Efeu - Die Kulturrundschau
Wie ungern schauen wir hin?
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18.09.2026. Mit zwölf Jahren Verspätung ist die 1,5 Milliarden teure Sanierung des Schauspiels Köln fertig: Dafür kann man jetzt in akustisch optimierten Sesseln sitzen, staunt die SZ. Die taz geht in Bonn über die zeitgenössische Brücke, die die Malerin Chunqing Huang zu August Macke schlägt. Die Theaterkritiker lauschen überwältigt dem Fauchen der 48-fach geteilten Streicher in Barrie Koskys Inszenierung von Aribert Reimanns Oper "Lear". Und BackstageClassical fragt sich, welchen Einfluss öffentlich-rechtlicher Sender wie ZDF und Arte mit Medienproduktionen auf den Klassik- und Opernbetrieb haben.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
18.09.2026
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Architektur
Alexander Menden (SZ) kann es kaum fassen: Nach anderthalb Jahrzehnten - und damit ganze zwölf (!) Jahre später als geplant ist die Sanierung des Schauspiels Köln tatsächlich abgeschlossen. Die Kosten sind in der Zeit von 253 Millionen Euro auf 798 Millionen angewachsen. Insgesamt schlagen nun, auch durch die Zwischenmieten, 1,5 Milliarden Euro zu Buche, weiß Menden, der nur die gröbsten Patzer eines der "langwierigsten und teuersten städtischen Planungsdesaster der westdeutschen Nachkriegsgeschichte" nachzeichnen kann. Aber hat es sich gelohnt? Der leitende Kölner Stadtkonservator Thomas Werner ist bei einem Rundgang jedenfalls "sehr zufrieden". Er "weist auf all die epochengetreuen Details hin: den kunstharzgebundenen Steinputz der Säulen, den kunstledernen Bezug der Garderobentheke, das originale Nussbaumholzfurnier an den Brandschutztüren des Auditoriums. Die 131 Schattierungen der ursprünglichen Farbgebung, die Architekt Wilhelm Riphahn für das 1957 im Beisein Konrad Adenauers eröffnete Haus vorgesehen hatte, sind nach Befund rekonstruiert. Das Gestühl des Zuschauerraums ist nicht nur im ursprünglichen Hellblau bezogen, sondern auch durch akustisch optimierte Sitzflächen ergänzt worden."
Weitere Artikel: Niklas Maak gratuliert dem Architekten Hans Kollhoff in der FAZ zum Achtzigsten.
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Bühne

In der monumentalen Architektur von Hangar IV des Tempelhofer Flughafens kam Aribert Reimanns Oper "Lear" erstmals vollkommen zu ihrem Recht, jubeln die Kritiker einstimmig nach Barrie Koskys Inszenierung zum Saisonauftakt der Komischen Oper. "Das dürfte jedenfalls klangdramaturgisch gelten", schreibt Gerald Felber in der FAZ, "weil erst ein Raum wie dieser eine unbeengte Entfaltung der geforderten riesigen Schlagwerkbatterien ermöglicht: ein eigenes Kleinensemble mit mindestens fünf Spielern, das nun gegenüber dem ohnehin gewaltigen Hauptorchester separat auf einem mehrstöckigen Metallgerüst platziert wurde und von dort vor allem während der Heide-Sturmszene genau jenen niederschmetternd betäubenden Lärm zu entfalten vermochte, der dem Komponisten vorgeschwebt haben dürfte."
