Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.09.2026 - Film

Bert Rebhandl berichtet in der FAZ vom Filmfestival Toronto, dem größten Filmfestival in Kanada. Dort sah er vor allem neues chinesisches Kino. Auffällig: Große Autorenfilmkunst mit klingendem Namen, mit der westliche Kinematografien die großen A-Festivals bestücken, kommt aus China fast gar nicht mehr. Eher lief Gebrauchsware, die bei den europäischen Filmfestivals nie zu sehen sein wäre, welche "aber viel über die Gesellschaften erkennen" ließ. Mit deutschen Kinostarts sei nicht zu rechnen, vielleicht tauchen die Filme irgendwann mal in den tieferen Tiefen der Streamingangebote auf, meint Rebhandl. "Das sind alles Indizien für einen Kontaktabriss, der in anderen kulturellen Bereichen vielleicht nicht so dramatisch ist, der aber für die audiovisuellen Industrien eklatant ist. Der europäischen Kinowirklichkeit mit ihrem weltweiten Koproduktionsnetzwerk und ihren Subventionsstrukturen stehen inzwischen kommerzielle Nationalindustrien der beiden rivalisierenden Supermächte gegenüber, die sich im deutschen Alltag sehr ungleich abbilden: aus Hollywood (das Wort ist ohnehin nur noch ein Hilfsbegriff) sehen wir alles, aus der Volksrepublik fast nichts."

"Die halbe Welt diskutiert gerade über einen Film, den kaum jemand gesehen hat", schreiben Marlene Knobloch, Annabel Wahba und Katja Nicodemus auf ZeitOnline mit Blick auf die erhitzte Kontroverse über Yuval Abrahams und Rachel Szors beim Filmfestival Venedig uraufgeführten Dokumentarfilm "Naza" (unsere Resümees), und dies "allein, diese Art des aufgedrehten Nichtwissens, sagt schon viel über die Schnappmechanismen der Gegenwart".

Außerdem: Es ist "die Fähigkeit, Empathie, Angst und Komik in einem einzigen Blick zu erfassen", die das Schauspiel von Matthew Rhys kennzeichnet, der gerade mit gleich zwei Emmys für seine Leistungen in den Serien "Widow's Bay" und "The Beast in Me" ausgezeichnet wurde, schreibt Pamela Jahn in der NZZ. Entzückend findest es derweil nicht nur Linus Schöpfer in der NZZ, sondern gleich das ganze Netz, wie die Schauspielerin Margaret Qualley durch einen Biss auf ihre Unterlippe zum Meme wird - zu sehen in diversen Filmen, aber auch hier bei 00:47 bei ihrem Auftritt im Criterion Closet: 

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.09.2026 - Film

Nina Rehfeld meldet in der FAZ, dass der Verleiher Universal im Hollywood Reporter gestreuten Branchengerüchten zufolge Alex Gibneys in Venedig gezeigten, monumentalen Dokumentarfilm "Musk" offenbar auf Druck von Elon Musk außerhalb der USA vorerst nicht in die Kinos bringen möchte: Der Film "zeichnet Musk als Größenwahnsinnigen, der seine enorme Macht auch zu politischer Manipulation etwa bei den anstehenden Kongresswahlen im November einsetzen könnte. ... Der politische Einfluss, den Musk in den vergangenen drei Jahren ansammelte, spekuliert das Blatt, könnte Universal zum Umdenken bewegt haben, um nicht die Unbill des Musk-Freundes und Medienwächters Brendan Carr auf sich zu ziehen. Der Chef der Medienaufsichtsbehörde FCC hat sich wiederholt als braver Erfüllungsgehilfe von Trumps Einschüchterungsversuchen gegen die amerikanischen Medien erwiesen. Universals Mutterfirma Comcast plant zurzeit die Auslagerung von NBC Universal, und Carrs FCC muss die Übertragung der Rundfunklizenzen von NBC absegnen. NBC wiederum ist Trump ein Dorn im Auge."

