Sarah Jansen rekonstruiert die Herstellung eines wissenschaftlichen Gegenstandes und die damit verbundenen Institutionen und Praktiken. Am historischen Fall der angewandten Entomologie, der Wissenschaft von der Bekämpfung "schädlicher" Insekten, entwickelt sie eine Theorie und Methodik, womit der "Schädling" als Wirkung und nicht als Ursache der "Schädlingsbekämpfung" analysiert wird. Darüber hinaus zeigt die Autorin eindrücklich, wie ein biologisches Fach eigenen politischen Einfluss gewann, indem es sich mit gesellschaftlichen Bedeutungsfeldern wie "Reinheit", "Degeneration", "Rasse" und "Vernichtung" in Beziehung setzte und Praktiken der chemischen Kriegsführung integrierte. Damit trägt das Buch zu zwei aktuellen Diskussionen bei: zur historisch-epistemologischen Analyse von Naturwissenschaften und zur Analyse der Voraussetzungen des Holocaust.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.07.2003
"Mit Staunen" hat Robert Jütte dieser, wie er lobt "methodisch anspruchsvollen und dennoch sehr lesbaren wissenschaftsgeschichtlichen Studie" zur Geschichte der Schädlingsbekämpfung entnommen, wie deutlich der entsprechende Diskurs schon um 1910 von Kriegsmetaphern bestimmt wurde. Überzeugt hat den Rezensenten außerdem, wie die Autorin darlegt, dass es zwar keinen kausalen Zusammenhang zwischen der Bekämpfung von schädlichen Insekten durch Zyklon B und der späteren "Ausmerzung" von Volksschädlingen" durch dasselbe Insektizid in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern gebe, dass diese Praktiken, wie auch der Diskurs über "Schädlinge", aber dennoch zu den "Ermöglichungsbedingungen" des Massenmordes an Millionen Juden gehöre. Daneben referiert der Rezensent, dass Jansen in ihrem Buch etwa zeigt, welche Verbindung die Vorstellung von "fremden" Insekten in Deutschland seit 1870 mit nationalen Ressentiments einging, vor allem angesichts der befürchteten Bedrohung der "deutschen Weinkultur" durch vom "Erzfeind" Frankreich herüberkommende Rebläuse; oder wie der Einsatz von Giftgas im Ersten Weltkrieg manchen Entomologen erst auf den Gedanken brachte, auch Insekten mit chemischen Kampfstoffen auf den Leib zu rücken.
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