Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.08.2026 - Bühne

Szene aus "F*cking Future". Foto: Blandine Soulage

Ein paar Höhepunkte erkennt eine nicht restlos überzeugte Katrin Bettina Müller in der taz in ihrer Zwischenbilanz des Berliner "Tanz im August"-Festivals dann doch, etwa Marco da Silva Ferreiras Stück "F*cking Future", das von Uniformität und Disziplinierung, aber auch von Kampf und Widerstand erzählt: "Etwas Retrofuturismus liegt in den Kostümen, die das Wehrhafte und das Verletzliche zugleich betonen. Der Schweiß, der auf den acht Performer:innen glänzt, lässt die Haut schimmern. Unisono bewegen sich die acht, rücken in engen Formationen zusammen, ziehen sich in Ketten auseinander, bilden Felder und Linien. Etwas Martialisches und etwas Hippieskes fließt in ihren Bewegungen ineinander, roboterähnliche Eckigkeit und erotische Weichheit, viele Tanzstile werden zitiert und bruchlos eingeflochten. In die wummernde und treibende Musik schieben sich irgendwann ihre Stimmen und singen 'I don't care what the people say' und 'We are the one you try to kill'." Auf Arte Concert lässt sich das Stück anschauen.

Szene aus "Clap and slap". Foto: Donatas Alisauskas

In der FAZ atmet Robin Passon auf, dass es so etwas wie "politisch-progressiven Geist" im Theater doch noch gibt - so gesehen beim Zürcher Theaterspektakel (und ebenfalls bei "Tanz im August") im Stück "Clap and slap" der Litauerin Agnietė Lisičkinaitė, die sich im Februar 2022 fest geschworen hatte, nicht mehr mit "denen" zusammenzuarbeiten, die Russisch sprechen und immer noch "mit der Tyrannei verbandelt" sind: "Dann brachte er, Igor Shugaleev, systemkritischer Exil-Belarusse, die Maxime ins Wanken, und nun ringen sie mit ihren Körpern um Fragen von individueller Verantwortung, Schuld und Solidarität. Das ist ebenso poetisch wie grotesk, erst verspielt, dann todernst. Als er genug von den Vorwürfen hat, wirft er sich seine Hand auf den Rücken - 'slap'. Eine Rötung zeichnet sich auf der sonnengebräunten Haut ab, bald geht sie zu einem Pink über. Auch sie steigt ein. Ab Himbeerrot tut es weh. Nicht nur zwischen den Schulterblättern der beiden, auch in den Ohren. Wie das Aufeinanderprallen von weichem Fleisch so scharf klingen kann, fragt man sich und möchte ihnen zurufen, dass sie diese Selbstgeißelung endlich unterlassen sollen."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.08.2026 - Bühne

Von einem polarisierenden Theaterabend in Tel Aviv berichtet Quynh Tran in der FAZ. Milo Rau hat mit seinem Programm "Wagner in the Holy Land" gleich mehrere Tabus gebrochen. Vier Arien aus "Tannhäuser", "Lohengrin", "Rienzi" und dem "Holländer" spielte sein Team in einem arabisch-jüdischen Theater, lesen wir, dabei war Wagners Musik aufgrund seines Antisemitismus lange Tabu in Israel. Das Publikum regt sich aber über etwas anderes auf, so Tran, denn Rau hat auch Redner eingeladen: "Das sehr viel größere Tabu bricht die israelische Theatermacherin Einat Weitzman, die in ihrer Rede zunächst fordert, die Musik zu stoppen, weil man dann vielleicht das Summen der Drohnen über Gaza und die Stimmen der Kinder hören könne. Und dann sagt sie, es sei vielleicht nicht unpassend, dass Wagner die Menschen in Gaza in den Tod begleitet. Zum ersten Mal rührt sich das Publikum, das bis dahin andächtig zugehört hat. Die Äußerung ist für manche ein Affront. Zwei Besucher stehen auf und verlassen die Veranstaltung. Eine Besucherin moniert, dass man ihr eine Bühne gebe, um 'die jüdische Entität zu zerlegen', ein anderer buht." 

Weitere Artikel: In der NZZ freut sich Lilo Weber über die baldige Wiederaufführung von Heinz Spoerlis Ballett "Goldberg-Variationen" von der jungen Schweizer Ballettgruppe "Mind The Gap".

