9punkt - Die Debattenrundschau
Wo genau sie liegt, die rote Linie
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.08.2026. Berlin und Warschau feiern 35 Jahre Städtepartnerschaft - aber nur eine der beiden Städte weist eine echte Dynamik auf, konstatiert die taz. Die FAZ bekennt ihren Ärger über die ständige Bewirtschaftung der ostdeutschen Opferseelen. Ungarn hat sein Gesicht schon jetzt deutlich verändert, freut sich die NZZ - aber wo sind Orbans Milliarden? Die SZ antwortet mit einem deutlichen Jein auf die Frage, ob die AfD verboten gehört. Nicht das Geschlecht, sondern die soziale Lage entscheidet darüber, wer einsam ist, meint Slate.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
14.08.2026
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Europa
Berlin und Warschau feiern 35 Jahre Städtepartnerschaft. 37 Jahre nach dem Mauerfall gibt es zwar immer noch keinen Schnellzug zwischen den beiden Städten, aber Berlin, das jede Zukunftsprojektion verloren hat, kann inzwischen nur mit Neid auf Warschau blicken, meint Uwe Rada in der taz: "Dynamik ist derzeit vor allem in Warschau zu beobachten. Zum Beispiel am Boulevard an der Weichsel. In einem städtebaulichen Kraftakt hat Warschau die Uferstraße in einen Tunnel versenkt und Platz geschaffen für eine der aufregendsten Flusspromenaden Europas. Im Sommer scheint ganz Warschau seinen Fluss feiern zu wollen. Auch die Touristen strömen inzwischen zur Weichsel. Auf der neuen Brücke für Fußgänger und Radfahrer gelangen sie nicht nur bequem ins aufstrebende Praga am rechten Weichselufer mit seinen lange Zeit bröckelnden Fassaden an Fabriken und Mietskasernen. Von der Brücke aus hat man auch einen guten Blick auf die Warschauer Skyline. Spätestens in diesem Moment verbietet sich jeder Vergleich mit Berlin."
Die Bewirtschaftung ostdeutscher Ressentiments gegen die Wessis hat sich inzwischen zu einer florierenden Branche entwickelt, konstatiert Reinhard Bingener in der FAZ - es sind sogar spezialisierte Medien wie die Berliner und die Ostdeutsche Zeitung entstanden. Jahrzehntelang wurden die Bürger (auch die Ostdeutschen, gewiss) mit dem Solizuschlag belastet. Dies führte "dazu, dass das Wohlstandsgefälle rasch mit milliardenschweren Transfers künstlich verringert wurde. Die Anspruchshaltung, dass ein solches Gefälle binnen weniger Jahrzehnte mithilfe von noch höheren Transfers zum Verschwinden gebracht werden könnte, liegt den meisten Ost-West-Verteilungsdebatten zugrunde. Höflich beschwiegen wird dabei, dass manche der gegenwärtigen Probleme Gesamtdeutschlands mit maroder Infrastruktur, wachsender Verschuldung und Löchern in den Sozialkassen mit den gewaltigen Finanztransfers in die neuen Länder zusammenhängen." Und Bingener warnt: "Die Einwohner Bayerns, deren Zahl diejenige aller fünf ostdeutschen Bundesländer übertrifft, könnten der Dauerbeschäftigung mit der ostdeutschen Selbstfindung überdrüssig werden."
Jabloko, die letzte Partei, die sich in Russland für Frieden einsetzte, wenn auch unter Putins Bedingungen, ist von den den anstehenden Duma-Wahlen ausgeschlossen worden. Sie wäre wohl von vielen Jugendlichen gewählt worden. Der in Berlin lebende Historiker und ehemalige Leiter des Moskauer Sacharow-Zentrums Sergej Lukaschewski schildert im Gespräch mit Barbara Oertel von der taz die Stimmung bei den wenigen Russen, die noch nicht völlig hirngewaschen sind: "Sie sind definitiv müde, jedoch nicht von den ukrainischen Angriffen. Vielmehr sind sie erschöpft angesichts der Atmosphäre von Druck, Spannung und Angst. Sie haben Angst vor Repressionen und den Wunsch, dass das alles ein Ende findet. In der späten Sowjetzeit war ich ein Kind beziehungsweise Schüler und erinnere mich noch gut an dieses quälende Gefühl. Man weiß, was die Wahrheit ist, kann sie aber nicht öffentlich aussprechen, weil alle um einen herum sagen, dass es gefährlich sei und man das nicht tun dürfe."
