Die
Anzölnen
stehn a ned mehr
in da Gesöllschaft wie
a Bam
im Wold, sondern san wie
Passagier
in am schnölln Foahzeig, des
BAM
hoasn
kau,
oda?
Was für ein klanglicher Spaß: Sprachmagie und rätselhafter Ernst zugleich. Längst haben, sagt das Gedicht, die Einzelnen ("Anzölnen") ihr gewachsenes Umfeld verloren, das ihnen ehedem in ihrer Einzigartigkeit Stand und Halt gab. Stattdessen sind sie zu Wesen mutiert, die unentwegt unterwegs sind, als seien sie in eine dieser modernen Turbomaschinen gepfercht. Und indem die Maschine (ein "Foahzeig" namens BAM) buchstäblich den Namen des Einzelnen (a bam) trägt, tarnt es die Tatsache, dass die Einzelnen keinen Stand mehr finden. Man hört, um was es geht, und hört doch so viel mehr mit: im "Anzölnen" klingt vielleicht für manchen der Zöllner mit, im "Foahzeig" vielleicht der Fingerzeig und in "hoasn" (heißen) die "hasen". Ein
Mehr von Wörtern im Wörtermeer.
Natascha Gangls titelloses Gedicht erinnert auf den ersten Blick an ein Mesostichon, also ein
Gedicht mit Mittelachse. Doch es ist ein Bildgedicht, das, wie alle Texte in ihrem Zyklus "Menschen und Bäume", in Gestalt eines Baumes abgefasst ist. Und jeder ihrer Baumtexte ist von einzigartiger Gestalt: mal hochaufschießend, mal schmal, mal breit ausladend, mal ausgedünnt, mal verwachsen. Das Nachdenken über den Zustand des Menschseins geschieht
in Baumform, als solle im Bild der Stand des Einzelnen und des einzelnen Wortes in der Welt verteidigt werden.
Wie in jeder guten Lyrik - ob traditionell, ob experimentell - geht einem beim genauen Hinhören dieses Gedichtes viel auf. Hier zuallererst die enormen Variationsmöglichkeiten der
Vokale im Dialekt. Der Dialekt, der nicht nur bei Pasolini die lokale Einwurzelung des Einzelnen in Zeiten der Globalisierung verteidigt, widersetzt sich dem Reglement der Einheitssprache, den Gesetzen der Grammatik ebenso wie der "korrekten" Lesart eines Wortes. So wird ein "e" mal kurz, mal lang, mal kaum hörbar und ein andermal ganz anders ausgesprochen, etwa als "ö": der "Anzölne". Plötzlich spürt man den Anpassungszwang der "Hoch"sprachen: "Es ist eine Schatzkiste, die wir da in Österreich haben, mit all diesen Grenzen und Verschiebungen, Dialekten, Wortschöpfungen und Sprachvermischungen", sagt die Autorin.
Wir fragen uns viel zu selten, was es für jemanden, der im Dialekt aufgewachsen ist, bedeutet, wenn "Hoch"deutsch in der Schule die
erste Fremdsprache ist? Wenn die ersten Worte, die man auf die Schiefertafel oder ins Heft schreibt, einem fremd tönen. Wann hat es aufgehört, das Schreiben im Dialekt? Im Mittelalter? Später? Immer wieder haben Dichter ihre Sprache am Dialekt belebt, so auch Ernst Jandl: "
wias kummen san, de schdundn / so sans a fagongen / wos kunnt aana wiarii / mea fum leebm falongen." Aana wiarii - einer, wie ich.