Nachtkritiker Janis El-Bira schwärmt von einem "Ereignis der Extraklasse": "Reimanns 'Lear' ist so furchteinflößend, lärmend und terrorisierend, dass er eigentlich fast schon wieder komisch sein müsste - ist er aber nicht. Er packt die Wahnsinnigen aus diesem wahnsinnigsten aller Shakespeare-Stücke bei der nackten Haut, schält sie ab bis auf die Knochen und dann noch weiter. Bis das kleine Menschen-Atom blutig offenliegt, wimmernd und greinend, wie jener Graf von Gloster (Günter Papendell), dem Lears machthungrige Töchter unter dem Kreischen des Orchesters die Augen ausreißen. Furchtbar ist das alles und doch so unwidersprochen atemberaubend, wenn 48-fach geteilte Streicher in der Sturmszene zu fauchen beginnen, oder wenn es zwischendrin süffig nach Musikgeschichte klingt." Für die taz war Katharina Granzin vor Ort, für die FR Judith von Sternburg und für den Tagesspiegel Udo Badelt.
Fast ein Vierteljahrhundert ist Bernd Loebe nun Intendant der Oper Frankfurt. Im Interview mit der FR spricht er über die Zukunft der Oper, rechtsextreme Kulturpolitik und die italienische Oper in der Krise: "Ausgerechnet in Italien, dem Mutterland der Oper, ist die Ausbildung schon lange nicht mehr besonders gut. Und die besten Stimmen und auch die besten Lehrer gehen noch dazu ins Ausland, und sei es nach China, wo sie überall viel mehr Geld verdienen als im eigenen Land. Dazu kommt, dass italienische Oper gar nicht mehr so selbstverständlich gespielt wird. Früher war italienische Oper das Repertoire schlechthin, alle hatten Puccini und Verdi im Programm. Heute machen wir an einer Stelle mal 'Ballo' und machen noch mal vielleicht eine Wiederaufnahme 'Rigoletto' oder 'Butterfly'. Aber für anderes haben wir viel bessere Stimmen. Und wenn man auf die überregionale Aufmerksamkeit schaut, nicht zuletzt in der Presse, ist es auch geschickter, nach anderen interessanten Werken zu schauen."
Weiteres: Egbert Tholl meldet in der SZ leise Zweifel an, ob der Belgier Peter de Caluwe der richtige Intendant für die Salzburger Festspiele ist, in der NZZ kommentiert Christian Wildenhagen. Besprochen werden außerdem das Patomimefestival Salon de Mime im Theaterforum Kreuzberg (taz) und das Festival "Bayreuth Baroque" im Bayreuther Friedrichsforum (Welt).
Literatur
Tilman Spreckelsen schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Romantikforscher Hartwig Schultz. Besprochen werden unter anderem Pol Guaschs "Auf den Händen brennt das Paradies" (taz), Veronika Peters' "Mehr Leben als geplant" (FR), Han Kangs "Der goldene Faden" (FAZ) und Philipp Ruchs "Der Rückfall" über die Geschichte der NSDAP vor ihrer Machtübernahme (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Kunst

Katharine J. Cichosch (taz) versteht sofort, warum das Bonner August Macke Haus die chinesische Malerin Chunqing Huang zu einer Einzelausstellung eingeladen hat, schlagen ihre Arbeiten doch eine "zeitgenössische Brücke" zu dem expressionistischen Maler. Etwa ihre Serie "En Vogue": "Zwei, drei Mal führt Huang die verdünnte Ölfarbe in einer halben Ellipse über die Bildfläche. Das Resultat sind Gemälde, die Drucken ähneln, wie eine Frottage von farbgetränktem Krepppapier vielleicht oder eine Lithografie. Es sind Überlegungen zu Mode, die sich hier malerisch Bahn brechen. … Und ganz ungeplant, weil weit vor der Ausstellung begonnen, erscheinen auch diese Leinwände in leuchtendem Gelb oder Orange und sattem Blau wie der Nachhall auf einen Künstlerkollegen - auf die betont heiteren Farbtöne, für die Museumstitelgeber August Macke bekannt wurde."