Außerdem: Thomas Abeltshauser spricht in der taz mit den Regisseuren Aitor Arregi und Jose Mari Goenaga, die in ihrem Film "Maspalomas" von der schwulen Liebe im hohen Alter erzählen. Denis Sasse wirft für den Filmdienst einen Blick in die Filmgeschichte, wie sich Hexen darin von Männern emanzipieren. Mariam Schaghaghi spricht in der FAS mit der Schauspielerin Susan Sarandon, die demnächst 80 Jahre alt wird. Tobias Rüther plaudert in der FAZ mit David Dietl über dessen Neuverfilmung von Kästners "Emil und die Detektive". Thomas A. Herrig freut sich in der FAZ über 60 Jahre "Star Trek". Besprochen werden Marie Kreutzers "Gentle Monster" (Standard, unsere Kritik) und Zach Creggers Neuauflage des "Resident Evil"-Franchise (Tsp, unsere Kritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.09.2026 - Film

Léa Seydoux und Catherine Deneuve in Marie Kreutzers "Gentle Monster"

Die Feuilletons sprechen mit Marie Kreutzer, in deren neuem Film "Gentle Monster" eine Frau davon überrascht wird, dass ihr an sich eher sanfter Ehemann pädokriminell ist (unsere Kritik). Ausgangspunkt für den Stoff, an dem Kreutzer seit langem arbeitete, war die Überlegung, dass rein statistisch gesehen jeder mindestens einen solchen Täter kennt - dann wurde sie selbst bei ihrem letzten Film "Corsage" (unsere Kritik) von der Enthüllung überrascht, dass ihr Schauspieler Florian Teichtmeister kinderpornografische Bilder herstellte und besaß. "Ich dachte zuerst: Ich kann diesen Film jetzt nicht mehr machen", sagt die Regisseurin gegenüber Jan Küveler in der Welt. Doch dann reifte der Entschluss: "Ich mache das jetzt ohne Rücksicht darauf, wie das aufgenommen wird oder ob das jemand mag." Dabei hat sie "nie interessiert, wie es dem Täter geht, was er tut und warum", sagt die Regisseurin gegenüber Arabella Wintermayr in der taz. "Täter bekommen gesellschaftlich und auch medial ohnehin viel zu viel Aufmerksamkeit. Mich interessiert vielmehr: Wie gehen wir als Umfeld mit so einem Fall um? Aus der Distanz ist es immer sehr leicht zu urteilen, aus der Nähe nicht. Wie sehr also isoliert einen so ein Fall? Lucy steht dabei auch stellvertretend für die Gesellschaft. Wie ungern schauen wir hin? Wie gern hätten wir, dass es eine harmlose Erklärung gibt? Wie gern würden wir uns nicht mit solchen Fällen auseinandersetzen?"

In seiner Artechock-Kolumne kommentiert Rüdiger Suchsland das politische Zeitgeschehen und empfiehlt außerdem die noch knapp eine Woche laufende Christoph-Hochhäusler-Retrospektive im Berliner Kino Arsenal: "Ich mag seine Liebe zum Genre, seine Fähigkeit und Willensstärke, zum Eigenen zu stehen und sich manchen Versuchungen der Branche zu verweigern. ... Was da immer erkennbar ist, das ist, dass Hochhäusler ein Filmemacher ist, der wie nur wenige - vielleicht nur wie Dominik Graf und Jan Bonny - in Dialog mit der eigenen Gegenwart tritt, mit dem eigenen Land und mit der deutschen Filmgeschichte."

Weitere Artikel: Critic.de dokumentiert die Einführung, die die Filmhistorikerin Annette Brauerhoch beim Frankfurter Festival Terza Visione vor Michelangelo Antonionis, Mauro Bologninis und Franco Indovinas Omnibusfilm "Die drei Gesichter einer Frau" mit der damaligen Boulevardprinzessin Soraya gehalten hat. In Revolver erinnert sich Claus Philipp an Alexander Kluge.

Besprochen werden Zach Creggers Reboot der "Resident Evil"-Reihe (PerlentaucherStandard), Pauline Roennebergs "Kalter Hund" (Artechock), Hannu Salonens "Adams Acht" (Artechock), Piet Baumgartners "Bagger Drama" (Artechock), die neue Staffel der Netflix-Serie "Monster" (FD) und die Paramount-Serie "Mobland" mit Tom Hardy (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.09.2026 - Film

Intensiv, aber mit Nuancen: Léa Seydoux in "Gentle Monster"

Marie Kreutzer erzählt in ihrem Film "Gentle Monster" von der erfolgreichen Pianistin Lucy (Léa Seydoux), die aus allen Wolken fällt, als die Polizei vor der Türe steht, weil ihr Ehemann (Laurence Rupp) pornografische Fotos von Kindern besitzt. "Die Kamera begleitet Lucy bei ihrem Versuch, ein Bild vom Vater ihres Kindes zu bekommen, das die Wahrheit enthält und mit dem sie weiterleben kann", schreibt Benjamin Moldenhauer im Perlentaucher. "'Gentle Monster' gelingt es, die verschiedenen Phasen dieses Versuchs, die immer wieder aufs Neue mit eigentlich nicht aushaltbaren Erkenntnissen beginnen, mit großer Genauigkeit zu zeigen und zu erzählen. Das gelingt so gut, weil in Léa Seydoux' Spiel die Intensivierung die Nuancen nicht plattmacht. Die Kamera hilft: weder aufgeregtes Verzweiflungsgeschrei noch Haneke-artige Kühle, sondern ein gleichermaßen analytischer und empathisch-interessierter Blick." Für den Filmdienst spricht Susanne Gietl mit der Regisseurin.

