sich eben nicht mit Regieren, sondern mit Kritisieren aus. Und das gilt für alle Regierungsperioden von Adenauer bis Scholz, die der Germanist Alt zum Thema macht: Die Einmischungen von Grass und Habermas dürften wohlbekannt sein, aber auch weniger verbreitete Ereignisse kommen vor. So liest Cammann etwa von einer Diskussion, die Adenauer 1957 mit Atomgegnern führte, bis er auf den Theologieprofessor Helmut Thielicke traf, der ihm eine Art theologische Absolution für atomare Aufrüstung geben konnte. Die kritischen, aber auch zustimmenden Einmischungen sind für den Rezensenten anregend und sehr detailreich, an einigen Stellen hätte er sich mehr Fokus und auch paneuropäische Vergleiche gewünscht. Besonders überzeugt ihn, wie Alt auf die Kanzlerschaft Merkels eingeht, deren ambivalente Bewertung heute schon fast vollständig in Nostalgie umgeschlagen ist. Alt zeigt dem Kritiker, dass die "dialektische Konstellation" zwischen Macht und Geist eine nicht zu trennende ist, beide Seiten brauchen sich. Cammann hätte abschließend zusätzlich eine Einordnung in die größere deutsche Geistesgeschichte interessiert.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.09.2026
Rezensent Thomas Karlauf liest das Buch des Literaturwissenschaftlers Peter-Andre Alt mit Interesse. Ein Buch für alle, die sich für die Geschichte der BRD interessieren, so der Rezensent. Lesenswert erscheint ihm Alts Erkundung des Verhältnisses von Intellektuellen und Kanzlern, weil der Autor die unterschiedlichen Beziehungen bzw. den eklatanten Mangel daran anhand von Aussagen Intellektueller wie Hans Magnus Enzensberger und eines respektvollen Blicks auf die Kanzler von Adenauer bis Scholz anschaulich vorstellt. Was das Klischee von der Teilung zwischen Kunst und Politik bedeutet, lernt der Rezensent dabei ebenso wie er von Kohls tiefer Kränkung durch das Übergangenwerden durch die Intellektuellen erfährt. Die SPD hat mehr intellektuellen Glanz, lernt Karlauf auch.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 07.09.2026
Dass Geist und Macht in Deutschland nicht zusammenfänden, ist ja ein beliebtes Klischee, so Rezensent Thomas Schmid, dem möchte sich der Germanist Peter-André Alt entgegenstellen, was den Rezensenten aber nicht völlig überzeugt. Neun ausführliche Kapitel stellen die Kanzler von Adenauer bis Scholz und ihre Verbindungen zu den Intellektuellen vor, wobei Schmid zufolge eher die ersten Teile überzeugen, beispielsweise mit der für ihn neuen Info, dass sich Adenauer 1957 mit Atomwaffengegnern getroffen und lange mit ihnen diskutiert hat. Die Verbindungen zwischen Brandt und Grass hingegen seien ja hinlänglich bekannt. Schmid stört die Asymmetrie in Alts Buch: Während er Schriftstellern wie Hans Werner Richter oder Hans Magnus Enzensberger durchaus das Recht zubilligt, ihre Meinung zu ändern, sind Politiker "opportunistische Taktierer", wenn sie sich einmal etwas anders überlegen. Er bemängelt zudem, wie viele Intellektuelle auf den 800 Seiten nicht auftauchen: Ignatz Bubis kommt gar nicht vor, Jean Améry nur ein einem Nebensatz, auch Harry Pross vermisst der Kritiker schmerzlich. Ihm kommt es so vor, als seien jene, die sich gegen den klassischen linksliberalen Weg entschieden haben, hier von vornherein ausgeschlossen gewesen. Sie wären aber wichtig gewesen, um die Schieflage zu vermeiden, in die das Buch dadurch geraten ist, dass es sich auf Personen wie Günter Grass als "heimliche Hauptfigur" fokussiert, resümiert der etwas enttäuschte Schmid.