9punkt - Die Debattenrundschau

Abwehr des Eingefrorenen

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.09.2026. Der Schock von Sachsen-Anhalt sitzt tief: Der Historiker Volker Weiß weist in der FR auf eine Hauptinspirationsquelle Ulrich Siegmunds hin: Die FPÖ mit ihrem Vorbild Jörg Haider. Ines Geipel deckt in der SZ historische Besonderheiten Sachsen-Anhalts auf - aber auch das Selbstbild des Westens ist erschüttert. Außerdem: Wolfgang Kraushaar beleuchtet in der FR den Einfluss des KGB auf die RAF. Die Welt publiziert Briefe von Holocaust-Überlebenden, die direkt nach 1945 geschrieben wurden. Die taz fragt: Was verdanken die iranischen Frauen dem Mossad? In der SZ schreibt Güner Balci über Faten Ben Omar, eine der Toten von Ceuta.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.09.2026 finden Sie hier

Europa

Im Gespräch mit Michael Hesse von der FR analysiert der Historiker Volker Weiß den Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt. Von allzu melodramatischen Beschwörungen der Geschichte hält er nicht viel (Vergleiche können nützlich sein, Gleichsetzungen vernebeln). Ein anderer Bezugspunkt scheint ihm triftiger: "In Sachsen-Anhalt greift etwas, worauf ich schon lange hinweise: Die AfD orientiert sich stark an der österreichischen FPÖ. Sie lässt sich von österreichischen Rechten beraten, und es gibt Personal, das dort politisch geschult wurde. Ulrich Siegmund hat für meine Begriffe sehr deutlich eine Provinzvariante von Jörg Haider gegeben: dieses Dauergrinsen, das demonstrative Ausstrahlen von Optimismus, das dann jederzeit in eine aggressive Performance und inhaltliche Radikalität umschlagen kann. Das ist eine Art Gute-Laune-Radikalismus, den schon Haider beherrschte. Dazu kommen viele weitere Faktoren: die Unterstützung aus dem Umfeld der MAGA-Bewegung und Donald Trumps, der Einfluss aus Russland, regionale Traditionen und ein teilweise sehr technisches Demokratieverständnis."

Sehr lesenswert zum AfD-Erfolg in Sachsen-Anhalt auch der Gastkommentar von Ines Geipel in der SZ. Sie weist zunächst auf die lange, bis in die Weimarer Zeit reichende Tradition des Rechtsextremismus in diesem Landstrich hin, die von der AfD virtuos angezapft wurde. Aber es ist noch komplizierter: "Nach 56 Jahren Diktaturgeschichte musste doppelt verleugnet, doppelt versteckt, verschwiegen, der innere Kollaps outgesourct werden." Zwar ist die AfD auch im Westen stark, aber es gibt für Geipel eben doch eine Besonderheit im Osten: "In der Abwehr des Eingefrorenen soll der Bruch gegen den Westen und die Rückkehr ins Alte hergestellt werden. Das mag paradox klingen, ist aber der verstellte Versuch, die Kontrolle über die eigene Erzählung zu wahren und politisch wie biografisch Kontinuitäten zu schaffen." Damit ist der Westen nicht entlastet: "Was die Demokratieerzählung nach 1945 angeht, ging der Westen bis jetzt von seiner Unverwundbarkeit aus. Es war ein hart erkämpftes Konstrukt, das spät, aber schließlich doch als verbindlich galt und irgendwann einem klar konturierten, stabilen, selbstverständlichen Bild glich. Mit der Wahl in Sachsen-Anhalt liegt blank, wie viel in diesem Bild konserviert, wie viel Zeit verwartet, wie viel auf Abstand gehalten werden musste."

Auf ein Versagen der traditionellen Parteien weist dagegen Bernd Rheinberg bei den Salonkolumnisten hin: Wo bleiben die Kandidaten? "Die Kandidaten sind die Schlüsselfiguren jeder Wahl. Wenn man mit Themen nicht durchdringt - mit einem Gesicht, einer Stimme, mit Kompetenz und Charisma dringt man immer durch. Warum aber agieren die Parteien dann nicht entsprechend? Die jüngere Geschichte der Kandidaten-Kür ist eine Geschichte des Versagens, des vorhersehbaren Scheiterns, der fortgesetzten Uneinsichtigkeit."

Weiteres zur AfD: Im Interview mit der NZZ erklärt die in Britannien lebende und dort als Deutschland-Expertin befragte Autorin Katja Hoyer, warum die armen Ossis gar nicht anders konnten als AfD zu wählen. In der FAS überlegt die Rechtsprofessorin Sophie Schönberger, wie man einer regierenden AfD rechtlich beikommen könnte.