Wie Demokratie in Zeiten erheblicher Angriffe auf sie erzählerisch schützen? Damit befasste sich eine "Krisentagung" der Film- und Fernsehbranche in Köln, berichtet Oliver Jungen in der FAZ. Film- und Fernsehschaffende beklagten dort nicht nur den Verlust "erzählerischer Freiheit, weil in Sendern und Redaktionen alles ängstlich infrage gestellt werde" und Dokumentarfilme sich zunehmend an großen Themen und Prominenten orientieren sollen. "Auch der Zweifel hinsichtlich der Wirksamkeit des demokratischen Erzählens wurde vernehmlicher." Geradezu verzweifelt wirkte etwa "die Produzentin Alice Brauner, Geschäftsführerin der 1946 gegründeten CCC Filmkunst. Ihr Vater Artur Brauner, der große deutsch-jüdische Filmproduzent, habe von seinen über 350 Filmen allein 25 gemacht, die den Opfern des Holocaust gewidmet seien: 'Und am 7. Oktober 2023 musste ich lernen, dass das alles für die Katz war, jeder einzelne Film, darunter 'Hitlerjunge Salomon'.' Dass das Wiederaufflammen des Antisemitismus in Deutschland zusammenfällt mit dem Verschwinden der letzten Zeitzeugen, sei eine besonders bittere Erfahrung." 

Weitere Artikel: Auf ZeitOnline feiert Sinem Kılıç die eben mit sagenhaften 14 Emmys ausgezeichnete Apple-Serie "Widow's Bay", die Horror und Komik verbindet und damit die Gegenwart sehr genau treffe, da sie "von Menschen erzählt, die mit dem Entsetzlichen leben müssen, ohne dass das Leben deshalb aufhört". Als marxistisch grundiertes Gedankenexperiment sehr reizvoll findet Marlen van den Ecker in der FAZ die Serie "Pluribus", die sechs Emmys einholen konnte und von Menschen erzählt, die schlagartig über sämtliches Wissen und sämtliche Fertigkeiten der Menschheit verfügen. Für die NZZ porträtiert Paul Jandl Hanns Zischler. In der SZ erzählt David Steinitz von seinem Treffen mit Zach Cregger, der für die Constantin einen neue "Resident Evil"-Film gedreht hat.

Besprochen werden Anthony Maras' D-Day-Kriegsdrama "Pressure" (taz, Jungle World, Standard), Scott Waughs Actionfilm "Runner" mit Owen Wilson (FR), Dave Greens "Coyote vs. Acme" (FR), die auf Disney+ gezeigte, in Berlin spielende Vampir-Serie "City of Blood" mit Lars Eidinger (Welt), Pauline Roennebergs "Kalter Hund" (FAZ), die fünfte Staffel von "Fauda" (Zeit) und die fünfte Staffel der ARD-Serie "Babylon Berlin" (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.09.2026 - Film

Die Debatte um Yuval Abrahams und Rachel Szors "Naza", dem Netanjahu "antisemitische Hetze" vorwirft, geht weiter. Dabei erzählt der beim Filmfestival in Venedig uraufgeführte (unser Resümee) und mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnete Film im Grunde nichts Neues, schreibt Christiane Peitz im Tagesspiegel: Abraham hatte bereits vor zwei, drei Jahren in einer Artikelserie für das Onlinemagazin +972 zur Kriegsführung der IDF recherchiert, doch dagegen "gab es keine offiziellen Proteste in Israel, kein juristisches Vorgehen". Bert Rebhandl erinnert in der FAZ daran, "dass es Kritik aus der Armee selbst nicht erst seit den Operationen in Gaza gibt. Die IDF sind eine demokratische Armee, wie man zum Beispiel aus Claude Lanzmanns Film 'Tsahal' (1994) ersehen kann. ... Schon bei Lanzmann gibt es ein Gaza-Kapitel, und es werden massive Zweifel an der Besatzungspolitik erkennbar, die einfache Soldaten umzusetzen haben. Zum zivilgesellschaftlichen Engagement in Israel für ein gerechtes Zusammenleben mit Palästinensern gehörten auch immer Stimmen, die aus der Armee heraus sprachen. Und in diese Linie gehören die 24 Protagonisten, die Yuval Abraham und Rachel Szor gefunden haben." (Wobei man ergänzen sollte, dass Gaza nicht besetzt war, im Gegenteil.)