Ungarn hat sein Gesicht nach der schmählichen Niederlage Viktor Orbáns bereits merklich verändert, freut sich der Politikwissenschafter Janos I. Szirtes in der NZZ. Die höchsten Repräsentanten des Orbánismus haben sich aus dem Staub gemacht und arbeiten jetzt für chinesische Autokonzerne oder fristen ihren Ruhestand in Dubai, so Szirtes. Die Milliarden, die sie durch Korruption gemacht haben, nehmen sie allerdings mit. Doch die Systeme, durch die sie liefen, brechen zusammen: "Unter Viktor Orbán war es möglich, Staatseigentum und Budgetgelder in Stiftungen zu verlagern, sie so der öffentlichen Kontrolle zu entziehen und am Ende als nichtstaatliches Eigentum zu deklarieren. Die Regierung Magyar hat die Mehrheit der Stiftungen mittlerweile aufgelöst und zur Abwicklung Verwalter eingesetzt. Allerdings ist ein erheblicher Teil der Gelder bereits verschwunden. Die Stiftungen finanzierten sowohl Universitäten als auch nationale und internationale rechte Think-Tanks. In den Führungsgremien sassen ausschliesslich Fidesz-Leute, natürlich bestens bestallt. Mit der Auflösung dieser Stiftungen implodiert das intellektuelle Gerüst des ungarischen Rechtskonservatismus. Zugleich verlieren viele Günstlinge des Systems ein Einkommen, das kaum Aufwand erforderte."
Die Bewirtschaftung ostdeutscher Ressentiments gegen die Wessis hat sich inzwischen zu einer florierenden Branche entwickelt, konstatiert Reinhard Bingener in der FAZ - es sind sogar spezialisierte Medien wie die Berliner und die Ostdeutsche Zeitung entstanden. Jahrzehntelang wurden die Bürger (auch die Ostdeutschen, gewiss) mit dem Solizuschlag belastet. Dies führte "dazu, dass das Wohlstandsgefälle rasch mit milliardenschweren Transfers künstlich verringert wurde. Die Anspruchshaltung, dass ein solches Gefälle binnen weniger Jahrzehnte mithilfe von noch höheren Transfers zum Verschwinden gebracht werden könnte, liegt den meisten Ost-West-Verteilungsdebatten zugrunde. Höflich beschwiegen wird dabei, dass manche der gegenwärtigen Probleme Gesamtdeutschlands mit maroder Infrastruktur, wachsender Verschuldung und Löchern in den Sozialkassen mit den gewaltigen Finanztransfers in die neuen Länder zusammenhängen." Und Bingener warnt: "Die Einwohner Bayerns, deren Zahl diejenige aller fünf ostdeutschen Bundesländer übertrifft, könnten der Dauerbeschäftigung mit der ostdeutschen Selbstfindung überdrüssig werden."
Jabloko, die letzte Partei, die sich in Russland für Frieden einsetzte, wenn auch unter Putins Bedingungen, ist von den den anstehenden Duma-Wahlen ausgeschlossen worden. Sie wäre wohl von vielen Jugendlichen gewählt worden. Der in Berlin lebende Historiker und ehemalige Leiter des Moskauer Sacharow-Zentrums Sergej Lukaschewski schildert im Gespräch mit Barbara Oertel von der taz die Stimmung bei den wenigen Russen, die noch nicht völlig hirngewaschen sind: "Sie sind definitiv müde, jedoch nicht von den ukrainischen Angriffen. Vielmehr sind sie erschöpft angesichts der Atmosphäre von Druck, Spannung und Angst. Sie haben Angst vor Repressionen und den Wunsch, dass das alles ein Ende findet. In der späten Sowjetzeit war ich ein Kind beziehungsweise Schüler und erinnere mich noch gut an dieses quälende Gefühl. Man weiß, was die Wahrheit ist, kann sie aber nicht öffentlich aussprechen, weil alle um einen herum sagen, dass es gefährlich sei und man das nicht tun dürfe."