Streit ist angesagt. Im nächsten Jahr jährt sich der "Deutsche Herbst" zum fünfzigsten Mal. Viele Morde der RAF sind bis heute unaufgeklärt. Auch der Staat hat eine teils zwielichtige Rolle gespielt. Claus-Jürgen Göpfert interviewt in der FR den Politologen Wolfgang Kraushaar, der gerade eine Veranstaltung über den ehemaligen Terroristen Hans-Joachim Klein (Spitzname "Klein-Klein") herausbringt, einen der wenigen, die ausgestiegen sind und sich später zu ihrer Schuld äußerten. Einige der Morde der RAF, besonders der "dritten Generation" sind technisch so kompliziert gewesen, dass sie nicht von der RAF allein organisiert werden konnten, so Kraushaar: "Bis heute ist völlig unterbelichtet, wie stark die RAF von palästinensischen Terroristen abhängig war. Viele RAF-Mitglieder waren nicht nur in Trainingscamps der Palästinenser ausgebildet, sondern auch instruiert worden. Die 'Offensive 77' der RAF war im Sommer 1976 en détail im Südjemen geplant worden. Auch Hans-Joachim Klein hielt sich zu dieser Zeit bei der PFLP auf, der Volksfront zur Befreiung Palästinas. Deren Chef Wadi Haddad war nachweislich seit 1968 Agent des sowjetischen Geheimdienstes KGB. Er war es, der im Oktober 1977 die Entführung der Lufthansa-Maschine 'Landshut' organisiert hatte, durch die die Spitze der ersten RAF-Generation aus dem Gefängnis in Stuttgart-Stammheim freigepresst werden sollte. Die militärische Ausrüstung der Palästinenser stammte aus sowjetischen Beständen - darüber berichtete etwa RAF-Mitglied Peter-Jürgen Boock."
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Geschichte

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Die Welt veröffentlicht Briefe von Holocaustüberlebenden, die direkt nach  1945 geschrieben wurden - die Veröffentlichung basiert auf einem Band der Gedenkstätte Yad Vashem, der demnächst auf deutsch erscheint. Die Überlebende Syme Zosim Rysav schreibt am 13. Oktober an ihren Bruder: "Nadénko wir haben keine Mutter - sie ist vergast - das herrlichste u. göttlichste ist uns auf so bestialische Art genommen worden. Dann ging ich mit Fritz ab - u. zw. [und zwar] nach Auschwitz. Bei d. Ankunft wurden wir separiert - u. Fritz, der Mann den ich so unendlich liebte - lebt nicht mehr - vergast - - - (...) Ich kam auf d. lebende Seite - von Auschwitz wo man uns ganz kahl den Kopf abrasierte - Holzpantoffeln ohne Strümpfe, ohne Wäsche, nur in Häftlingskleidung, ohne Taschentuch - ohne Seife u. Handtuch, kurz nackt wie das Vieh wurden wir verschickt."
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Stichwörter: Holocaust

Medien

Journalisten kommen gegenüber der AfD in ein Dilemma, das sich kaum lösen lässt, schreibt Markus Wehner in der FAZ. Die Partei ist so groß geworden, dass sie sich nicht ignorieren lässt. Zugleich führt sie eine Politik der Häme, die zur Falle werden kann. "Für einen Journalisten führt das zu Fragen: Wie breit soll ich etwa über wiederholte Misstrauensvoten der AfD im Erfurter Landtag berichten, die in Wirklichkeit destruktiv sind, weil Höcke gar keine Chance hat, Ministerpräsident zu werden? Natürlich muss ich darüber schreiben und den Vorgang einordnen. Gleichzeitig wird das Spektakel aufgewertet. Das Stöckchen, über das man nicht springen sollte, ist in Zeiten medialer Aufgeregtheit zum Stock geworden, der nicht ignoriert werden kann."
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Stichwörter: AfD, AfD und Medien

Digitalisierung

Die Berliner Verwaltung wurde neulich gehackt. Riesige Datenmengen zweier Senatsverwaltungen wurde ins Netz gestellt - mit möglicherweise sicherheitsrelevanten Bauplänen und persönlichen Daten. Solche Verletzlichkeit zeigt auch den Mangel an digitaler Souveränität in Deutschland, meint Stephan Finsterbusch im Leitartikel der FAZ: "Deutschland kann aus eigenen Kräften und Mitteln im virtuellen Raum schon lange nicht mehr selbstbestimmt handeln. Dafür fehlen ihm auf breiter Front eigene IT-Großunternehmen, eigene Spitzentechnologien und von ihm selbst kontrollierte digitale Plattformen. Das Land hat keine namhaften Hersteller von Computern, Prozessoren oder Speicherchips. Der Großteil der in Deutschland genutzten Software stammt aus Übersee, die wichtigen Anbieter von KI-Systemen sitzen in Amerika oder China. Diese Schwäche macht verwundbar."
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Stichwörter: Digitale Souveränität

Gesellschaft

Überall sinken die Geburtenraten. Gerade die Rechte, die doch mehr Kinder will, versagt vor diesem Problem, konstatiert Susan Vahabzadeh in einem Essay für die SZ, und zwar sowohl die bürgerliche Rechte als auch die populistische: Vor allem "müsste eine politische Vision, die eine höhere Geburtenrate im Blick hat, viel stärker die Frauen selbst ansprechen: Sie sind es schließlich, die Armut und Überlastung riskieren, wenn sie Kinder bekommen. Und davon, wie es Frauen leichter gemacht werden könnte, Kinder zu bekommen - davon redet eigentlich niemand. Ganz im Gegenteil: Ausgerechnet die Rechtspopulisten - Putin, die AfD, die amerikanische Rechte -  fordern zwar höhere Geburtenraten, bieten aber als Gesamtpaket eine Politik, der Frauen als gleichberechtigte, mündige Menschen in Wahrheit nicht nur egal sind, sondern die sich gegen sie richtet."
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Politik