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.08.2026 - Bühne

Live on Tape. Foto: Kammerballetten, Instagram


Wiebke Hüster zeigt sich in der FAZ ganz verzaubert von Sebastian Kloborgs Tanzstück "Live on Tape", das das dänische Kammerballetten in der Kopenhagener Konzerthalle der Königlich-Dänischen Musikakademie zur Aufführung bringt. Eine "Hommage an das Radio, an das Tonband, an die Stimmen, die aufgenommen werden" hat Kloborg erschaffen. "Die Musik der Welt strömt ein in die aufgeführte Musik und in den Klangraum Theater, rhythmisch gesetzte Schritte, Luft holen, auf- und zugehende Türen, das Klacken des Tonbandgeräts. Ein Kabel wird über den Boden gezogen, geworfen und in neue Form gelegt. Maria Kochetkova, die Ballerina, erscheint wie ein Fabelwesen auf spitzen Absätzen, in Kniestrümpfen und einem Glitzerrock. Sie und Alban Lendorf beherrschen die Szene mit ihrem körperlichen Ausdruck, einer konzentrierten Innerlichkeit und explosiven Emotionalität, die stumm bleibt und die Szene bannt mit einem einzigen Blick."

Elena Philipp fühlt sich laut ihrem nachtkritik-Bericht wohl auf dem Valmiera Summer Theater Festival, einem lettischen Kleinstadt-Theaterfestival. Hier präsentiert sich eine selbstbewusste Theaterszene, die ästhetisch auf der Höhe der Zeit ist und sich durch eine erstaunliche Vielfalt auszeichnet, schwärmt sie. "Alleinstellungsmerkmal des Festivals sind die Spielorte in der ganzen Stadt. Für 'Fracture' von Rihards Zelezņevs, eine Stückentwicklung über Körper und ihre Fragilität, eignen sich die gelernten Puppenspieler Sandija Dovgāne, Rūdolfs Apse und Matīss Millers die zentrale Halle eines verfallenden Schlachthof-Gebäudes an. Das Jugendstück 'Pīķa Dāma, parādies!' ('Pik Dame, erscheine!') findet auf der Wiese zwischen zwei Scheunen statt, die herumliegenden Werkzeuge und Schrottteile werden zu Requisiten. Äxte, Hämmer, Metallstangen kommen zur Anwendung: Schließlich gilt es, den schwer vermummten Geist der Pik Dame abzuwehren (...)."

Weiteres: Das Fachmagazin Tanz hat, wie unter anderem der Tagesspiegel durchgibt, das Berliner Staatsballett zum besten Tanztheater des Jahres gewählt. Auch Kate Wagner zeigt sich in van ziemlich entsetzt über den Bayreuther KI-Ring (siehe u.a. hier): "Das Ergebnis ist ohne Zweifel die schlimmste ästhetische Erfahrung, die ich in meinem bisherigen Leben machen musste." Jakob Hayner besucht für die Welt zwei Vorführungen bei den Salzburger Festspielen: Mit dem Molière-Rap-Experiment "Der Menschenfeind", inszeniert von Jette Steckel, kann er wenig anfangen, mit dem Jelinek-KI-Experiment "Unter Tieren", inszeniert von Nicolas Steckmann, umso mehr. Besprochen wird außerdem Thomas Matschoss' Stück "Das größte Lachen oder die Mathematik der Komik" in der Aufführung des Jahrmarkttheaters Bostelwiebeck (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.08.2026 - Bühne