Annegret Erhard reist für die Welt auf die griechische Insel Samos, wo die private Schwarz Foundation seit Jahren ein Kunstfestival veranstaltet, und zwar kein schlechtes, wie Erhard bei der diesjährigen Ausgabe bemerkt, die unter dem Titel "Fragments and Futures" Antike auf Gegenwart treffen lässt: "Zu den eindringlichsten Positionen der klug kuratierten und nicht im Geringsten auf mediterranes Flair und Urlaubsstimmung ausgerichteten Präsentation gehört das tönerne und wunderschöne Totem der mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Griechin Natalia Manta. Die übermannsgroße Skulptur 'Faceless Entity' bezieht sich mit teils archaischen, ornamental gesetzten bildhaften Wissens- und Heritagefragmenten, mit anekdotischen Codes und kulturellen Verweisen auf die wechselvolle Geschichte der Insel. … Mit dem gesichtslosen Kopf beschreibt Manta den Begriff der Zeit als anonyme Kraft, die Geschichte und Kultur über die Jahrhunderte immer aufs Neue durchdringt."
Weitere Artikel: Die berühmte Dreifaltigkeitsikone von Andrej Rubljow aus dem 15. Jahrhundert, die Präsident Putin im Kriegsjahr 2023 aus der Moskauer Tretjakow-Galerie der russisch-orthodoxen Kirche übergeben hat, hat bei ihrem Umzug Schaden genommen, berichtet Kerstin Holm in der FAZ. Für die SZ besucht Verena Mayer Wiens neue Kunstmesse, die Astoria Artshow Vienna, und überlegt, ob Wien das "nächste große Ding" in der Kunstwelt wird. Welt-Kritikerin Martina Meister besucht den früheren Louvre-Chef Pierre Rosenberg, der seine riesige Sammlung dem neuen Musée du Grand Siècle in Paris schenkt. Im Monopol-Gespräch mit Elke Buhr erklärt Nanette Snoep, Leiterin des Kölner Rautenstrauch-Joest-Museums, deren Vertrag nun nicht verlängert wurde, den steten Widerstand gegen ihre Restitutions- und Dekolonisierungspolitik: "Ich denke, das ist die Angst, dass man etwas verliert. Sei es Macht, sei es ein Weltbild." Oder sein Museum?
Film

Die Feuilletons sprechen mit Marie Kreutzer, in deren neuem Film "Gentle Monster" eine Frau davon überrascht wird, dass ihr an sich eher sanfter Ehemann pädokriminell ist (unsere Kritik). Ausgangspunkt für den Stoff, an dem Kreutzer seit langem arbeitete, war die Überlegung, dass rein statistisch gesehen jeder mindestens einen solchen Täter kennt - dann wurde sie selbst bei ihrem letzten Film "Corsage" (unsere Kritik) von der Enthüllung überrascht, dass ihr Schauspieler Florian Teichtmeister kinderpornografische Bilder herstellte und besaß. "Ich dachte zuerst: Ich kann diesen Film jetzt nicht mehr machen", sagt die Regisseurin gegenüber Jan Küveler in der Welt. Doch dann reifte der Entschluss: "Ich mache das jetzt ohne Rücksicht darauf, wie das aufgenommen wird oder ob das jemand mag." Dabei hat sie "nie interessiert, wie es dem Täter geht, was er tut und warum", sagt die Regisseurin gegenüber Arabella Wintermayr in der taz. "Täter bekommen gesellschaftlich und auch medial ohnehin viel zu viel Aufmerksamkeit. Mich interessiert vielmehr: Wie gehen wir als Umfeld mit so einem Fall um? Aus der Distanz ist es immer sehr leicht zu urteilen, aus der Nähe nicht. Wie sehr also isoliert einen so ein Fall? Lucy steht dabei auch stellvertretend für die Gesellschaft. Wie ungern schauen wir hin? Wie gern hätten wir, dass es eine harmlose Erklärung gibt? Wie gern würden wir uns nicht mit solchen Fällen auseinandersetzen?"
