Efeu - Die Kulturrundschau
Scharten, Schwächen und Schandflecke
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13.08.2026. In der Zeit erzählt die afghanische Schriftstellerin Homeira Qaderi, wie sie mit einem anonymen online-Literaturzirkel für afghanische Frauen einen "Hort des Widerstands" geschaffen hat. In der taz erklärt die im Iran geborene Künstlerin Aynaz Najafi, wie sie in ihrer Miniaturmalerei verschlüsselt vom Kampf der Frauen im Iran erzählt. In der FAZ wirft der Architekturhistoriker Adrian von Buttlar den Planern einer begrünten Ludwigstraße in München Geschichtsvergessenheit vor. Und der Perlentaucher amüsiert sich über die unbarmherzigen Merz-Porträts von Nikita Teryoshin.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
13.08.2026
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Kunst
Im taz-Interview mit Radek Krolczyk erzählt die im Iran geborene Künstlerin Aynaz Najafi, deren Arbeiten aktuell in der Gruppenausstellung "Summer of a Revolution" im Kunstverein Ruhr ausgestellt werden, von Bedrohungen durch Regimeanhänger und sie erklärt, wie sie die Miniaturmalerei des 16. Jahrhunderts in die Gegenwart übersetzt: "Eines meiner frühen Bilder zeigt die Steinigung einer Frau. Ich habe Fotos gesehen, auf denen eine Frau, die vielleicht Ehebruch begangen hat, bis auf den Kopf eingegraben und dann von um sie herum stehenden Männern mit Steinen zu Tode beworfen wurde. Seit vierzig Jahren wird diese Strafe offiziell nicht mehr angewandt, man hat andere Mittel gefunden. Diese Fotos zu sehen, hat mir weh getan. Ich wollte die narrative Form der persischen Miniatur dazu verwenden, um vom Leiden, aber auch vom Kampf der iranischen Frauen zu erzählen. Meist habe ich zu dieser Zeit symbolisch verschlüsselte Szenen gemalt. Eine Frau, auf die ein Gewehr gerichtet ist, hätte ich nicht malen können. Die Kritik am patriarchalen Staat wäre eindeutig gewesen, und ich wäre möglicherweise verhaftet worden. Also musste ich mir etwas anderes einfallen lassen. So habe ich beispielsweise eine Frau gemalt, die über einer Flamme in kochendem Wasser saß."
Im Perlentaucher-Fotolot bespricht Peter Truschner das Fotobuch "Game of Chairs" des Fotografen Nikita Teryoshin, der schonungslos und mit perfidem Humor Parteitage ebenso ablichtet wie zuvor Waffenmessen: "Aus der Menge des unbedingt sehenswerten Fotomaterials ragen die Porträts von Friedrich Merz heraus, in denen man rückblickend schon den unpopulärsten Kanzler in der Geschichte der Bundesrepublik zu erkennen glaubt. Einmal steht er raumgreifend da, das Gesicht jedoch von einem großen Schatten verdeckt. Ein anderes Mal bildet, von weit unten aufgenommen, Merz' winziger Kopf den verschwindenden Endpunkt eines in die Länge gezogenen, weißen Stehpults, auf dem CDU steht - inzwischen eines der meist verbreiteten Fotos von Merz auf Social Media."
Weitere Artikel: Hendrik Hess (FAZ) resümiert die Eröffnung der umstrittenen Installation "A Sky Full of Hope" der Künstlerin Janet Echelman an der Konstablerwache in Frankfurt (unser Resümee).
Film

Bert Rebhandl ist in der FAZ weniger begeistert: "Gleichwohl bleibt als befremdlicher Eindruck, dass beide Welten, die der Dinosaurier und die der Platts anno 1982, irgendwie unbeholfen ineinandergeschoben wurden. Gerade bei Zeitreise-Szenarien kommt es darauf an, dass sie ihre innere Logik deutlich ausweisen. Mitchell aber lässt nie verständlich werden, warum ihn ausgerechnet die Riesenechsen interessiert haben" In der SZ bespricht Florian Kaindl den Film, für die taz rezensiert Tobias Obermeier.