Szene aus "Unter Tieren" in Salzburg. Foto: Arno Declair

Vor allem dem Schauspiel-Ensemble in Nicolas Stemanns Inszenierung von Elfriede Jelineks Stück "Unter Tieren" bei den Salzburger Festspielen zollen die Kritiker ihren Respekt. Im Stück geht's um Kapitalismuskritik, Wirtschaft und Massentierhaltung - Jelineks zu Grunde liegender Text ist ziemlich theoretisch, findet Nachtkritiker Falk Schreiber, aber die Stars wie Mavie Hörbiger, Caroline Peters oder Branko Samarovski sorgen für "Virtuosität": "Diese Fallhöhe zwischen kalter Intellektualität und großer Schauspielkunst sorgt für eine Spannung, die einem den Abend nicht lang werden lässt, sie erzeugt aber auch Schockmomente, die umso stärker wirken, weil Stemanns Regie eigentlich nicht primär auf Schocks setzt. Wenn Sebastian Rudolph als kaufmännisch beschlagener Hase dem Publikum das Prinzip Warenwirtschaft erklärt, dann mag sich das als darstellerisches Kabinettstückchen goutieren lassen. Wenn aber ein paar Szenen später eine Gruppe Schweine versteht, dass dieses Wirtschaftsprinzip sie zu reinen Fleischlieferanten degradiert, dann sorgt die Virtuosität des Ensembles dafür, dass diese eigentlich bekannte Erkenntnis fürs Publikum zum Tritt gegens Schienbein wird."

FAZ-Kritiker Jürgen Kaube hat sich derweil ziemlich gelangweilt, wenn Hase, Affe und Tauben ihre Reden gegen den bösen Kapitalismus vortragen: "Auch Elfriede Jelinek versteht erklärtermaßen die Wirtschaft, die sie Kapitalismus nennt, nicht. Wer schon? Von den Tieren, heißt es, habe sie sich die Ahnungslosigkeit ausgeborgt. Tatsächlich aber kennen beide die Wirtschaft aus den Massenmedien, also vorzugsweise aus den Skandalen, den Managersprüchen und den Redensarten. Ab und zu schimmert angelesene Geldtheorie und -geschichte zwischen Bernhard Laum, Karl Marx und David Graeber durch, ohne dass sich aus ihr eine Linie ergäbe. Das ist die zusammencollagierte stoffliche Substanz des Dramas." Egbert Tholl geht es in der SZ ähnlich, ihm fehlt außerdem der "Furor". Uwe Mattheiß sieht es in der taz auch so, auch ein KI-generierter Peter Thiel kann ihn nicht beeindrucken. In der NZZ bespricht Bernd Noack das Stück.

Weitere Artikel: In der FR schüttelt Hadija Haruna-Oelker den Kopf über die Volksbad-Debatte und plädiert für mehr Schutzräume für schwarze Menschen: "Weißsein ist eine Erfahrung, genau wie Schwarzsein es auch ist. Darum sagt ein geschützter Raum für Schwarze Menschen nicht: Ihr gehört nicht dazu, sondern: Wir möchten erleben, wie es ist, sich nicht erklären zu müssen; nicht aufzufallen, angeschaut, angefasst oder eingeordnet zu werden." Dorion Weickmann war für die SZ bei der Eröffnung von Tanz im August in Berlin.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.08.2026 - Bühne

"Der Menschenfeind". Foto: Armin Smailovic.


Molières "Menschenfeind" wird in der Inszenierung von Jette Steckel auf den Salzburger Festspielen auch kein Kritikerliebling, ist sich Nachtkritiker Jakob Hayner sicher, obwohl extra die Hamburger Band UWE engagiert wurde, um zu zeigen, wie gut Hip-Hop-Battles und Molière zusammenpassen: "Ins Auge fallen die Kostüme von Pauline Hüners. Jede Figur wirkt wie in einen Farbtopf gestürzt, was bei der von Kopf bis Fuß in kräftiges Blau getauchten Barbara Nüsse als Philinte an 'Avatar' erinnert oder insgesamt an die Teletubbies. Klar, all colours are beautiful und jeder liebt den Regenbogen, aber dass auch noch das Lichtbühnenbild von Florian Lösche immer wieder in der Farbe der gerade tonangebenden Figur erstrahlt" ist Hayner zu viel, zumal diese "erstaunlich blass" bleiben. "Auch szenisch wirkt vieles eher leblos, bis auf Ausnahmen wie bei der kraftvollen Schlussansprache von Célimène. Anders gesagt: Es fehlt der Swag."
 