Im Tagesspiegel verabschiedet sich Andreas Busche vom Schauspieler Ralf Richter, der mit 69 Jahren gestorben ist. Wie kein Zweiter stand dieser für den schnoddrigen "Ruhrpott-Proll" und schenkte dem deutschen Kino und Fernsehen eine ganze "Ahnenreihe von ehrlichen Malochern. ... Das 'Asige' an seinen Figuren hat Richter nie abwertend gemeint, es war ein Zeichen der Verbundenheit mit dem Lauten, Fröhlichen, dem Gemeinsinn der einfachen Leute. ... Auf seine Stimme, die immer klang, als hätte er mit Selbstgebranntem gegurgelt, (...) wird man nun verzichten müssen. Aber sein Ruhm strahlt weit über das Ruhrgebiet hinaus."

Ein kleines Tributvideo: 



Außerdem: Patrick Holzapfel widmet sich in einem ausführlichen Filmdienst-Essay den Arbeiten der Experimentalfilmerin Lisl Ponger. Besprochen werden Marie Kreutzers "Gentle Monster" (Tsp, SZ), Anthony Maras' D-Day-Kriegsdrama "Pressure" (FAZ) und die auf Disney+ gezeigte, in Berlin spielende Vampirserie "City of Blood" mit Lars Eidinger (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.09.2026 - Film

"Naza" von Yuval Abraham und Rachel Szor

Beim Filmfestival in Venedig wurden Yuval Abraham und Rachel Szor für ihren Dokumentarfilm "Naza" mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet. Nun droht der israelische Kulturminister Miki Zohar damit, den beiden die israelische Staatsbürgerschaft zu entziehen - und zwar "aufgrund von Treuebruch gegenüber dem Staat und Zusammenarbeit mit dem Feind". In ihrem Film sprechen die beiden in Tel Aviv mit früheren IDF-Datenanalysten über die digitale Kriegsführung Israels (unser Resümee). In Deutschland hat sich auch Ulf Poschardt zu Zohars Drohungen positiv geäußert, berichtet Philipp Bovermann in der SZ: "Ein prominenter deutscher Journalist wirft also zwei israelischen Juden quasi Volksverrat vor, weil sie als Journalisten und Filmemacher zu Kriegsverbrechen der eigenen Armee recherchieren. Der Entzug der Staatsbürgerschaft ist in Israel möglich bei Fällen des Hochverrats oder der Spionage, seit 2023 auch bei nachgewiesener Unterstützung von 'Terrorismus'. 'Ich bin sicher, dass eure Freunde, unsere Feinde bei der Hamas in Gaza, euch mit offenen Armen empfangen werden', schrieb der rechtsextreme israelische Minister für öffentliche Sicherheit Itamar Ben-Gvir. Im Internet finden sich diverse Morddrohungen gegen die Filmemacher."

Schuld an dieser ganzen Geschichte ist naheliegenderweise die längst abgewählte Ampelkoalitionlautet Yossi Bartal originelles Fazit in der taz. Denn diese war es, "die mit dem neuen Einbürgerungsgesetz eine Ausbürgerung an ablehnende Einstellungen zum Staat Israel koppelte". Auch ansonste raunt Bartal: Obwohl der Film einen deutschen Verleih hat und am 1. Oktober in Deutschland offiziell in die Kinos kommt, wisse man "nicht, ob der Film auch in israelischen und deutschen Kinos zu sehen sein wird".

Szene aus Lav Diaz' "Let Us Through, Dear Ancestors"

In seinen abschließenden Notizen aus Venedig staunt Olaf Möller (critic.de) über den neue Film des philippinischen Auteurs Lav Diaz, der für seine gerne auch mal sieben bis zehn Stunden dauernden Filme bekannt ist. Mit "Let Us Through, Dear Ancestors" ist ihm erneut ein "Geniestreich" geglückt: Der Film ist "ein perfekt geschliffener Diamant, eine Abrechnung mit dem spanischen Kolonialismus auf den Philippinen wie auch mit der Kollaboration zwischen der katholischen Kirche und den Eroberern. Die Kürze - der Film ist keine zweieinhalb Stunden lang - steht Diaz gut, sein Erzählen hat mittlerweile eine novellengleiche Schärfe und Eleganz erlangt, schreitet dabei aber narrative Bögen aus, so weit, dass sie auch mehrbändige Romane enthalten könnten. Auch die Inszenierung, die zum Teil stark wie Bühnen wirkenden Räume, in denen er seine Darsteller klar konzipierte Choreographien ausschreiten lässt, zeugt von einer mittlerweile atemberaubend selbstverständlichen Meisterschaft."

