23.07.2026. Eltons Johns Fotosammlung in Paris, die berühmte Sammlung von Michael und Jane Wilson ebendort, Richard Prince in Wien, "Zweimal Deutschland um 1980" in Köln. Und, ganz besonders wichtig, die bisher größte Einzelausstellung zum Werk von Gabriele Stötzer im Berliner Gropius Bau. Ein Rundgang durch Fotoausstellungen in der Ferienzeit.
Wie jeden Sommer, gibt es auch dieses Jahr Hinweise für Leute, die in der Ferienzeit gerne in Fotoausstellungen gehen.
Kürzlich habe ich in Fotolot die von Sabine Schnakenberg kuratierte Selektion von ikonischen Fotografien aus der Sammlung von F. C. Gundlach in den Deichtorhallen gelobt. Wen es im Urlaub nach Paris verschlägt, kann dort in zwei Ausstellungen ebenfalls ein Who's Who der Fotogeschichte bestaunen. Im Jeu de Paume gibt es mit "Fragile Beauty" Fotos aus der Sammlung von Elton John und David Furnish.
Elton John begann 1991, gezielt Fotografie zu kaufen, seine Sammlung umfasst inzwischen mehr als siebentausend Exponate, die von 1950 bis in die Gegenwart datieren. In der Ausstellung sind dreihundert Bilder von fünfundneunzig Fotografen und Fotografinnen zu sehen, darunter Robert Mapplethorpe, Herb Ritts, Nan Goldin, Diane Arbus, William Klein, Ryan McGinley, Irving Penn und Richard Avedon.
Die Triggerwarnung: "Der Inhalt einiger in dieser Ausstellung gezeigten Fotos könnte für das Publikum, insbesondere für jüngere Besucher, verstörend sein" macht, wie ich annehme, besonders den jüngeren Lesern und Leserinnen von "Fotolot" Lust auf einen kurzen Abstecher nach Paris.
Die Ausstellung "The Space Between Us" in der Pariser Fotogalerie "Le Bal" kommt ohne Triggerwarnung aus. Mit einhundertzwanzig Fotografien ist sie vom Umfang her zwar deutlich kleiner, hat dafür aber in der Breite eine noch größere Anzahl berühmter Namen aufzuweisen. Kein Wunder, handelt es sich doch um Gustostücke aus der berühmten Sammlung von Michael und Jane Wilson: Manuel Álvarez Bravo, Bruce Davidson, Rineke Dijkstra, Walker Evans, Lee Friedlander, David Goldblatt, Graciela Iturbide, André Kertész, Chris Killip, Dorothea Lange, Robert Mapplethorpe, Susan Meiselas, Daidō Moriyama, Alexander Rodchenko, August Sander, Weegee, Francesca Woodman und so weiter.
Ein Teil der Sammlung, die vor allem durch einzigartige Exponate aus der Zeit unmittelbar nach Erfindung der Fotografie besticht, ging 2024 an die Bibliothek der Universität Oxford, die unter anderem auch das Archiv von William Henry Fox Talbot besitzt.
Eigentlich bin ich kein großer Freund solcher Überblicksausstellungen, habe aber in den Deichtorhallen festgestellt, dass es schon ein besonderes Erlebnis ist, an einem Ort in Ruhe längere Zeit mit einer solchen Ansammlung hochklassiger Fotografie zu verbringen.
In der Wiener Albertina gibt's noch bis 16. August die Retrospektive von Richard Prince. Sein Multi-Media-Ansatz mit Schwerpunkt Fotografie und Malerei stand mal sehr hoch im Kurs. Wie Andy Warhol und Roy Lichtenstein widmete er sich den gebrauchsfertigen US-Alltagsmythen, und wie sie durch Werbung, Musikvideos und Fernsehen ihren Weg gewinnbringend ins kollektive Unterbewusstsein fanden. Zu diesem Zweck fotografierte er Werbeanzeigen, und veränderte dabei Größe, Ausschnitt, Farbe und Körnigkeit, um Verfremdungseffekte zu erzielen. Später ging er zu etwas komplexeren Collagen über. Seine wohl bekannteste Arbeit ist die in den achtziger Jahren entstandene Serie "Cowboys", die Marlboro-Anzeigen als Vorlagen verwendete (die vom Schweizer Fotografen Hannes Schmid stammen). Das Bild "Untitled" (Cowboy) wurde im November 2007 bei Sotheby's für 3,4 Millionen Dollar verkauft und war damit eine Zeitlang das teuerste je verkaufte Einzelfoto.
Heute belegt es immer noch den siebten Platz. Ganz vorne rangiert aktuell "Le Violon d'Ingres" (1924) von Man Ray. Die berühmte surrealistische Schwarz-Weiß-Aufnahme, die die als Violine stilisierte Rückenansicht von Kiki de Montparnasse zeigt, wurde im Mai 2022 bei Christie's für 12,4 Millionen US-Dollar versteigert.
Im Gegensatz zu Cindy Sherman oder Jeff Wall scheint mir das Oeuvre von Prince nicht gut gealtert. Aber vielleicht bin auch der Falsche, das zu beurteilen. Ich kann auch mit den allseits beliebten Bildern von Alex Katz oder den bunten, familienfreundlichen Gebilden von Yayoi Kusama nichts anfangen, deren Ausstellung im Museum Ludwig bis zum 2. August übrigens komplett ausgebucht ist.
