Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.08.2026. Dreht sich der Ukraine-Krieg erneut zu Ungunsten der Ukraine? Der Militärhistoriker Alexander Gogun beziffert in der taz die vielen Toten der letzten Monate - und den Bevölkerungsschwund im Land. In Russland wird unterdessen der letzte Oppositionelle, Lew Schlosberg, für zwölf Jahre eingekerkert - Mediazona druckt seine Rede vor Gericht. Der Rechtspopulismus entzaubert sich, sobald er an der Regierung ist - sollte man ihn also lassen, fragt der britische Schriftsteller David Szalay in der NZZ. Mit Staunen versenkt sich der Spectator in das "islamische Kurrikulum" an der Uni Cambridge.
Dreht sich der Krieg in der Ukraine erneut? Der Militärhistoriker Alexander Gogunbenennt in der taz den Blutzoll, den die Ukraine gerade jetzt zahlt: "Laut UN-Daten verzeichnete die Ukraine in diesem Mai mit 274 Toten jeden Monat im Vergleich zum Jahresbeginn einen heftigen Anstieg ziviler Opfer. Der Juni war mit 293 Toten der blutigste Monat seit April 2022. Im Juli waren sogar 437 Getötete zu beklagen. In den Sommermonaten wurden mehrere Tausend Zivilisten verletzt. Die Ukraine hat ihre Patriot-Raketenbestände ausgeschöpft. Demgegenüber haben die Russen dazu gelernt - und rüsten völlig veraltete, ausgemusterte Flugabwehrraketen so um, dass die sogar Kyjiw erreichen. Darüber hinaus hat der Aggressor alte Fliegerbomben in noch größerem Ausmaß zu gelenkten Munitionstypen mit Gleitmodul umfunktioniert." Gogun erzählt auch von den Schwierigkeiten der Ukraine, noch weitere Männer für den Kriegsdienst zu rekrutieren. Und "Eine Nachricht, die die Bürgerinnen und Bürger der noch jungen Demokratie kürzlich erreichte und zusätzlich für Bestürzung gesorgt haben dürfte, schaffte es übrigens nicht in die deutschen Medien: Die derzeit von Kyjiw kontrollierten Landesteile der Ukraine zählen inzwischen nur noch 22 bis 25 Millionen Einwohner. Bis 2025 schätzten die Behörden etwa 29 Millionen."
Der russische OppositionelleLew Schlosberg, einer der wenigen in Russland verbliebenen, wurde jetzt mit Hilfe des "Ausländischen Agenten"-Gesetz zu zwölf Jahren Straflager verurteilt, dokumentiertMediazona. Mediazona druckt auch seine Ansprache im Gericht, die noch die letzte Möglichkeit in Russland ist, seine Meinung zu äußern: "Die einzige dringende Aufgabe heute besteht darin, das Töten von Menschen zu beenden und zu einem politischen Dialog überzugehen. Wir können derzeit nicht sagen, wie lange dieser politische Dialog dauern wird oder wie er enden wird. Aber jeder Tag dieses Dialogs rettet Tausende und Abertausende von Menschenleben. Politiker müssen darüber nachdenken. Auch Historiker müssen meiner Ansicht nach darüber nachdenken. Denn die Opfer vergangener Kriege sind für immer tot, und niemand wird zurückkehren. Aber die Menschen, die heute noch leben, können am Leben bleiben, wenn dieses Abkommen unterzeichnet wird."
