9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.09.2026 - Gesellschaft

Laut jüngster PISA-Studie haben deutsche Schüler in den Kernbereichen Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften so schlecht abgeschnitten, wie nie zuvor. Einer der Gründe ist der wachsende Pessimismus in der Gesellschaft, meint der Soziologe Aladin El-Mafaalani im SZ-Gespräch: "Es macht einen großen Unterschied, ob ein Kind in einem Milieu aufwächst, in dem alle Erwachsenen glauben, dass es in Zukunft besser wird, oder in dem die Erwachsenen um das Kind herum resignativ geworden sind und gar nicht mehr daran glauben, dass sich ihre Lage verbessern könnte. Und es ist ja noch schlimmer: Mittlerweile glauben fast alle, dass es schlechter wird - nicht nur in bestimmten benachteiligten Milieus, sondern in der Gesellschaft insgesamt. Für Menschen, denen es schon sehr schlecht geht, oder Kinder, die in sehr schwierigen Verhältnissen aufwachsen, ist es ein Problem, wenn alle Erwachsenen signalisieren, dass es weiter bergab gehen wird. Sogar unsere Regierung vermittelt diesen Pessimismus."

Die schweizerisch-jemenitische Politikwissenschaftlerin Elham Manea legt in der NZZ das "feministische Dilemma" um das Kopftuch dar: "Es wäre naiv, das Tragen des Kopftuchs durchwegs als freie Entscheidung zu betrachten. Es wäre aber ungerecht, jedes Kopftuch als Zeichen der Unterdrückung zu deuten", schreibt sie - und der Blick in den Nahen Osten macht es nicht einfacher: "In vielen Regionen des Nahen Ostens zeigt sich anhand des Kopftuchs die Klassendimension. Kleidung kommuniziert dort nicht nur Religion, sondern auch Respektabilität, familiären Hintergrund, Urbanität, den moralischen Ruf und sozialen Aufstieg. Das Kopftuch kann einer Frau ermöglichen, sich mit weniger Kontrolle durch konservative öffentliche Räume zu bewegen. Es kann ihr helfen, zu studieren, zu arbeiten oder zu pendeln und zugleich soziale Legitimität zu bewahren. Aber derselbe Mechanismus kann auch Zwang erzeugen: Wenn Respektabilität an Bedeckung gebunden wird, erscheint die unbedeckte Frau moralisch verdächtig."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.09.2026 - Gesellschaft

In vielen anderen Städten waren sie schon verschwunden - nun verschwinden die Spatzen auch aus Berlin. Es gebe 70 Prozent weniger als noch vor ein paar Jahren, erzählt Petra Ahne in der FAZ. Gerade die Schmuddeligkeit der Stadt habe die Kulturfolger hier überleben lassen, es gab ausreichend Nischen. Vorbei, auch das. "Nie hat man sie so richtig beachtet und plötzlich fehlen sie: das fordernde Tschilpen, die lernfreudige Neugier, die über die Zeit die Gehirne wachsen und die Spatzen zum Beispiel begreifen ließ, wie man die Sensoren elektrischer Türen bedient und so in den Supermarkt kommt. Die Unbeirrbarkeit, mit der sie sich zu einem Leben in Menschennähe entschlossen, darum sogar aufhörten, Zugvögel zu sein." Ursache könnte die "für den Menschen ungefährliche Vogelmalaria" sein, so Ahne, die hofft, dass sich dagegen ein Mittel wird finden lassen.