Ungarn hat sein Gesicht nach der schmählichen Niederlage Viktor Orbáns bereits merklich verändert, freut sich der Politikwissenschafter Janos I. Szirtes in der NZZ. Die höchsten Repräsentanten des Orbánismus haben sich aus dem Staub gemacht und arbeiten jetzt für chinesische Autokonzerne oder fristen ihren Ruhestand in Dubai, so Szirtes. Die Milliarden, die sie durch Korruption gemacht haben, nehmen sie allerdings mit. Doch die Systeme, durch die sie liefen, brechen zusammen: "Unter Viktor Orbán war es möglich, Staatseigentum und Budgetgelder in Stiftungen zu verlagern, sie so der öffentlichen Kontrolle zu entziehen und am Ende als nichtstaatliches Eigentum zu deklarieren. Die Regierung Magyar hat die Mehrheit der Stiftungen mittlerweile aufgelöst und zur Abwicklung Verwalter eingesetzt. Allerdings ist ein erheblicher Teil der Gelder bereits verschwunden. Die Stiftungen finanzierten sowohl Universitäten als auch nationale und internationale rechte Think-Tanks. In den Führungsgremien sassen ausschliesslich Fidesz-Leute, natürlich bestens bestallt. Mit der Auflösung dieser Stiftungen implodiert das intellektuelle Gerüst des ungarischen Rechtskonservatismus. Zugleich verlieren viele Günstlinge des Systems ein Einkommen, das kaum Aufwand erforderte."
Gesellschaft
Ronen Steinke hat in der SZ ein ganzes "Buch Zwei" vollgeschrieben, um ein AfD-Verbotsverfahren wegen Gefährdung der Demokratie zu begründen. Also zumindest grundsätzlich ist er dafür. Bleibt nur die Frage, was dann mit den 40 Prozent Wählern ist, die in Sachsen-Anhalt für die AfD stimmen wollen. Also besser doch kein Verbot? Jein, meint er: "Vielleicht wäre es sogar hilfreich, wenn die Richterinnen und Richter in Karlsruhe nur zu einer 'Ja, aber'-Entscheidung kämen. Also lediglich zu einem Teilverbot gemäß dem Paragrafen 46, Absatz 2 des Bundesverfassungsgerichtsgesetzes. Was zur Folge hätte, dass ein wesentlicher Teil der AfD vorerst am Leben bliebe. Wenn zum Beispiel der Landesverband Thüringen verboten werden würde, die Truppe von Björn Höcke also, dann könnte das für den Landesverband in - sagen wir - Rheinland-Pfalz veranschaulichen, wo genau sie liegt, die rote Linie. Es wäre eine Lektion. Darüber, wie weit man als Partei gehen darf. Und wann es zu weit geht. Das ist letztlich, worum es geht. Ein kleiner erzieherischer Effekt. Auf mehr kann man nicht hoffen."
Umweltautor Michael Miersch staunt über eine Ipsos-Erhebung, laut der die Mehrheit der Deutschen glaubt, die Umwelt sei heute viel verschmutzter als vor fünfzig Jahren. Das krasse Gegenteil ist der Fall: Die Luft ist sauber, viele Tierarten sind zurückgekehrt, die Bewaldung ist gewachsen. Miersch glaubt, die Medien seien schuld: Es existiere "eine Schere zwischen medial vermittelter Realität und selbst erfahrener Realität. Der einzige Bereich, bei dem eine Mehrheit die Meinung vertritt, etwas sei heute besser als 1975, ist die gesundheitliche Versorgung. Den medizinischen Fortschritt spüren Menschen am eigenen Leib. Themen wie Kriminalität oder Umweltverschmutzung werden vornehmlich durch Medien übermittelt. Und noch ein anderer Faktor scheint mir die Erinnerung an die desaströsen Zustände vor fünfzig Jahren überdeckt zu haben. In der Öffentlichkeit hat das Klimathema das Umweltthema an den Rand gedrängt. Nicht wenige Politiker und Journalisten reden und schreiben so, als seien Umweltverschmutzung und Klimawandel ein und dasselbe. Angesehene Medien bezeichnen CO2 als Umweltgift, offenbar in Unkenntnis, dass dieses 'Gift' ein lebensnotwendiger Grundbaustein der Natur ist."