Seit hundert Tagen verfügt Péter Magyar mit seiner Tisza-Partei in Ungarn über eine Zwei-Drittel-Mehrheit und treibt einen Staatsumbau voran, konstatiert Markus Schönherr im Tagesspiegel. In einem Teil der Bevölkerung herrscht dabei nach dem Ende der Orbán-Regierung Euphorie, während der andere orientierungslos scheint. "Dann gebe es aber auch jene, die der Regierungswechsel ratlos hinterlassen habe; vor allem auf dem Land waren Fidesz-nahe Sender oft die einzige Informationsquelle. 'Viele Menschen wissen nicht mehr genau, was sie denken sollen, weil 'ihre' Medien ja nicht mehr funktionieren, oder nicht mehr so wie früher. Sie sind wie gestrandet", wird die deutsche, in Budapest lebende Autorin Petra Thorbrietz zitiert. Doch auch NGOs üben Kritik an der neuen Regierung, zum Beispiel Aron Demeter von Amnesty International in Budapest. Es gelte nun "mit den Fidesz-Methoden zu brechen. 'Für einen transparenten und gut funktionierenden Rechtsstaat', so Demeter, 'muss die Regierung den Ansatz 'Eine Partei regiert alle' aufgeben - selbst wenn ihre Ziele wie in diesen Fällen völlig legitim und notwendig sind.'"
Der Rechtspopulismus entzaubert sich, sobald er an der Regierung ist - in Ungarn und auf der ganzen Welt, meint der britische SchriftstellerDavid Szalay im NZZ-Interview mit Paul Jandl. Orbáns "disruptive Politik war symbolisch aufgeladen, und jetzt kommt seine Niederlage eben auch mit symbolischer Wucht daher. Vielleicht zeichnet sich da eine Änderung der Windrichtung ab, und die rechtspopulistischen Parteien Europas verlieren allmählich an Boden. Politiker verlieren an Popularität, wenn sie erst einmal an der Macht sind. Ihr Versagen wird offenbar." Vielleicht sollte man die Rechtspopulisten einfach mal machen lassen, denkt Szalay. "Die Rechtspopulisten behaupten, sie hätten einzigartige Lösungen für die Probleme unserer Zeit. Ich halte das für Unsinn. Man kann diese Parteien nur entlarven, wenn man ihnen die Möglichkeit gibt, ihre angeblichen Ideen praktisch umzusetzen. Der Aufstieg und der Fall von Viktor Orbán sind da ganz beispielhaft, was aber nicht heisst, dass andere Länder daraus lernen. Vielleicht müssen sie ähnliche Erfahrungen machen wie Ungarn in den letzten Jahrzehnten."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Im Welt-Interview mit Michael Pilz leitet die AutorinMarieke Reimann, die mit einem "Tagesthemen"-Kommentar und ihrem Buch über Ostdeutschland aktuell für Aufsehen sorgt, aus der demografischen Lage Ostdeutschlands dessen politische Spaltung ab. So sei es vielerorts in Ostdeutschland so, dass das Verhältnis Mann-Frau ungefähr 3,5 zu 1 steht, wobei die Frauen gleichzeitig finanziell unabhängiger werden, wegziehen, während Männer eher bleiben. "Noch nie habe sich die demografische Situation so zugespitzt wie momentan in Ostdeutschland. Ganze Landstriche werden immer männlicher und immer älter. Das verändert auch die demokratischen Verhältnisse. (...) In den sozialen Medien der Manosphere fühlen manche Männer sich zudem verstanden und von rückständigen Rollenverteilungen abgeholt und darin aufgehoben - wie bei rechtsextremen Parteien, die solche frauenfeindlichen Männlichkeitsbilder aufgreifen."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Immer mehr Menschen nutzen KI-Begleiter, die am Ende auch eine romantische Beziehung ersetzen sollen, erklärt der SoziologeJames Muldoon im Zeit-Online-Interview mit Xifan Yang. Diese Entwicklung ist aktuell so besorgniserregend, weil viele Menschen derzeit Probleme haben, Partner zu finden (dazu eine Artikel-Serie des Guardian). "Die Probleme unter heterosexuellen Männern und Frauen sind bereits ohne die Technologie enorm: das politische Auseinanderdriften, die Verunsicherung in der Datingkultur nach der MeToo-Bewegung. Manche befürchten, dass alle bald nur noch KI-Partner daten. Aber Menschen bieten zu viel, als dass die KI sie ernsthaft ersetzen könnte - allein wegen der körperlichen Komponente. (...) Solange KI nicht wirklich gut im Sex wird, werden die Menschen weiter menschliche Partner wollen."