Im Museum Ludwig gibt es parallel zu Kusama aus der hauseigenen Sammlung eine Ausstellung zum Thema "Zweimal Deutschland um 1980" mit teils noch lebenden, teils bereits verstorbenen Fotografinnen und Fotografen aus Ost- und Westdeutschland, etwa Ute Mahler, Evelyn Richter, Christiane Eisler und Erasmus Schröter, die "beiläufige Situationen und Menschen" einfangen und "Einblicke in gesellschaftliche und alltägliche Lebenswelten beider deutscher Staaten geben, die von unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen Systemen geprägt waren", so der Pressetext. Der Clou dabei soll sein, dass in "vielen Fällen erst die Bildtitel Aufschluss darüber geben, ob die Fotografien in der Bundesrepublik oder in der DDR entstanden sind". Wer in den letzten Jahren noch nicht genug mit Bildern aus den Achtziger Jahren hüben wie drüben zugedröhnt wurde, kann sich gerne auf den Weg machen.
Deutlich mehr Pfeffer hat da "Dabei sein und nicht schweigen", die bisher größte Einzelausstellung zum Werk von Gabriele Stötzer im Berliner Gropius Bau. Berühmt ist die 1953 in Erfurt geborene Stötzer dafür, wie sie von der SED und ihren Organen, allen voran der Stasi, unterdrückt, bespitzelt und schließlich, als sie 1976 gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann protestierte, ins Gefängnis gesteckt wurde, wo sie in den Hungerstreik trat und sogar eine Zwangsoperation über sich ergehen lassen musste. Immer wieder wurde sie in "die Produktion" geschickt, soll heißen: Sie musste harte Malocherarbeit leisten, wohl in der Absicht, dass ihr damit die Flausen vergingen. Funktionierte nur nicht, denn Stötzer war einfach nicht kleinzukriegen. Stattdessen begann sie mit Texten, Zeichnungen, Fotografien und Happenings, die teils auf Super 8 Film festgehalten wurden, ihren Freiraum systematisch zu erweitern und eine ihr gemäße, spezifisch weibliche Ausdrucksweise auszuprägen.
1980 übernahm sie die Leitung der zwei Jahre zuvor gegründeten, privaten Erfurter Wohnzimmergalerie "Galerie im Flur". Als die überregional bekannt wurde und unangepasste Kunst aus der ganzen DDR zeigte, wurde sie umgehend von der Stasi geschlossen. 1984 gründete sie "Künstlerinnengruppe Erfurt" (die Kuratorin Sonia Voss hat dazu ein interessantes Fotobuch gemacht), wobei sie, um einen minimalen Schutzstatus zu erlangen, versuchte, eine offizielle Einstufung als Modeschau-Kollektiv zu erlangen - natürlich vergebens.
Eine späte Genugtuung widerfuhr Stötzer, als sie mit Mitstreiterinnen am 4. Dezember 1989 die Stasi-Zentrale in Erfurt besetzte. 2013 erhielt sie am Tag der Deutschen Einheit aus der Hand von Bundespräsident Joachim Gauck, dem ehemaligen Bundesaubeauftragen für die Unterlagen der Staatsicherheit, das Bundesverdienstkreuz.
Gabriele Stötzer im Gropius Bau
Wirklich sehens- und lesenswert ist in diesem Zusammenhang "Der lange Arm der Stasi", Stötzers im Leipziger Verlang "Spector Books" erschienene Aufarbeitung ihres Umfelds, in dem es vor informellen Mitarbeitern (IM) der Stasi nur so wimmelte. Ein Höhepunkt des Buches ist, wie sie später jenem Mann gegenüber steht, der sie zweiundvierzig Jahre zuvor mit einer konstruierten Anklage wegen "Staatsverleugung" ins Gefängnis brachte.
Stötzers Werk ist spontan und kraftvoll, geht aber ästhetisch meist nicht über das hinaus, was sich in jener Zeit in Bezug auf den Aufbruch der Frauen auch im Westen abgespielt hat, bestens dokumentiert etwa in der von Gabriele Schor früh begonnenen und über einen langen Zeitraum zusammen getragenen Wiener Sammlung feministischer Kunst.
Dieses Jahr bekam Stötzer für ihr Lebenswerk den Goslaer "Kaiserring" verliehen. Bei aller Sympathie und allem Respekt für Stötzer: Mit Oeuvres wie jenen von Sigmar Polke, William Kentridge oder Cindy Sherman hat das, was im zweiten Stock des Gropius Baus zu besichtigen ist, maximal in seiner Frühphase zu tun. In ihrem Fall wäre eine Art Widerstands-Preis im Geiste einer Mildred Harnack, die in der Nazi-Zeit illegale Schriften verteilte und Informationen ans Ausland weitergab, wohl die treffendere Auszeichnung.
Dennoch ist, wenn man sich für (kultur-)geschichtliche Hintergründe interessiert, wie sie sich in "Der lange Arm der Stasi" oder auch in der Dokumentation "Go, Clara, Go" (2025) von Sylvie Kürsten über das Künstlerkollektiv "Clara Mosch" aus Chemnitz darstellen, unbedingt zu empfehlen. Erst recht, wenn AfD-Kandidaten für ein Ministerpräsidentenamt wieder die DDR Hymne singen und deren Gesinnungsgenossen auf Parteitagen Mordfantasien gegen Merz und Merkel zum Besten geben.
Wie heißt es in öffentlich-rechtlichen Karnevalsformaten: Einen hab' ich noch.
In diesem Fall handelt es sich um meine nachdrückliche Empfehlung, sich die schöne Walter-Schels-Ausstellung bei C/O Berlin anzuschauen, über die ich nur deshalb nicht schreibe, weil ich das bereits in Fotolot vor drei Jahren in aller Ausführlichkeit getan haben.
Einen schönen Sommer wünscht
Peter Truschner truschner.fotolot@perlentaucher.de
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