Weiteres: Nataliia Serebriakova spricht für critic.de mit der österreichischen Regisseurin Marie Kreutzer über deren Kindesmissbrauchsdrama "Gentle Monster" mit Léa Seydoux und Catherine Deneuve in einer Nebenrolle. Im Standard empfiehlt Valerie Dirk eine Wiener Filmschau zur Geschichte des chinesischen Kinos. In der FAZ schreibt Andreas Kilb zum 80. Geburtstag von Oliver Stone. Ebenfalls 80 Jahre alt wird Tommy Lee Jones, dem Edo Reents (FAZ) gratuliert.

Und ein Mediatheken-Tipp: Arte zeigt online eine Auswahl der Filme des großartigen Dokumentarfilmers Frederick Wiseman.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.09.2026 - Film

"Woman Unknown" von May el-Toukhy gewinnt den Goldenen Löwen der Filmfestspiele Venedig

Die Filmfestspiele Venedig endeten mit einer Überraschung: Die dänisch-ägyptische Regisseurin May el-Toukhy - die einzige Solo-Regisseurin im Wettbewerb, wie zu Beginn des Festivals kritisch angemerkt wurde - hat für "Woman Unknown" den Goldenen Löwen erhalten. Wer el-Toukhy, im Weltkino bislang selbst eher eine "unknown Woman", eigentlich ist, erklärt Standard-Kritikerin Valerie Dirk im Kurzporträt. In der laufenden Berichterstattung war el-Toukhys Film eher nebenbei mitgelaufen. Es handelt sich dabei um einen "präzise inszenierten Historienfilm über die Übergangszeit nach der deutschen Besatzung Dänemarks im Zweiten Weltkrieg", reicht Tim Caspar Boehme in der taz nach. "Die Farben sind blass gehalten,die meisten Figuren wirken kränklich", es geht um eine Frau "in existenzieller Angst", da sie wohl etwas mit einem Nazi hatte. Der Film "ist konsequent und stilsicher inszeniert, er zeigt sowohl den Überlebenskampf in der wiedergewonnen Freiheit Dänemarks als auch die Doppelmoral im Umgang mit bestimmten Formen der Zusammenarbeit", so Dirk. Christiane Peitz kann sich im Tagesspiegel diese Juryentscheidung nur so erklären: Präsidentin Maggie Gyllenhaal habe mit dieser "Trotzreaktion" wohl "die Frauenkarte" gespielt.

Auch Katja Nicodemus ärgert sich in der Zeit über diese Auszeichnung, zumal ein deutlich besserer Film mit einem Nebenpreis abgespeist wurde: "Die Frau, das ewige Opfer - man kann es einfach nicht mehr sehen. Manchmal läuft eine Jury an den richtigen Bildern vorbei. ... Der Silberne Löwe ist nicht genug für einen Film, der in die Kinogeschichte eingehen wird: 'Possible Love' vom südkoreanischen Regisseur Lee Chang-dong. Jede seiner Einstellungen hat etwas Zwingendes und lässt uns zugleich die Freiheit, uns ein Bild zu machen. Von zwei Ehepaaren in Südkorea, das eine wohlhabend, das andere in der Fabrik arbeitend. ... Es ist ein stilles, nachdenkliches Werk, das seine in sich gefangenen Figuren immer komplexer und zugleich immer klarer erscheinen lässt. Es reiht sich ein in die Bilder eines Landes, das sich selbst mit Filmen und Serien ('Parasite', 'Squid Game') so radikal reflektiert wie kaum ein anderes."

Weitere Resümees vom Lido: Im Standard gibt Valerie Dirk einen Überblick über die Gewinner der zahlreichen Auszeichnungen. "Das Kino hat sich als höchst lebendig erwiesen", resümiert Bert Rebhandl in der FAZ diesen seiner Ansicht nach sehr gelungenen Festivaljahrgang. FR-Kritiker Daniel Kothenschulte kann ihm nur beipflichten: "Selten hat ein Filmfestival so viele makellose Filme präsentieren können. ... Politik und Filmkunst: Wie Venedig jetzt noch einmal bewiesen hat, gibt es wirklich keinen Grund, dieses Zusammenspiel zu fürchten." Bei SZ-Kritiker Philipp Bovermann jedoch "schlichen sich dieses Jahr Zweifel ein, wohin Venedig steuert, wohin die Filmkunst", denn "kaum welche der Titel im Programm wirkten, als hätten sie eine große Zukunft vor sich".