Achim Chajim Hecht nimmt bei den Ruhrbaronen das politische Kampagnennetzwerk "Campact" unter die Lupe. Eine Organisation der subventionierten "Zivilgesellschaft" ist sie nicht, so Hecht, denn sie ist nicht gemeinnützig und finanziert sich laut Transparenzbericht über Spenden. Selbst die Linkspartei, so Hecht, ist neidisch auf Campact, denn die Organisation macht vorwiegend für die Grünen Wahlkampf und stellt sich dabei als Graswurzelbewegung dar. "Das eigentliche Problem an der Marke Campact ist aber der Etikettenschwindel. Echte Graswurzelbewegungen wachsen organisch aus lokalen Konflikten heraus - sie sind sperrig, unkontrollierbar und oft unbequem für alle Seiten. Und meistens ziemlich pleite. Campact funktioniert exakt umgekehrt: top-down, durchstrukturiert, mit einem jährlichen Millionenbudget (zuletzt über 26 Millionen Euro Einnahmen), professionellem Daten-Management, ausgefeilten Algorithmen für zielgerichtetes Micro-Targeting auf Social Media und perfekt getakteten Spendenaufrufen. Der Fachbegriff dafür lautet Astroturfing - künstlich erzeugter, zentral gesteuerter Druck, der den Anschein einer breiten Volksbewegung erwecken soll."

In Berlin scheint es immer mehr Obdachlose zu geben, viele von ihnen sind psychisch krank, viele kommen aus osteuropäischen Ländern. Im Gespräch mit dem Psychologen Herald Hopf erfahren die Blogger Ellen Daniel und Michael Miersch, wie schwierig dieses Thema auch für die Behörden ist. Wegsperren bringt jedenfalls nichts. "Die Hürden bei der Zwangseinweisung sind nicht die Hauptursache für das Elend auf den Berliner Straßen. Eine zwangsweise Behandlung verändert nicht viel. Viel wichtiger ist, was nach einem Klinikaufenthalt passiert, damit es nicht zum 'Drehtüreffekt' kommt. Man könnte auch vorher einiges tun, damit es gar nicht zu einer Einweisung kommt. In Manchester und Birmingham wurden beispielsweise aufsuchende Teams geschaffen, die psychisch Kranke auf der Straße betreuen. Wenn man schon keine Klinikplätze hat, sollte man wenigstens auf die Betroffenen zugehen und sie langfristig behandeln, mit Medikamenten, Psychotherapie und Sozialarbeit. So etwas gibt es hierzulande lediglich experimentell, organisiert von einigen Kliniken. Jedoch nur in wenigen Fällen und mit hochmotivierten Patienten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.09.2026 - Gesellschaft

Frauen, die weibliche Beschneidung erlitten haben - Fachbegriff "Female Genital Mutilation/Cutting" (FGM/C) - können beim Gebären Probleme haben, sagt die Hebammenwissenschaftlerin Mechthild Groß im Interview mit Mara Schaaf von der taz. Auf die Frage, wie massiv das Problem in Deutschland ist, antwortet sie: "Das hängt sehr vom Standort ab. In einer Großstadt kann das einmal im Monat vorkommen. In Orten mit spezialisierten Frauenhäusern können sich Betroffene treffen und austauschen. Dort kommt dies häufiger vor. Aber auch in ländlichen Gebieten können Hebammen Betroffene betreuen. Gerade hier müssen die Hebammen genau wissen, was zu tun ist. Denn in Deutschland leben laut Zahlen von Terre des Femmes von 2020 schätzungsweise 75.000 von FGM/C betroffene Frauen und 20.000 gefährdete Mädchen. Allein in Niedersachsen waren es 2022 laut einer Hochrechnung 8.168 betroffene Frauen und 1.200 gefährdete Mädchen."
Stichwörter: Genitalverstümmelung

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.09.2026 - Gesellschaft

Überall sinken die Geburtenraten. Gerade die Rechte, die doch mehr Kinder will, versagt vor diesem Problem, konstatiert Susan Vahabzadeh in einem Essay für die SZ, und zwar sowohl die bürgerliche Rechte als auch die populistische: Vor allem "müsste eine politische Vision, die eine höhere Geburtenrate im Blick hat, viel stärker die Frauen selbst ansprechen: Sie sind es schließlich, die Armut und Überlastung riskieren, wenn sie Kinder bekommen. Und davon, wie es Frauen leichter gemacht werden könnte, Kinder zu bekommen - davon redet eigentlich niemand. Ganz im Gegenteil: Ausgerechnet die Rechtspopulisten - Putin, die AfD, die amerikanische Rechte -  fordern zwar höhere Geburtenraten, bieten aber als Gesamtpaket eine Politik, der Frauen als gleichberechtigte, mündige Menschen in Wahrheit nicht nur egal sind, sondern die sich gegen sie richtet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.09.2026 - Gesellschaft