"Es fehlt, auf die ökologischen Fragen bezogen, jene Begeisterung, die vor vielen Jahrzehnten die Entwicklung von Technik und Naturwissenschaften begleitete", schreibt Thomas Schmid angesichts der apokalyptischen Bilder von Waldbränden in den Medien in der Welt (und auf seinem Blog). Stattdessen herrsche gegenüber neuen Technologien ein "tiefsitzender Pessimismus". "Es hat keinen Sinn, die sich häufenden Waldbrände wie ein Menetekel anzustarren. Sie sind eine Folge der menschlichen Zivilisation, und sie können mit Mitteln der menschlichen Zivilisation eingedämmt, wenn auch nicht ganz verhindert werden. Hier wie beim Klimawandel insgesamt gilt: Wir müssen lernen, mit zweitbesten Lösungen umzugehen. Ein Teil des Kampfes gegen den Klimawandel sollte auch die kluge Anpassung an veränderte klimatische Bedingungen sein. Die Natur des Menschen ist die Kultur."
Die Lage der Frauen in Afghanistan hat sich nach fünf Jahren Taliban-Herrschaft immer weiter verschlimmert (unser Resümee). Der Journalist Naser Azizimacht im FR-Interview mit Silvia Bielert auf weitere Aspekte der Taliban-Herrschaft aufmerksam. Beispielsweise werden afghanische Geflüchtete nicht nur aus Deutschland wieder in die Hände der Taliban abgeschoben. "Laut UNHCR kehrten allein im Jahr 2026 rund 1,02 Millionen Afghaninnen und Afghanen aus Iran und Pakistan nach Afghanistan zurück - viele von ihnen wurden abgeschoben oder zur Rückkehr gezwungen. Das verschärft die Lage. Es fehlt auch ihnen an Arbeit, Unterkünften, Bildung und medizinischer Versorgung." Das Hauptprojekt der Taliban heißt derweil nicht Armutsbekämpfung sondern Straßenbau. "Viele haben mir davon erzählt, weil sie das ärgert. Sie sagen: Wir haben nichts zu essen und die Taliban bauen Straßen. Womöglich wollen sie der internationalen Gesellschaft und den im Ausland lebenden Afghaninnen und Afghanen zeigen, dass sie das Land aufbauen. Sie machen in sozialen Netzwerken damit Werbung für sich."
Beim Angriff auf den Iran hat Donald Trump eine historische Gelegenheit verpasst und sich grundlegende Fragen zu einem Regime-Wechsel nicht gestellt, konstatiert der frühere US-SicherheitsberaterJohn Bolton im FR-Interview mit Michael Hesse. "Wenn Sie einen Regimewechsel anstreben, können Sie nicht drei Monate vor Beginn eines Krieges damit anfangen. Man muss Jahre vorher überlegen: Was brauchen wir? Wie schnell können wir handeln? Welche Ressourcen brauchen wir? Wie gelangen sie zu den richtigen Leuten? Einer der wenigen Berichte über konkrete Vorbereitungen betrifft die Idee, die Kurden zu bewaffnen. Nach den Berichten, die ich gesehen habe, wurde diese Idee offenbar aufgegeben, nachdem Präsident Erdoğan Trump gebeten hatte, es nicht zu tun. Wenn das zutrifft, war das ein großer Fehler. Die Kurden hätten das Regime nicht allein stürzen können. Aber sie hätten eine wichtige Rolle spielen können - auch dabei, andere ethnische Gruppen oder oppositionelle Zellen im Iran zu unterstützen. Wenn die Berichte stimmen, war das eine enorme verpasste Gelegenheit."