Die Migranten von Ceuta waren zum größten Teil junge Männer. Aber Mädchen waren auch darunter, eine von ihnen war Faten Ben Omar, deren Leiche im Meer vor der spanischen Exklave trieb. Mehrere Zeitungen haben ihre Geschichte recherchiert. Sie war eine Fußballspielerin, die selbstbestimmt leben wollte, schreibt Güner Balci in der SZ. In Marokko könnte sie das nicht: "Das Königreich gilt im Vergleich zu seinen Nachbarstaaten als fortschrittlich, sein Rechtssystem sieht für Frauen in vielen Bereichen des Lebens formal Gleichberechtigung vor. In der Wirklichkeit aber sind Kinderehen und Polygamie weiterhin Realität für viele Mädchen und Frauen. Uneheliche Kinder werden diskriminiert, und alleinerziehende Frauen leben fast immer in prekären Verhältnissen - sowohl wirtschaftlich als auch sozial sind sie am Rand der Gesellschaft. Sexuelle Beziehungen außerhalb der Ehe sowie Schwangerschaftsabbrüche, auch dann, wenn sie die Folge einer Vergewaltigung sind, können strafrechtlich verfolgt werden."

Immer weniger Frauen im Iran tragen Kopftuch, erzählt Teseo La Marca in der taz. Das Regime schafft es offenbar zur Zeit nicht, den Zwang durchzusetzen. Zuletzt hatte es Überwachungskameras eingesetzt - Frauen, die per Gesichtserkennung ohne Hidschab erwischt wurden, bekamen Warnungen per SMS. "Im März dieses Jahres berichtete die Financial Times, dass der Mossad, Israels Geheimdienst, in jene Überwachungskameras, die zur Kontrolle der Bevölkerung eingesetzt wurden, eingedrungen war und auf diese Weise Bewegungsmuster hochrangiger Funktionäre und Militärs nachverfolgen konnte. So soll es dem israelischen Militär schließlich sogar gelungen sein, Irans Staatschef Ali Chamenei zu töten. Zana Rahimi vermutet, dass in Regierungskreisen schon nach dem 12-Tage-Krieg der Verdacht aufkam, die Überwachungskameras könnten infiltriert sein. Tatsache ist, dass die iranische Regierung plötzlich auf ihre Nutzung verzichtete - auch das führte zu einer neu gewonnenen Kleidungsfreiheit."

Es  fällt auf, dass sich die Zeitungen beim Gedenken an den 11. September weniger auf die Tat und die bleibende Herausforderung des islamischen Faschismus konzentrieren als auf die amerikanische Reaktion, die mit Überwachung, Krieg und neuen Gewaltbegründungen tatsächlich bis dahin geltende Standards verletzte (wenn man nicht gleicht titelt wie tagesschau.de: "Was New Yorks Muslime nach 9/11 durchmachen mussten"). Das Völkerrecht sei bis heute unterminiert, schreibt der Politologe Hendrik Simon in der virtuellen Tiefdruckbeilage der FAZ. Schön dass es Politologie gibt, im übrigen! Hätte man Simon gefragt, wäre auch nach dem 7. Oktober alles ganz anders gekommen: "Auch hier war eine umfassende militärische Eskalation nicht alternativlos: Nach einer militärischen Abwehr der Hamas-Terroristen hätte auf einen politischen Weg gesetzt werden können, auf frühzeitige Verhandlungen über die Freilassung der Geiseln, auf die Entwicklung einer strategischen Antwort unter Einbindung regionaler Akteure und langfristig auf eine politische Lösung des Konflikts unter Einbindung der Palästinensischen Autonomiebehörde."

Nicht durch Politologie, sondern durch Polizeiarbeit wurde ein verheerender Terrorangriff der Hamas in Berlin vereitelt, berichtet unterdessen Per Hinrichs in der Welt am Sonntag: Ein vollautomatisches Sturmgewehr der Marke Crvena Zastava, acht halbautomatische Pistolen des Typs Glock 26 und mehr als 600 Schuss scharfe Munition hatte die Terrorgruppe in Berlin bereits gehortet. Dass Attentate in Europa geplant werden, ist übrigens ein Strategiewechsel, so Hinrichs, bisher nutzte die Hamas Europa als Rückzugsraum, wie die Welt der ihr vorliegenden Anklageschrift der Staatsanwaltschaft entnimmt. Die Pläne waren konkret: "Der Anschlag sollte exakt um den 7. Oktober 2025 - den zweiten Jahrestag des Massakers in Israel - in Wien und Berlin zeitgleich oder in enger Abfolge durchgeführt werden. Als Primärziele galten israelische Diplomaten, jüdische Gemeindezentren sowie pro-israelische Demonstrationen."
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