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Vieles was uns heute beschäftigt, war schon in den Nuller Jahren angelegt, meint im Interview mit der NZZ Jens Balzer, der ein Buch über diese Zeit geschrieben hat: "Vieles in den Nullern wurde verdrängt. Irgendwie hat man verstanden, was für ein dramatischer Einschnitt die Anschläge vom 11. September waren, aber man hatte kein Bewusstsein dafür, wie sich das langfristig auswirken würde. Dass sich der fundamentalistische Islam zu einer solch dauerhaften Bedrohung der freien Welt auswachsen würde. Man hat auch unterschätzt, was es bedeutete, dass Wladimir Putin 2000 zum russischen Präsidenten gewählt wurde. Diese geopolitische Dimension hatten wir im Westen kaum im Blick. Und natürlich konnte man ebenso wenig die Rasanz der technischen Entwicklungen prophezeien."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.09.2026 - Gesellschaft

Issio Ehrichs unterhält sich für seine Zeit-Reportage mit dem malischen Rebellen und Targi Ibrahim Ag Abdoulaye, der nicht begreifen kann, dass die repressive Militärdiktatur in Mali so beliebt ist: "Neun von zehn Malierinnen und Maliern sind mit der 'Transition', wie die Militärherrschaft genannt wird, zufrieden oder sehr zufrieden. Das ergab eine noch unveröffentlichte Erhebung der Friedrich-Ebert-Stiftung, die im August in den größten Städten Malis durchgeführt wurde. Der Zustimmungswert hat sich im Vergleich zu einer Umfrage im April noch mal etwas verbessert. 'Die Menschen sind ignorant', sagt Ag Abdoulaye über die Anhänger des Regimes. 'Meinungsfreiheit und der Schutz von Minderheiten sind ihnen egal, solange sie auf der Seite der Mächtigen stehen.'"

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Heutzutage hat fast jeder Promi und Semi-Promi ein oder ist Opfer eines "Traumas", meint leicht naserümpfend die Medien- und Filmwissenschaftlerin Catherine Liu, die das Buch "Traumatized" zum Thema geschrieben hat, in der Zeit: "Ich glaube, diese Anziehungskraft besteht vor allem für die Eliten der oberen Mittelschicht. Psychische Störungen sind in gewisser Weise 'gentrifiziert' worden und werden heute nahezu vollständig von Angehörigen der Mittelschicht beansprucht, die schon bei der geringsten Belastung in einer Welt leiden, in der sie nur ein Ziel verfolgen: sich selbst für den Wettbewerb im Kapitalismus zu optimieren. Ihr Leiden überdeckt dadurch alle anderen Formen des Leidens. ... Nur ein Beispiel: 38 Prozent der Studierenden an der Spitzenuniversität Stanford sind als Menschen mit Behinderung registriert, wozu auch Depressionen, ADHS und Angststörungen zählen. 38 Prozent! Hinter dieser Omnipräsenz psychischer Erkrankungen steht nicht zuletzt eine milliardenschwere Selbsthilfe-Industrie. Viele profitieren davon, uns Heilmittel gegen das Leiden zu verkaufen - auch eine bestimmte Klasse fragwürdiger Gurus, Ärzte, Heiler und Influencer. Doch es gibt kein Heilmittel dagegen, ein Mensch zu sein - und Mensch sein bedeutet, zu leiden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.09.2026 - Gesellschaft