Schnitt zum regulären Kinobetrieb: Besprochen werden Dave Greens Animationsfilmsause "Coyote vs Acme" (critic.de), Paul Greengrass' Mittelalter-Spektakel "The Uprising" (FAZ) und die fünfte Staffel der israelischen Serie "Fauda" (NZZ am Sonntag).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.09.2026 - Film

Szene aus der fünften Staffel "Babylon Berlin" (ARD)

Die ARD-Serie "Babylon Berlin" entfernt sich in vielen Aspekten sehr weit von den literarischen Vorlagen. Zwar konnte der Schriftsteller Volker Kutscher bislang gut damit leben, verrät er Andreas Kilb im FAS-Gespräch. Doch mit der aktuell auch im Filmdienst besprochenen, neuen und abschließenden Staffel ist der Bogen für ihn absolut überspannt: Ihn ärgert, wie die "Staffel mit den geschichtlichen Fakten umgeht", da sie "historische Tatsachen behauptet, die mindestens umstritten sind". Dies betrifft etwa eine Krankenakte Hitlers, die die Nazis in der Serie verschwinden lassen wollen, deren Existenz historisch aber nicht erwiesen ist, aber auch die Umstände des Reichstagsbrands: "Ich finde, wenn es darum geht, wie die erste deutsche Demokratie zerstört worden ist, sollte man sich mit Behauptungen zurückhalten, die letztlich auf Verschwörungstheorien beruhen. ... Weil ein paar Verschwörer die Fäden zogen, hatten wir die Nazis am Hals. Das macht die Deutschen wieder ein Stück mehr zu Opfern."

"Moragheb" von Mohsen Gharaei

Das Filmfestival Venedig ist auf der Zielgeraden. In den Nebenreihen hat Bert Rebhandl von der FAZ noch eine Entdeckung gemacht: Mohsen Gharaeis iranisches Drama "Moragheb" handelt von einer Familie, die aus ihrem Haus ausziehen muss, während die Tochter eine Karriere als Model einschlagen will. "Die Geschichte beginnt langsam, eskaliert dann aber extrem. Denn für den Mann (...) wird der Körper seiner Tochter zu einem entscheidenden Motiv für eine zunehmend brutale Rückkehr zu männlicher Herrschaft. Unverkennbar ist 'Moragheb' allegorisch angelegt: In der Kontrolle über die Freiheit der Frauen zeigt sich ein ganzes Regime. ... Das iranische Kino ist oft ein Beispiel dafür, wie innerhalb einer Kontrollgesellschaft die Bedingungen der Freiheit subversiv neu verhandelt werden. 'Moragheb' geht damit schockierend und beklemmend weit. Und verlieh dem Festival damit einen Akzent, der direkt in eine Gegenwart im Zeichen entfesselter Machtpolitiken spricht."

Venedig ist in der Krise, nimmt Welt-Kritiker Jan Küveler vom Lido als Erkenntnis mit: Einst läutete das Festival die Oscar-Saison ein und präsentierte jene Hollywoodfilme, die in den nächsten Monaten ganz besonders von sich reden machen würden. Diesen Status hat es in erstaunlich kurzer Zeit verloren. "Was stattdessen läuft - das ambitionierte Independent-Kino von Produktions-Start-ups wie Neon oder A24 - ist keinesfalls schlecht, manchmal sogar sehr gut. Aber es ist zunehmend ein bisschen egal." Vor allem wurmt Küveler aber, dass seine Redaktion ihm keine Unterkunft mehr direkt auf dem Lido finanziert, sodass er jeden Morgen eine halbe Weltreise unternehmen muss, während Influencer wie selbstverständlich in Tuchfühlung zum Festival logieren.

Mehr vom Lido: tazler Tim Caspar Boehme sah in Venedig Nicolas Parisers Beziehungsdrama "Un peu avant minuit". Und hier der Kritikenspiegel von critic.de für den schnellen Überblick.

Ansonsten: Mariam Schaghaghi spricht für die FAS mit Catherine Deneuve über ihre Rolle in Marie Kreutzers neuem Drama "Gentle Monster". Besprochen werden Paul Greengrass' Mittelaltersause "The Uprising" (Standard, taz), Jonatan Etzlers "Bad Apples" (Tsp) und die neue Staffel der israelischen Serie "Fauda" (FAS).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.09.2026 - Film