Das kriegshistorische Museum Karlshorst in Berlin stellt Briefe aus der Sowjetunion aus, geschrieben kurz nach dem deutschen Überfall. "Fast siebzig Jahre lang lagen die Briefe von Rotarmisten wie Zivilisten aus Kamenez-Podolsk als Raubgut der Nazis in Wien. 2010 wurden sie an das Nationale Museum der Geschichte der Ukraine übergebe", erzählt Klaus Hillenbrand in der taz. "Es sind keine Sensationen, die nach 85 Jahren in den Briefen zutage treten. Die Botschaft lautet: Angst. Es ist die nackte Angst um das eigene Leben und um das der Geliebten, der Eltern, der Kinder. Dass diese Angst mehr als begründet war, ist bekannt. Aber auf diese Art und Weise von ihr zu erfahren, von den Lebenden in aus der Privatheit entrissenen Scheiben, ist etwas anderes, als die Statistiken zu lesen, die von 27 Millionen Toten in der Sowjetunion berichten, davon mehr als die Hälfte Zivilisten."
In der Saison 2029/30 jähren sich Mauerfall und Wiedervereinigung zum vierzigsten Mal. Die Zeit des vereinten Deutschland dauert dann länger als die Zeit der Teilung. Drei Gedenkstättenleiter plädieren in einem manifesthaften Text in der FAZ dafür, Erinnerungspolitik neu auszurichten: Die Nazi- und die SED-Diktaturen sollen gemeinsam in den Blick genommen werden, zugleich sollte die osteuropäische Erfahrung viel mehr vorkommen. Anne Kaminsky von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Uwe Neumärker von der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und Kai-Michael Sprenger von der Bundesstiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte. Die Geschichte Europas im 20. Jahrhundert sei "eine Geschichte doppelter Diktaturerfahrung: Die Gesellschaften Ostmitteleuropas waren nacheinander nationalsozialistischer Herrschaft und kommunistischer Diktatur ausgesetzt. Dieser doppelten Erfahrung gerecht zu werden heißt, die Diktaturgeschichte des Jahrhunderts in ihrer Gesamtheit in den Blick zu nehmen. Das geschieht bislang zu selten. In Deutschland behandeln die einen Institutionen die NS-Verbrechen, die anderen die SED-Diktatur, und beide Stränge laufen kaum zusammen."
Der pädagogische Fachbereich der Uni Cambridge ist durch die Jason-Arday-Affäre ins Gespräch gekommern. Hier lehrte nicht nur Jason Arday als von der Hierarchie gewollter und dann fallengelassener Posterboy eines antirassistischen Diskurses, dessen psychische Labilität der Uni offenbar kein Kopfzerbrechen bereitete. Hier wird in einem der Uni assoziierten Projekt eines "islamischen Kurrikulums" auch gelehrt, dass die Evolutionstheorie eine kolonialistische Erfindung sei (unser Resümee). Andrew Gilligan setzt im Spectator eine Serie über die islamische Pädagogik in Cambridge fort: "Ein von der Universität Cambridge getragenes akademisches Projekt wirbt für einen 'islamischen Lehrplan', der 12-Jährigen vermittelt, die Hamas sei ein 'Vorwand, den Israel nutzt, um seine Angriffe auf den Gazastreifen zu rechtfertigen', der die am 7. Oktober von der Terrorgruppe entführten zivilen Geiseln als 'Kriegsgefangene' bezeichnet und in den Unterrichtsmaterialien für Schüler eine Karte der Region veröffentlicht, auf der Israel ausgelassen wurde. Das Projekt veröffentlicht zudem einen nach den Angriffen verfassten Leitfaden für Eltern und Kinder, in dem gefragt wird: 'Was ist der Lohn eines Shaheed (Märtyrers)? Wie fühlst du dich, wenn du an all die Kinder in Gaza denkst, die nun Shuhada (Märtyrer) sind?' Und es heißt darin unter Berufung auf den Koran: 'Sagt niemals, dass diejenigen, die für die Sache Allahs den Märtyrertod erlitten haben, tot sind - in Wahrheit sind sie lebendig, aber ihr nehmt es nicht wahr.'"
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