Erstaunlich, wie wenig in Deutschland die Debatte um das Kopftuchverbot für Schulmädchen unter 14 in Österreich verfolgt wird. Ein neues Gesetz tritt in Kraft - mit Schulbeginn sollen Mädchen unter 14 an Schulen kein Kopftuch mehr tragen. Für die FAZ berichtet Alexander Haneke und erläutert, dass in Österreich ein ähnliches Gesetz bereits 2020 vor dem Verfassungsgericht scheiterte. Das neue Gesetz sei aber anders formuliert und hebe nicht in erster Linie auf den religiösen Aspekt ab: "Als Ziel stellt der Text die 'bestmögliche Entwicklung und Entfaltung' der Schülerinnen ins Zentrum. Es gehe 'nicht um das Thema Religion, sondern um das Thema Kindeswohl: dass Mädchen unter 14 Jahren nicht unterdrückt werden', fasste es ÖVP-Integrationsministerin Claudia Bauer zusammen, die zu den lautstärksten Verfechtern des Gesetzes gehört. Will sagen: Hier wird offen und gezielt gegen das islamische Kopftuch vorgegangen, aber nicht, weil es islamisch ist, sondern weil es junge Mädchen in ihrer Entwicklung beeinträchtigen kann. Die Religionsmündigkeit, so Bauer, beginne in Österreich mit 14 Jahren. Dann könne jede junge Frau selbst entscheiden."

Ist "Latino" eine Identität? Eher nicht, meint in der NZZ Sara Meyer. Die Bewohner Lateinamerikas "teilen Sprache, Geschichte und kulturelle Codes - und sind einander doch oft fremder, als es die sprachliche Nähe vermuten ließe. Was Lateinamerika wirklich einteilt, ist nicht die nationale Zugehörigkeit, sondern vielmehr eine Realität, vor der selbst ein unaufmerksamer Beobachter nicht die Augen verschließen kann: die soziale Schichtung. Die Idee einer homogenen Latino-Identität ist eine romantische Vorstellung, die, was die Sympathien für den nahen Nachbarn angeht, nicht einmal dem Final einer Fußball-WM standhält. Im Alltag stellt die Schichtzugehörigkeit die Nationalität in den Schatten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.09.2026 - Gesellschaft

Frauen haben immer bessere Bildungsabschlüsse, Männer fallen dahinter zurück und fühlen sich dadurch gekränkt, schließen sich möglicherweise der Manosphere an (unsere Resümees), erklärt der Trendforscher Tristan Horx im Welt-Interview mit Julian Theilen. Das zeige sich besonders bei der modernen Partnersuche. "Online-Dating hat den Dating-Frust verstärkt. Man hat so viele Optionen, dass man sich fragt, warum man überhaupt eine nicht ganz perfekte wählen sollte. Junge Männer scheinen mir von dieser Entwicklung ganz besonders betroffen. Die Demütigung führt zu einer Spirale nach unten. Die jungen Männer finden sich dann online mit anderen Männern zusammen, die dasselbe Problem haben. Anfangs geben sie sich vielleicht Tipps, wie man doch noch eine Frau kennenlernen könnte. Doch irgendwann entsteht ein Herden- und Verschwörungsdenken: Da oben gibt es eine kleine Elite von Männern, die uns alle Frauen wegnimmt. In manchen dieser Szenen entsteht so ein enormes Gewaltpotenzial. Allein deshalb sollte man das Problem ernst nehmen."

