Im Kino
Immens amüsante Schnurrpfeiferei
Die Filmkolumne. Von Kamil Moll
08.09.2026. Befinden wir uns hier in "The Matrix"? Nein, sondern im neuen Film des passionierten Kino-Quatschmachers Quentin Dupieux, der in "Le vertige" mit Hilfe von absichtsvoll defizitären digitalen Bildern dem Wirklichkeitsprinzip zu Leibe rückt.
Denk jetzt mal nicht an "The Matrix", rät Jacky (Alain Chabt) in den frühen Morgenstunden Bruno (Jonathan Cohen), als der unvermittelt bei ihm auftaucht und seine Theorie wie einen ins schier Unendliche verlaufenden Teppich ausrollt: Die Welt, in der sie leben, das Paris, durch das Jacky gerade spaziert ist, existiert nicht, ist lediglich eine nicht ganz einwandfreie Simulation. 265 Belege habe er dafür gefunden, dass es Glitches in der Wirklichkeit gibt. Sie reichen von einem Hundehaufen, der fluoreszierend an und aus blinkt, hin zu einem Oberkörper, der an einer Straßenecke in der Luft schwebt, weil darunter die Füße, auf denen der Leib ruhen müsste, fehlen. Das augenfälligste, da vernunftwidrigste Beispiel zeigt Jacky Bruno sogleich selbst: Unter einem Gullydeckel in einem nahe gelegenen Park ist eine Taube innerhalb eines Loops gefangen. Sie bewegt ohne Unterbrechung ihre Flügel und hält sich in der Luft, fliegt aber nicht vorwärts.
Die Prämisse von "Le vertige" steht in geradezu idiosynkratischem Einklang mit dem bisherigen filmischen Schaffen des Regisseurs und Elektromusikers Quentin Dupieux. Seit nun bald 20 Jahren dreht er betont kompakte Versuchsanordnungen in Komödienform, die sich auf eine absurde Grundannahme, ein launiges Konzept fixieren und so lange daran drehen und schrauben, bis dieses komplett erschöpft ist: Eine Leiter innerhalb eines Hauses lässt jene, die sie hinuntersteigen, zugleich einige Stunden vorwärts in die Zukunft reisen und um wenige Tage jünger werden. Ein Mann ordnet sein ganzes Leben dem Besitz einer ersehnten Jacke aus Hirschleder unter. Eine überdimensionierte Fliege wird von zwei herzensguten Armleuchtern dressiert, um mit ihr abkassieren zu können. Dupieux' Filmwelten sind wundersamer höherer Quatsch, zwar immer wieder kurz vor dem allzu surrealistischen Bedeutungskollaps, aber stets noch zusammengehalten durch komödiantische Pointiertheit und Verdichtung.
Neu ist im Kontext seines Schaffens an "Le vertige" hingegen die Form. Mit rudimentärer Motion-Capture-Technik wurden die Bewegungen der Schauspieler*innen (neben Chabat und Cohen war mit Anaïs Demoustier noch eine weitere langjährige Verschworene von Dupieux beteiligt) aufgenommen, gerendert und sodann in Kulissen eingespeist, die Motion Designer mit der frei zugänglichen, zuletzt durch Kane Parsons' Webserie "The Backrooms" populär gewordenen 3D-Grafiksoftware Blender erstellten. Das technisch betont Defizitäre ist Teil des Konzepts: Die rauen Texturen sollen an die Ästhetik von PlayStation-Spielen der frühen Nullerjahre gemahnen, eine Zeit also, in der die visuellen Unzulänglichkeiten digital erschaffener Welten noch ein Versprechen auf die Zukunft waren.

Durch diesen inszenatorischen Dreh gerät "Le vertige" zu einer immens amüsanten Schnurrpfeiferei, einem über gut eine Stunde variierten Running Gag. Denn woran soll in einer Realität, in der aufgrund von technischen Beschränkungen des Renderings küssende Lippen sich nicht berühren können und klobige, kantige Gliedmaßen weder am Boden aufkommen noch Gegenstände richtig zu fassen bekommen, eine abweichende Anomalie überhaupt erkennbar sein? Daran etwa, dass ein neugeborenes Baby keine Nabelschnur besitzt, sondern schlichtweg auf den Boden purzelt? Nur bisweilen, wenn im Abspann der Filmdreh selbst Teil der Animationswelt wird und vermeintliche Versprecher nach Art eines Blooper-Reels abgespult werden, streift der Film die Nähe zum etwas zu deutlich markierten, selbstironischen Meta-Scherz.
Ansonsten jedoch überwiegt bildästhetische Entdeckerfreude. Das vergnügte Staunen über die unerschöpflichen kreativen Freiräume, die einem ein Designprogramm verschaffen kann, das vor der genaueren Wirklichkeitsabbildung kapitulieren muss und sich stattdessen einem eigengesetzlichen Worldbuilding verschreiben darf, verbindet Dupieux via unbekannter Wahlverwandtschaft mit einem spätberufenen Künstler, der diese Art der Filmbastelarbeit in den 2010er-Jahren zu einer eigenen Kunstform amalgamierte: dem mittlerweile verstorbenen Aachener Regisseur Bruno Sukrow (siehe auch hier), einem ingeniösen Autodidakten, den im hohen Alter die Genre-Ausdrucksmöglichkeiten des virtuellen "Second Life" zu einem enormen Schaffensrausch von rund 100 fertiggestellten Filmen inspirierten und der zweifelsohne zu den aufregendsten cinephilen Entdeckungen der letzten Jahre gehört. Zu solchen und ähnlichen, noch ungeborgenen Filmwelten aus dem Grenzbereich des angeregt Dilettantischen kann Quentin Dupieux' "Le vertige" in Zukunft möglicherweise eine Eingangstür sein: Denk mal beim nächsten Mal, wenn es um die Simulation von Realität geht, nicht an "The Matrix"!
"La vertige" ist derzeit auf dem Fantasy Filmfest zu sehen, das den September über durch verschiedene deutsche Städte tourt.
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