SZ-Kritikerin Christine Drössel kann mit der auf modern gebürsteten Inszenierung in der SZ ebenfalls wenig anfangen: "Das Prinzip 'Battle' unterliegt als Grundgedanke auch der Inszenierung. Wenn die Figuren in dem leeren Leuchtkasten aufeinandertreffen, tun sie das als Kombattanten, die sich, emotional begleitet oder sarkastisch kommentiert von der Live-Musik, Sprachduelle liefern. Mitfiebern tut man schon deshalb nicht, weil diese Figuren so entindividualisiert sind." Jürgen Kaube ist in der FAZ nicht ganz so streng, er konzentriert sich auf einige Highlights, zum Beispiel die Geliebte des Titel-Antihelden und die Kämpfe, die sie ausficht: "Die Célimène Maja Schönes beginnt zurückhaltend, sie ist die farbloseste Figur, die verkörperte Ausrede (freundlicher: schlagfertig), nimmt aber im Lauf des Abends Tempo auf und kämpft um ihre Freiheit, nicht in Besitz genommen werden zu wollen. Ihr Zickenkrieg mit Lisa Hagmeister als fies-intelligenter Arsinoé in einer Szene, in der die beiden Konkurrentinnen einander belecken, beleidigen, beraten und miteinander verhandeln, gehört zu den Höhepunkten des Abends (...)." Im Standard findet Margarete Affenzeller die Inszenierung gelungen.

Saba-Nur Cheema und Meron Mendel schreiben in der FAZ zum vermeidbaren Skandal um das Volksbühnenbad (unsere Resümees): "Wir finden, es braucht eine aufgeklärte Debatte darüber, wo Safe Spaces für Minderheiten geschaffen werden sollen - und wo sie fehl am Platz sind." In der SZ nimmt Peter Laudenbach das Theater als Vorzeichen dafür, was uns bald überall blühen könnte: "Die Volksbühne und ihr kleines Volksbad wurden zum Zielobjekt des rechten Kulturkampfs", schreibt er und fordert mehr Resilienz vom Kulturbetrieb.

Weiteres: Auf dem Zürcher Theater Spektakel gibt es leicht bekleidete Männer zu sehen, aber es werden auch Diskussionen über den Zustand der Demokratie geführt, entdeckt Nachtkritiker Tobias Gerosa. Philipp von Studnitz gratuliert Christian Thielemann in der Welt zur 200. Aufführung in Bayreuth. Das Berliner Festival "Tanz im August" hat begonnen, Sandra Luzina hat sich für den Tagesspiegel umgeschaut. Besprochen wird Agniete Lisickinaite und Igor Shugaleevs "Clap & Slip" beim Zürcher Theater Spektakel (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.08.2026 - Bühne

Elfriede Jelineks "Unter Tieren" 2026 bei den Salzburber Festspielen. Regie: Nicolas Stemann, mit Thiemo Strutzenberger, Mavie Hörbiger, Caroline Peters. Foto © Tommy Hetzel / BURG


Am Sonntag hat bei den Salzburger Festspielen Elfriede Jelineks Stück "Unter Tieren" Premiere. Bert Rebhandl hat es schon für den Standard gelesen und ist fasziniert von dieser Art cleverer Kapitalismuskritik, die sich nicht im Pamphlet erschöpft: "Bei Jelinek trägt eine Kuh den Namen Anna, oder auch nicht: 'Anna - so heiße ich gar nicht, ich glaube, der moderne Bauer gibt seinen Tieren keine Namen mehr, es sind zu viele, wie die Toten eines jeden Krieges, die von allen Seiten zusammenfließen und die Erde mit sich überschwemmen - Anna, den Kredit hamma, läute deine Glocken!, schüttle deine Milchtüten!' Die Passage ist ein perfektes Beispiel dafür, wie die Dichterin arbeitet ... Die Kuh Anna/Nicht-Anna schaut dann sogar noch nach nebenan, und bemerkt lakonisch: 'Ich persönlich denke übrigens, dass auch das Geflügel mit seinem Leben nicht sehr zufrieden ist.'"

Ist das Kunst oder kann das weg? Beate Scheder versucht in der taz in Sachen Volksbad vor der Volksbühne zu vermitteln: "Wasser ist definitiv ein Thema, auch in der Kunst, da schwimmt die Volksbühne gut mit. Wasserspiele gibt es in Venedig unter anderem auch noch im polnischen Pavillon, wo Bogna Burska und Daniel Kotowski einen Chor im Schwimmbad unter Wasser setzen." Solche Überlegungen lagen Matthias Lilienthal eher fern: "Ich brauche kein Cellokonzert oder keine Einzelperformance. Allein schon die Bilder, die durch diese fast nackten Menschen direkt zwischen dem Fernsehturm und der Volksbühne entstehen, finde ich super", zitiert ihn Scheder.