"Männliche Einsamkeit" ist gerade ein Modethema in den USA. Nick Keppler zitiert bei Slate all die Artikel, die zuletzt dazu erschienen sind. Letztlich aber glaubt er nicht an die These, dass Männer oft einsamer seien - oder genauer: diese These übersieht einen entscheidenden Faktor: "In allen Studien gibt es eine Gruppe, die deutlich einsamer ist als alle anderen. Die Menschen, denen es in Amerika an sozialen Kontakten mangelt, sind diejenigen, denen vieles fehlt: arme Menschen. Wer Schwierigkeiten hat, sich das Nötigste zu leisten, kämpft auch häufiger mit Gefühlen der Isolation. Aus diesem Blickwinkel betrachtet erscheint Einsamkeit in den USA weniger als etwas, das sich Menschen durch mangelnde psychosoziale Selbstfürsorge selbst auferlegen - eine inhärente Prämisse einer geschlechtsspezifischen Schuldzuweisung -, sondern vielmehr als etwas, das die Gesellschaft den Menschen auferlegt. Es gibt eigentlich keine Krise der männlichen Einsamkeit."
Umweltautor Michael Miersch staunt über eine Ipsos-Erhebung, laut der die Mehrheit der Deutschen glaubt, die Umwelt sei heute viel verschmutzter als vor fünfzig Jahren. Das krasse Gegenteil ist der Fall: Die Luft ist sauber, viele Tierarten sind zurückgekehrt, die Bewaldung ist gewachsen. Miersch glaubt, die Medien seien schuld: Es existiere "eine Schere zwischen medial vermittelter Realität und selbst erfahrener Realität. Der einzige Bereich, bei dem eine Mehrheit die Meinung vertritt, etwas sei heute besser als 1975, ist die gesundheitliche Versorgung. Den medizinischen Fortschritt spüren Menschen am eigenen Leib. Themen wie Kriminalität oder Umweltverschmutzung werden vornehmlich durch Medien übermittelt. Und noch ein anderer Faktor scheint mir die Erinnerung an die desaströsen Zustände vor fünfzig Jahren überdeckt zu haben. In der Öffentlichkeit hat das Klimathema das Umweltthema an den Rand gedrängt. Nicht wenige Politiker und Journalisten reden und schreiben so, als seien Umweltverschmutzung und Klimawandel ein und dasselbe. Angesehene Medien bezeichnen CO2 als Umweltgift, offenbar in Unkenntnis, dass dieses 'Gift' ein lebensnotwendiger Grundbaustein der Natur ist."
"Männliche Einsamkeit" ist gerade ein Modethema in den USA. Nick Keppler zitiert bei Slate all die Artikel, die zuletzt dazu erschienen sind. Letztlich aber glaubt er nicht an die These, dass Männer oft einsamer seien - oder genauer: diese These übersieht einen entscheidenden Faktor: "In allen Studien gibt es eine Gruppe, die deutlich einsamer ist als alle anderen. Die Menschen, denen es in Amerika an sozialen Kontakten mangelt, sind diejenigen, denen vieles fehlt: arme Menschen. Wer Schwierigkeiten hat, sich das Nötigste zu leisten, kämpft auch häufiger mit Gefühlen der Isolation. Aus diesem Blickwinkel betrachtet erscheint Einsamkeit in den USA weniger als etwas, das sich Menschen durch mangelnde psychosoziale Selbstfürsorge selbst auferlegen - eine inhärente Prämisse einer geschlechtsspezifischen Schuldzuweisung -, sondern vielmehr als etwas, das die Gesellschaft den Menschen auferlegt. Es gibt eigentlich keine Krise der männlichen Einsamkeit."
Digitalisierung
Geht es nach den Tech Bros aus den KI-Konzernen, ist das Smartphone am Ende seiner Evolution angelangt. Sie versuchen, den Konsumenten, neue (bisher noch nicht gleich ins Hirn implantierte) Geräte wie Datenbrillen schmackhaft zu machen. Adrian Lobe beschreibt das Szenario in der Welt: "Im Zeitalter KI-gestützter Konnektivität kommt es immer weniger auf menschliche Eingaben in Text- oder Audioform an: Man muss keine Restaurants mehr googeln, weil die KI die Vorlieben und den Standort ohnehin schon kennt. Und man muss auch nicht mehr das Baujahr eines Gebäudes erfragen, weil die KI die Information automatisch auf das Display der smarten Brille ausspielt. ... Denkt man die Entwicklung weiter, ist der Mensch im Internet der Dinge bloß noch ein wandelnder Sensorträger, der Feldforschung für die Tech-Konzerne betreibt - und damit funktional kaum noch von einem Roboterfahrzeug unterscheidbar."
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