Das Filmfestival Locarno widmet sich dieses Jahr in einer großen Retrospektive den Opfern der sogenannten "blacklist": linken Hollywood-Filmemachern, die im Zuge der Kommunistenjagd der McCarthy-Ära unter die Räder kamen und oft viele Jahre lang keine Filme realisieren konnten. Die Filme, die die Verfemten dennoch drehen konnten, zeichnen sich, so Daniel Kothenschulte in der FR, oftmals durch ihre humanistische Weltsicht aus. Zum Beispiel "Stuart Heislers Drama 'Smash-Up: The Story of a Woman' mit Susan Hayward als aufstrebender Sängerin, die ihre Karriere für die Ehe opfert und dem Alkohol verfällt. Mitverfasst von der vom FBI als Kommunistin verdächtigten Autorin Dorothy Parker, versteckt neben der feministischen Botschaft auch die antikapitalistische Haltung nicht. Es ist Zeit, sich nicht nur mit dem Verdacht linker Gesinnung von Hollywoods Verfolgten auseinanderzusetzen, sondern auch mit ihrem tatsächlichen linken Filmwerk."
Weitere Artikel: Marie-Luise Goldmann und Matthias Heine überlegen in der Welt, wer die Königin des Kinojahres 2026 ist: Zendaya oder Sandra Hüller. Susanne Gietl unterhält sich im Filmdienst mit dem Regisseur George Jacques über dessen Film "Sunny Dancer", der außerdem auf critic.de, in der taz und in der BlZ besprochen wird.
Besprochen werden der neue Eberhofer-Krimi "Steckerlfischfiasko" (Welt), der Dokumentarfilm "Finding Connection" (FR), Olivia Wildes Beziehungskomödie "The Wilde" (NZZ) und Roderick Warichs "Funeral Casino Blues" (critic.de).
Bühne
Literatur
Die Zeit bringt einen Beitrag von Homeira Qaderi, einer afghanischen Schriftstellerin, die im amerikanischen Exil lebt - und einen anonymen online-Literaturzirkel namens "Goldene Nadel" vor allem für afghanische Frauen und Mädchen eingerichtet hat: "Mädchen und auch einige Jungen aus ganz Afghanistan versammeln sich einmal in der Woche im Netz. Jedes Mal besprechen wir ein Buch anhand der erzählerischen Kriterien, die wir in der vorigen Sitzung behandelt haben, und gehen dann zu einem neuen Thema über. Unsere erste Lektüre ist immer 'Das Tagebuch der Anne Frank'. Neben den Seminaren gibt es Gruppen für Schreibpraxis, Literaturkritik und Lesezirkel. Wer mag, schickt mir seine Geschichte, ich lese sie und gebe Feedback. Es geht aber nicht nur darum, Geschichten zu schreiben oder Bücher zu lesen. Nicht jeder kann Schriftsteller werden. Deshalb gestalte ich meine Gruppen als Hort des leisen Widerstands."
Und noch einmal Zeit: Jens Mühling stellt einen literarischen Trend in China vor: patriotische Science Fiction: "Hunderte von Romanen, meist online veröffentlicht, folgen heute dem gleichen Kompositionsprinzip: Ihre Helden reisen rückwärts durch die Zeit, um mit dem Wissen der Gegenwart Chinas Vergangenheit neu zu verkabeln. Meist geht es dabei um das Ausbügeln nationaler Scharten, Schwächen und Schandflecken, kurz: um patriotische Geschichtsbereinigung. Chinas kollektiver Aufstiegsrausch brandet in diesen Büchern aus der Gegenwart zurück in die Historie." Der kollektiv verfasste Roman "Der Morgenstern von Lingao" etwa imaginiert ein China, das den Westen im 17. Jahrhundert mithilfe einer Blitzindustrialisierung überholt.
Weitere Artikel: Die Debatte um KI in der Literatur geht weiter. Nikolai Ott antwortet in der FAZ auf Erik Schilling, der ebenfalls in der FAZ vom 5. August den Gedanken nahegelegt hatte, dass ChatGPT Roland Barthes' Idee vom Tod des Autors endlich Wirklichkeit werden lässt. Für Ott ist KI nur institutionalisierte Mittelmäßigkeit: "Ohne die Freude am Lesen bleibt das emanzipatorische Versprechen vom Tod des Autors leer." Jan Wiele spricht mit Irvine Welsh in der FAZ über dessen neuen Roman "Men in Love". Daniel Gerhard erklärt in der Zeit, was eine britische Hochspannungsleitung mit Harry Potter zu tun hat. Maja Beckers wiederum überlegt, ebenfalls in der Zeit, was es mit sogenannten "Lese-Retreats" auf sich hat. Andreas Platthaus erinnert in der FAZ an den Asterix- und Lucky Luke-Autor René Goscinny, der vor hundert Jahren das Licht der Welt erblickte.