Natascha Gangl, die 2025 mit der Geschichte "Da Sta" (Der Stein) den Bachmann-Preis gewann, nutzt alle Möglichkeiten der Sprache. Sie durchbricht verkrustete Heimatgefühle, ungute Allianzen von Zugehörigkeit und die Militanz der Ausgrenzung. Das
Wort wird immer neu, was es werden kann ("was es w-Erden-Kahn"). Es fischt "im drüben", wie Thomas Kling derartige Sprach-Bewegungen einmal nannte. Wieder und wieder wird das Sprachmaterial gedreht und gewendet und beim Wort, Klang oder Buchstaben genommen - nicht zuletzt aus Misstrauen gegenüber ihren Manipulationsmöglichkeiten. Die Sprache entkommt dem Zwang zur Narration und treibt sich selbst nicht zuletzt in Wiederholungen und Klangfreundschaften voran. "Frische Apelle", heißt das Buch, in dem die Baumgedichte erschienen sind. Und rhetorische Mittel durchziehen ihre Texte. In einem anderen ihrer Baumtexte etwa liest man:
EDELWEISS
NIEMAND WEISS
Ob er nicht schon morgen
zu einer Gruppe gezählt wird, die
außerhalb des Gesetzes steht. Zack! Und
schon steht man auf Privatgrund. Zack! Steht man im Moor!
Zack! Steht man vor einer Felswand. Zack! Steht man im
Hinterholz!Bei jedem comic-artigen "Zack!" spürt man, wie gefährdet das Leben der Menschen ist, wenn sie ihre Einzigartigkeit aufgeben und freiwillig das Fahrzeug der schnellen Verständigung besteigen. Wer sich weigert, landet im "Hinterholz", denn "irreguläre Zeichen von Leben darf es nicht geben".
Annagramme Eine andere, uralte, in der Moderne wiederaufgenommene
Technik zur sprachlichen Mehrerzeugung und Welterweiterung, die Gangl praktiziert, ist die Kunst des anagrammatischen Assoziierens - "A-MEISEN / EIN SAME / AM NE SIE". Anagramme erfinden aus dem Buchstabenmaterial eines Wortes oder einer Zeile lauter ungeahnte Kombinationen. Im 20. Jahrhundert haben nicht zuletzt Unica Zürn und Oskar Pastior diese Kunstform mit großem Gewinn bewirtschaftet.
DER EINGEBILDETE WAHNSINNUnica Zürn
Deine Wege ins Hinterland B.Da regnet es blind hinein. We-Weh! Deliria sind Gebete. N-N-N-Der Wind blaest. Eingehen inwahnsinnige Bilder endetein Leid. Eng ist der Wahn. EbenSteigen, dann Leiden. Hib! Wer?Er! Wann? Nie! Eingebildet-H-D-S?Was? Rien! Elend beginnt: DEHI-DEHI, bewegtes Deliria-N-N-N-N-Endet das nie? Nein! G-B-L-I-H! Wer?Der eingebildete Wahnsinn.Für Gangl wie für Pastior und Zürn ist jedes Wort ein kleiner Ausschnitt eines riesigen, fortlaufenden Wortkontinuums. Jedem Wort und jedem Vers liegt
ein Gemurmel zugrunde, aus dem sich eine je konkrete Sprache oder Schrift im Moment ihres Aussprechens oder Niederschreibens herauslöst, und sich uns in ihrer Einzigartigkeit darbietet.
Vielleicht besteht Gangls Schreiben nicht zuletzt genau darin: dem Gemurmel (der Wald) und dem je möglichen singulären Ausdruck darin (dem Baum) Raum zu geben, als Widerstand gegen das, was Walter Benjamin einmal die "prompte Sprache" der Flugschriften, Losungen und Parolen nannte. Als sei sie Unica Zürns dichterische Schwester, durchdringt Natascha Gangl, subversiv und subkutan, mit nichts als Sprache den Wald unserer Gegenwart. "This is the AND (AND AND) of the world! Das UND ..." ... das dort
unzählige Verbindungen schafft, wo sie längst gekappt schienen.
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Die Gedichte von Natascha Gangl entstammen dem Band "Frische Apelle & andere Sprachtexte", Ritter Literaturverlag, Klagenfurt 2025.Mehr über Natascha Gangl bei der nachtkritik