In seiner Artechock-Kolumne kommentiert Rüdiger Suchsland das politische Zeitgeschehen und empfiehlt außerdem die noch knapp eine Woche laufende Christoph-Hochhäusler-Retrospektive im Berliner Kino Arsenal: "Ich mag seine Liebe zum Genre, seine Fähigkeit und Willensstärke, zum Eigenen zu stehen und sich manchen Versuchungen der Branche zu verweigern. ... Was da immer erkennbar ist, das ist, dass Hochhäusler ein Filmemacher ist, der wie nur wenige - vielleicht nur wie Dominik Graf und Jan Bonny - in Dialog mit der eigenen Gegenwart tritt, mit dem eigenen Land und mit der deutschen Filmgeschichte."
Weitere Artikel: Critic.de dokumentiert die Einführung, die die Filmhistorikerin Annette Brauerhoch beim Frankfurter Festival Terza Visione vor Michelangelo Antonionis, Mauro Bologninis und Franco Indovinas Omnibusfilm "Die drei Gesichter einer Frau" mit der damaligen Boulevardprinzessin Soraya gehalten hat. In Revolver erinnert sich Claus Philipp an Alexander Kluge.
Besprochen werden Zach Creggers Reboot der "Resident Evil"-Reihe (Perlentaucher, Standard), Pauline Roennebergs "Kalter Hund" (Artechock), Hannu Salonens "Adams Acht" (Artechock), Piet Baumgartners "Bagger Drama" (Artechock), die neue Staffel der Netflix-Serie "Monster" (FD) und die Paramount-Serie "Mobland" mit Tom Hardy (FAZ).
Musik
Axel Brüggemann hat in BackstageClassical sehr viele Fragen zum Einfluss öffentlich-rechtlicher Sender wie ZDF und Arte mit Medienproduktionen auf den Klassik- und Opernbetrieb. Die Pressestellen haben ihm zwar knapp geantwortet, aber das Wesentliche bleibt unklar. Wenn etwa "der künstlerische Leiter eines Konzertfestivals zugleich Geschäftsführer der Produktionsfirma ist, mit der das ZDF einen Koproduktionsvertrag abschließt, wäre es schon interessant zu wissen, wie viel öffentlich-rechtliches Geld innerhalb dieses Gesamtprojektes fließt." Und "ermöglicht die Aussicht auf ZDF und ARTE erst eine andere wirtschaftliche Kalkulation - und damit vielleicht auch ein anderes Programm? Dann würde Fernsehen nicht nur darüber entscheiden, welche Kultur sichtbar wird, eine TV-Kooperation könnte auch Einfluss darauf haben, welche Kultur überhaupt finanzierbar wird." Und "was passiert, wenn ARTE, ZDF oder ORF ihre Koproduktionsanteile reduzieren? Springen dann die Opernhäuser und Orchester ein? Neue Sponsoren? Oder werden schlicht weniger Aufführungen produziert?"
Weiteres: Die Agenturen melden, dass Irland auch im nächsten Jahr den ESC wegen Israel boykottieren will. Besprochen werden Céline Dions Comeback-Konzerte in Paris (NZZ) und das neue Album "Club Imperiale" des Organisten Maxime Denuc (tazler Lars Fleischman hört "Musik, die sich dem Postpathos verschrieben hat, nicht Teil der Neo-Klassik-Bewegung sein möchte, dabei aber geradezu obsessiv in Registern wie 'überwältigend' denkt").
Weiteres: Die Agenturen melden, dass Irland auch im nächsten Jahr den ESC wegen Israel boykottieren will. Besprochen werden Céline Dions Comeback-Konzerte in Paris (NZZ) und das neue Album "Club Imperiale" des Organisten Maxime Denuc (tazler Lars Fleischman hört "Musik, die sich dem Postpathos verschrieben hat, nicht Teil der Neo-Klassik-Bewegung sein möchte, dabei aber geradezu obsessiv in Registern wie 'überwältigend' denkt").
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