Nachdem eine Schwimmveranstaltung für den Verein Eoto, der das Volksbad ein paar Stunden ausschließlich für schwarze Kinder reservieren wollte, abgesagt werden musste (ob nun wegen rechter Hetze oder wegen defekter Duschen, unsere Resümees), folgt die Debatte einer deprimierenden Logik: Erst regen sich die Rechten auf, dann die Linken, und alle wittern Rassismus. Die Volksbühne entrollt irgendwann ein Banner: Fickt euch. Das Drehbuch dazu hätte man blind im voraus schreiben können. Wer es im Detail nachverfolgen will, wird bei Dominik Lenze im Tagesspiegel fündig.

Weiteres: Esther Slevogt, die einen glücklichen Theatersommer in Griechenland verbracht hat, schickt der nachtkritik einen Brief von dort. Besprochen wird die Aufführung von Antonio Cestis Barockoper "Il pomo d'oro" nach 358 Jahren! bei den 50. Innsbrucker Festwochen der Alten Musik (nmz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.08.2026 - Bühne

Volksbühnen-Intendant Matthias Lilienthal hatte geplant, seinen Pop-up-Pool für sechs Stunden "exklusiv für Schwarze Communities" zu reservieren, wegen Sicherheitsbedenken wurde die Veranstaltung nun abgesagt. Genau genommen war der Pool für den Verein Eoto, eine Begegnungsstätte für Menschen afrikanischer Herkunft reserviert, korrigiert Gerrit Bartels im Tagesspiegel und kommentiert: "Würde das Geschrei der rechten Medien in Zeiten wie diesen mit den hohen Zustimmungswerten für die AfD vor den anstehenden Landtagswahlen nicht auf potenziell fruchtbaren Boden stoßen, könnte das Ganze nicht lächerlicher sein: Es geht ihnen um die Diskriminierung von Weißen, den Ausschluss von Menschen mit weißer Hautfarbe vom Volksbad. Von Menschen also, die hierzulande Diskriminierung noch nie am eigenen Leib erfahren haben."

Im Seite-1-Kommentar der Welt meint Andreas Rosenfelder hingegen: "Eine temporäre Apartheidsregelung, nur unter umgekehrten Vorzeichen? Nichts könnte die Abgründe, die sich im Diversitätsdenken der urbanen Klasse auftun, besser verkörpern. Oder doch? Die groteske Pointe, dass die Durchführbarkeit der Rassentrennung infrage steht, weil die Duschen 'derzeit nicht funktionsfähig' sind, hätte sich kein zynischer Dramaturg auszudenken gewagt."

Weiteres: Azis Sadikovic, Dirigent der Kinderoper in Bayreuth, erklärt in der FAZ, warum Kinder schon mit Wagner-Opern in Berührung kommen sollten. Besprochen werden das "Theaternatur Festival" in der Waldbühne Benneckenstein im Harz (taz), Josef Maria Krasanovskys Uraufführung von Natalie Baudys Stück "under the influence" bei den Bregenzer Festspielen (Welt, nachtkritik), Susie Wangs "Burnt Toast" auf Kampnagel in Hamburg (nachtkritik), das Stück "Après moi, le Déluge" von (La)Horde & Ballet National de Marseille auf Kampnagel (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.08.2026 - Bühne

Mit Blick darauf, dass Tschaikowskis Oper "Mazeppa" im September die Saison an der Oper Frankfurt eröffnet, erzählt Christian Thomas in der FR die Geschichte des Kosakenhauptmanns Mazeppa. Mehr in 9punkt.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.08.2026 - Bühne