"NAZA" von Yuval Abraham und Rachel Szor

Mit ihrem pro-palästinensischen Dokumentarfilm "No Man's Land" hatten Yuval Abraham und Rachel Szor auf der Berlinale 2024 für eine große Kontroverse gesorgt. Nun zeigt Venedig ihren neuen Film "Naza". Für diesen sprechen die beiden auf einem Dach in Tel Aviv nachts mit ehemaligen IDF-Datenanalysten über den Gazakrieg. Der Begriff "Naza" ist dabei die Bezeichnung für Kollateralopfer. "Auf der IDF-Todesliste, so behauptet der Film, stehen rund 40.000 Hamas-Verdächtige", schreibt Hanns-Georg Rodek in der Welt. "Die Ziele würden von der KI empfohlen, die sämtliche Handys im Gaza-Streifen überwache und in deren Daten nach einem 'Hamas-Profil' suche; eine Fehlermarge von bis zu 15 Prozent sei einkalkuliert. ... Der Algorithmus - so behauptet es der Film - (vor)entscheidet also über Leben oder Tod. Den Angriffsbefehl geben Menschen, nachdem vorher der NAZA-Wert berechnet wurde: Wie viele Kollateral-Tote könnte ein Angriff kosten? Es gab, sagen die Insider in Abrahams Film, verschiedene Quoten je nach Wichtigkeit des Ziels; zeitweise wurden bis zu 500 unbeteiligte Tote für einen Hamas-Führer bei einem Schlag in Kauf genommen."

"Bei manchen hört man Stolz über die Effizienz des Systems heraus", schreibt Katja Nicodemus in der Zeit, "bei anderen ein inneres Kopfschütteln, zu diesem System zu gehören. Bei wieder anderen glaubt man unter den sachlichen Schilderungen eine Vorstufe von Reue zu spüren." Allerdings findet es Nicodemus auch "effekthascherisch", dass dieser Film im Wettbewerb und nicht außer Konkurrenz gezeigt wird: "'Naza' hat keine künstlerische dokumentarische Form, und als investigatives Dokument muss er sie auch nicht haben. ... Die kalkulierte Vermischung von Kunst und investigativem Aktivismus schadet allen: dem Festival, dem Film selbst - und der Jury." Weitere Kritiken in FR, Standard und SZ.

Rüdiger Suchsland staunt auf Artechock über Ilya Khrzhanovskys Großprojekt "Dau", das gestern in der FR noch schwer verrissen wurde (unser Resümee): Dieser Film schafft es, "in Farben und Atmosphäre unbewusste Erinnerungen zu wecken, das 20. Jahrhundert wiederaufleben zu lassen. So ist das eigentlich seit Bernardo Bertolucci, seit '1900' und 'Der letzte Kaiser' niemandem geglückt." Olaf Möller sieht es auf critic.de ein wenig differenzierter: Das ist "Kino mit großem K, aber auch ein Flickwerk, das dramaturgisch nicht funktioniert, weil die verschiedenen Gestaltungszugänge sich nicht zu einer allen Brüchen und Synkopen zum Trotz geschlossenen Form fügen wollen." tazler Tim Caspar Boehme kommt benommen aus dem Kino: "Die Permanenz von Gewalt und Sex in dieser rekonstruierten UdSSR erschöpft mehr, als dass sie erschreckt."

Mehr vom Lido: Rüdiger Suchsland feiert auf Artechock Hirokazu Koreedas "Look Back". Felicitas Kleiner (Filmdienst) sieht Casey Afflecks "Company" und Florian Zellers "Bunker" mit Penélope Cruz und Javier Bardem sowie an dieser Stelle Alex Gibneys Dokumentarfilm "Musk", gegen den der dort nicht eben positiv porträtierte Tech-Milliardär nun eine Klage angekündigt hat. Schnellen Überblick verschafft der Kritikenspiegel von critic.de.

Abseits vom Lido: Die Welt hat Jan Küvelers Gespräch mit dem Regisseur Darren Aronofsky online nachgereicht, der sehr interessiert daran ist, KI für seine Filme einzusetzen. Thomas Willmann spricht für Artechock mit Rainer Stefan, dessen auf Horror und Science-Fiction spezialisiertes Fantasy Filmfest mittlerweile zum 40. Mal durch Deutschland tourt. Sascha Kellermann empfiehlt auf critic.de Radley Metzgers SM-Kunsterotikfilm "The Image", der heute im Filmrauschpalast in Berlin zu sehen ist. Außerdem empfiehlt das SZ-Feuilletonteam Bücher, mit denen man den 11. September und dessen Folgen besser verstehen kann, darunter "Vice - Der Zweite Mann" mit Christian Bale als Dick Cheney.