Wenn, wie es in Pop, Medien und Hollywood so üblich ist, die Opferrolle des "Globalen Südens" (gern mit antisemitischen Akzenten) beschworen wird, fehlen immer ein paar Kleinigkeiten, fällt Ronya Othmann in ihrer FAS-Kolumne auf: "Von den rund 40 bis 50 Millionen Kurden, eine der größten Volksgruppen ohne eigenen Staat, deren politische, sprachliche und kulturelle Rechte in der Türkei, in Syrien, im Irak und in Iran bis heute beschnitten werden, liest man in dieser Kollektiv-Beschwörung kein Wort. Auch nicht von den verfolgten Religionsgemeinschaften wie den Jesiden, Drusen, Alawiten, Christen. Man tut gerade so, als gebe es sie nicht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.09.2026 - Gesellschaft

8725 antisemitische Vorfälle hat RIAS für ganz Deutschland für das Jahr 2025 gezählt inklusive Hasskommentaren und Schmierereien, resümiert in der FAZ Theresa Weiß. Viel Agression kommt aus dem linken Spektrum, aber Ron Dekel, Vorsitzender der Jüdischen Studierendenunion Deutschland, weißt daraufhin, dass die AfD für Juden ebenfalls keine sichere Option ist: "Funktionäre hätten sich seit Beginn antisemitisch geäußert, wenn sie vom 'Schuldkult' sprachen oder die NS-Herrschaft als 'Vogelschiss' abtaten. 'Wer eine Erinnerungskulturwende um 180 Grad fordert, kann keine Partei sein, die Juden schützt.' Und auch im 'Regierungsprogramm' für Sachsen-Anhalt findet Medizinstudent Dekel Punkte, die ihm Angst machen, etwa, dass Gedenkstätten nicht mehr gefördert werden sollen - obwohl sie ein wichtiger Teil des deutschen Selbstverständnisses sind." 807 der für 2025 verzeichneten antisemitischen Vorfälle hatten laut RIAS einen rechtsextremen Hintergrund, "das sind neun Prozent aller Fälle. Dennoch markiert die Zahl den höchsten Wert seitdem die Informationsstelle diese erhebt."

Hans-Georg Maaßen, Ex-Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, hatte kürzlich eindringlich vor den Antideutschen als "besonders radikaler linksextremistischer Strömung", die Deutschland zerstören wolle, gewarnt. In welcher Zeit ist Maaßen stehen geblieben, fragt sich Jakob Hayner in der Welt und erklärt: "Die Antideutschen gelten unter Linken in Deutschland und weltweit gerade nicht als extrem links, sondern als rechts. Und schon gar nicht als Staatsfeinde, sondern als Stoßtrupp der Staatsräson. (...) Und wie man spätestens seit knapp drei Jahren weiß, hat sich die westliche Linke auf idiotische Parolen wie 'Gaza will free us all' eingeschworen, die eine metaphysisch überhöhte letzte Schlacht gegen den Zionismus beschwören, statt konkrete politische Forderungen - wie keine Waffen in Kriegsgebiete - zu verfolgen. Diesen wahnhaften Überschuss, in dem sich der Judenhass einnistet, haben Antideutsche immer kritisiert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.08.2026 - Gesellschaft

Die Soziologin Franziska Sujeba hat für ihre Doktorarbeit zu institutionellem Antisemitismus wochenlang in der Polizei Sachsen-Anhalt geforscht. Die Polizei tue sich schwer, Antisemitismus überhaupt zu erkennen, sagt sie im taz-Gespräch mit Cynthia Cornelius - und befürchtet, dass ein Wahlsieg der AfD die Lage noch verschlimmern könnte: "Meine größte Sorge ist, dass die wenigen Sensibilisierungsmaßnahmen nach dem Anschlag in Halle - die schon jetzt größtenteils abgebaut sind - dann komplett verschwinden. Die AfD stellt bereits jetzt Anfragen zu den Fortbildungsmodulen der Polizei. Ein Beamter sagte mir, viele Kolleg*innen fänden die AfD gut und würden sich durch eine Regierungsbeteiligung bestätigt fühlen. Ich befürchte, Rechtes und Diskriminierendes bekäme dann noch mehr Raum, und das hätte Folgen für nichtweiße, jüdische, arme oder psychisch kranke Menschen im Kontakt mit der Polizei. Es führte zu mehr Gewalt, auch gegenüber Linken, obwohl die Polizei die Demokratie schützen soll."