Salzburger Festspiele - Europa. © Magda Hueckel

Uneins sind sich die Kritiker über Wajdi Mouawad und Krzysztof Warlikowskis "Europa". Der libanesisch-französische Autor und der polnische Regisseur verantworten gemeinsam diese Produktion des Nowy Teatr Warschau, das auf den Salzburger Festspielen zu sehen ist. Gabi Hift zeigt sich auf nachtkritik tief beeindruckt von einem Stück, das die antike Tragödie mit politischen Verwerfungen der Gegenwart kurzschließt: "Immer wieder wird es einem zu viel, man möchte sich diese Geschichten vom Leib halten, sie als Kolportage abtun, als obszönes Drehbuch für ein Splatter-Movie. Aber die großartigen SchauspielerInnen lassen diese Sichtweise nicht zu. Auf der Bühne stehen lauter echte Menschen, alle gänzlich unsentimental. (...) Wenn dann aus Andrzej Chyra als Europa mitten in der verächtlich distanzierten Erzählung für Augenblicke die hohe panische Stimme eines kleinen Mädchens herausbricht, trifft einen das wie ein Schlag in die Magengrube."

Ronald Pohl hingegen äußert sich im Standard reichlich genervt: "Vollends ärgerlich erscheint Mouawads Bestreben, die Vorspiegelung schlimmster Bluttaten in ein Kauderwelsch des Schreckens umzuformen, als gäbe es wirkliche Schandtaten nicht ohnehin wie Sand am Meer. Der 'Samentropfen des Massakers' wird in dieser Orgie sauersten Kitsches als poetisches Kleingeld weitergereicht. Man wünscht dem Tragödiendichter ein kleines Brecht'sches Organon zur Lektüre, zur Auflösung der Frage, wie man den Menschen aus seiner Schicksalsverfallenheit befreit. Europa gleicht einer Dosis Sarah Kane für Arme".

Außerdem: Das vielbeachtete Volksbühnen-Schwimmbad ist schon wieder zu, meldet unter anderem der Tagesspiegel. Grund ist, Berliner wird's nicht überraschen, ein Defekt. Manuel Brug besucht für die Welt das Buxton International, ein in einem Nest südlich von Manchester angesiedeltes Opernfestival. Christian Gohlke erinnert in der FAZ an "Die Gartenlaube", eine Zeitschrift des 19. Jahhunderts, die 1876 über die ersten Bayreuther Festspiele berichtete.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.08.2026 - Bühne

Szene aus "Il pomo d'oro" bei den Innsbrucker Festwochen Alter Musik. Foto: Birgit Gufler

Werner M. Grimmel ist in der FAZ hellauf begeistert von Antonio Cestis Oper "Il pomo d'oro", die seit 360 Jahren zum ersten Mal wieder zu sehen ist und zwar bei den Innsbrucker Festwochen Alter Musik. Deren musikalischer Leiter Ottavio Dantone hat sich auf das Wagnis eingelassen, und die "aufwendigste Hofoper der Barockzeit" auf die Bühne gebracht. Und nein, es geht nicht um eine Tomate! Sondern um einen Streit zwischen den Göttinnen Hera, Athene und Aphrodite, ausgelöst durch einen Goldapfel, erklärt Grimmel: "Die fulminante Innsbrucker Produktion gibt Dantones gewagtem Unterfangen auf ganzer Linie recht. In zwei aufeinanderfolgenden, jeweils fast vierstündigen Abendvorstellungen wird Sbarras und Cestis pralles Panorama menschlicher Unzulänglichkeiten szenisch und musikalisch grandios entfesselt. Der italienische Regisseur Fabio Ceresa zelebriert den vokalen Huldigungs-Showdown des Prologs mit einem zwanzigköpfigen Gesangsensemble als groteske Misswahl - ein Vorgeschmack auf den stimmlich und schauspielerisch brillant ausgefochtenen Zickenkrieg der drei olympischen Göttinnen, der sich in immer neuen Konfrontationen über die folgenden fünf Akte hinzieht."

In der Welt kommt Manuel Brug ebenfalls ins Schwärmen: "Ottavio Dantone, der die zwei fehlenden Akte mit Cesti-Anleihen und einem Manuskript aus Modena, das ein Drittel der Arien aus diesen überliefert, rekonstruiert hat, dirigiert mit nie nachlassendem Elan wie Eleganz seine Accademia Bizantina. Die schwelgt in Bläserfarben und Zupfinstrument-Nuancen. Der Chor NovoCanto wechselt von Kriegern zu Götterdienern und Piraten für ein ganzes Wasserballett, in dem sich auch noch fünf Tänzer tummeln. Hier wird ohne Unterlass Neues und Überraschendes, schön Klingendes und optisch Ansprechendes geboten."