Besprochen werden Güner Balcıs Doku über den Holocaust-Überlebenden Albrecht Weinberg, der nach 60 Jahren in den USA nach Deutschland zurückkehrt (Zeit Online), Quentin Dupieuxs Animationsfilm "Le vertige" (Perlentaucher), Fabrice Aragnos "Le Lac" (Perlentaucher), Jonatan Etzlers "Bad Apples" (Artechock), die letzte Staffel der ARD-Serie "Bablyon Berlin" (Welt, FAZ), Alicia MacDonalds Komödie "Finding Emily" (FAZ) und Emin Alpers vorerst nur in der Schweiz startender Film "Salvation" (NZZ). 

Und an diesem Tag: Eine der schönsten Aufnahmen des World Trade Centers gelang Klaus Lemke 1973 für seinen wunderbaren TV-Film "Sylvie" - der Umflug wirkt heute wie eine insistierende Rekonstruktion, auf dem Dach drehten sie ein Foto-Shooting - noch bevor das World Trade Center fertiggestellt war. 

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.09.2026 - Film

Szene aus "Dau" 

Ilya Khrzhanovskys großes, umstrittenes "Dau"-Projekt - wir erinnern uns: Aufbau einer kompletten Sowjetstadt aus den 60ern, jahrelange Dreharbeiten, woraus zahlreiche Kunst-Installationen, Filme und Serien entstanden, sowie ein Skandal wegen angeblich übergriffiger Sex- und Gewaltszenen - kommt mit dem letzten, schlicht "Dau" benannten Film nach rund 20 Jahren beim Filmfestival Venedig zu seinem Abschluss. FR-Kritiker Daniel Kotheschulte bleibt deutlich unterwältigt: "Der ungemütliche, sich stets wiederholende Kanon aus Sex und Folter, Agitprop und Krimsekt-Dekadenz wirkt kaum mehr als selbstzweckhaft" und ist von einem Porno mitunter kaum mehr zu unterscheiden. "Auch von der typischen Ironie des Mitautors Wladimir Sorokin ist wenig zu spüren in dieser kokett-schamlosen Stalinismus-Geisterbahn. Dekadenz ist nicht nur das zentrale Thema, der Film selbst ist als gigantische Materialschlacht selbst ein Dekadenzprodukt."

Weiteres vom Lido: Katja Nicodemus spricht in der Zeit mit Werner Herzog über dessen in Venedig gezeigten neuen Film "Bucking Fastard" (mehr dazu hier) - aber auch über die AfD ("Ein Parteiverbot können nur Kretins fordern") und über Hühner, die er früher einfach nur rasend dumm fand, denen er aber heute "Klugheit" und einen "außerordentlichen Überlebenssinn" attestiert. Tim Caspar Boehme (taz) und Bert Rebhandl (FAZ) besprechen Alex Gibneys Dokumentarfilm "Musk" (mehr dazu bereits hier). Marian Wilhelm sichtet für den Standard antifaschistische Filme. Olaf Möller schickt auf critic.de Notizen und Eindrücke. Außerdem weiterhin wichtig für den schnellen Überblick: der critic.de-Kritikenspiegel.

Weiteres: Andreas Busche schlendert für den Tagesspiegel durch die Ausstellung, die der Neue Berliner Kunstverein dem Regisseur Christoph Hochhäusler gewidmet hat, dessen Filme wiederum derzeit das Berliner Kino Arsenal in einer Retrospektive zeigt. Für die Zeit porträtiert Peter Kümmel den Schauspieler August Diehl. Schade findet es Matthias Heine in der Welt, dass der deutsche Film weit vor dem 20. Jahrhundert liegende historische Ereignisse wie etwa die Bauerkriege unbearbeitet liegen lässt - wohingegen mit Paul Greengrass' "The Uprising" gerade ein mittelalterliches Actionspektakel über die englischen Bauernaufstände im 14. Jahrhundert in die Kinos kommt. "South Park" trifft seit vielen Jahren verlässlich und sehr ätzend den Ton zum us-amerikanischen Zeitgeschehen: Für die neue Staffel hat sich die Animationsserie als Würdigung von Trumps Umbenennungswahn in "South America" umbenannt, meldet David Wiederkehr im Tagesanzeiger. Auf critic.de würdigt Robert Wagner Roger Watkins' avantgardistisch verfremdeten 70s-Kult-Porno "Corruption", der morgen im Filmrauschpalast Berlin zu sehen ist.

Besprochen werden die abschließende Staffel von "Babylon Berlin" (FR, Zeit, FAZ), Philipp Fusseneggers Dokumentarfilm "KitKatClub-Kinks of Berlin" (taz), Sophie Beaulieus romantische Komödie "Frühstück bei Audrey" (Standard), Susanne Biers "Zauberhafte Schwestern 2" (taz), Hannu Salonens "Adams Acht" (Zeit) und Johan von Mirbachs WDR-Doku "September" über den 11. September (Zeit).