Besprochen werden u.a. Eva Menasses "Alleinruhelage" (FAZ, FR), Pol Guaschs Roman "Auf den Händen brennt das Paradies" (FAZ), Asma Mhallas "Cyberpunk" (SZ), Clemens Böckmanns "Das richtige Leben des Alvaro Maderholz" (Zeit) und Tony Tulathimuttes "Fiasko" (taz).
Und noch einmal Zeit: Jens Mühling stellt einen literarischen Trend in China vor: patriotische Science Fiction: "Hunderte von Romanen, meist online veröffentlicht, folgen heute dem gleichen Kompositionsprinzip: Ihre Helden reisen rückwärts durch die Zeit, um mit dem Wissen der Gegenwart Chinas Vergangenheit neu zu verkabeln. Meist geht es dabei um das Ausbügeln nationaler Scharten, Schwächen und Schandflecken, kurz: um patriotische Geschichtsbereinigung. Chinas kollektiver Aufstiegsrausch brandet in diesen Büchern aus der Gegenwart zurück in die Historie." Der kollektiv verfasste Roman "Der Morgenstern von Lingao" etwa imaginiert ein China, das den Westen im 17. Jahrhundert mithilfe einer Blitzindustrialisierung überholt.
Weitere Artikel: Die Debatte um KI in der Literatur geht weiter. Nikolai Ott antwortet in der FAZ auf Erik Schilling, der ebenfalls in der FAZ vom 5. August den Gedanken nahegelegt hatte, dass ChatGPT Roland Barthes' Idee vom Tod des Autors endlich Wirklichkeit werden lässt. Für Ott ist KI nur institutionalisierte Mittelmäßigkeit: "Ohne die Freude am Lesen bleibt das emanzipatorische Versprechen vom Tod des Autors leer." Jan Wiele spricht mit Irvine Welsh in der FAZ über dessen neuen Roman "Men in Love". Daniel Gerhard erklärt in der Zeit, was eine britische Hochspannungsleitung mit Harry Potter zu tun hat. Maja Beckers wiederum überlegt, ebenfalls in der Zeit, was es mit sogenannten "Lese-Retreats" auf sich hat. Andreas Platthaus erinnert in der FAZ an den Asterix- und Lucky Luke-Autor René Goscinny, der vor hundert Jahren das Licht der Welt erblickte.
Besprochen werden u.a. Eva Menasses "Alleinruhelage" (FAZ, FR), Pol Guaschs Roman "Auf den Händen brennt das Paradies" (FAZ), Asma Mhallas "Cyberpunk" (SZ), Clemens Böckmanns "Das richtige Leben des Alvaro Maderholz" (Zeit) und Tony Tulathimuttes "Fiasko" (taz).
Musik
Lässt sich der musikalische KI-Slop vielleicht doch noch eindämmen? Spotify war bislang für einen laxen Umgang mit algorithmisch generierter Musik berüchtigt. Jetzt allerdings hat der Streamingdienst neue Regeln bekannt gegeben, denen zufolge Künstler mit KI-generierten Identitäten künftig entsprechend gekennzeichnet werden sollen. Auch soll die Musik dieser Künstler nicht mehr Teil von Empfehlungslisten werden. Wie kommt es zu dem Sinneswandel? Kristoffer Cornils vermutet in der taz, dass es schlicht ums Geld geht, beziehungsweise um die Konkurrenten "Deezer und Qobuz, die mit größerer Offenheit schon früher gepunktet haben: Deezer etwa kennzeichnet bereits seit Anfang 2025 KI-Musik als solche und entfernt sie schnell aus allen Empfehlungen. Das harte Durchgreifen scheint sich ausgezahlt zu haben: Deezer meldete für das Jahr 2025 erstmals Profit, die Abozahlen steigen moderat an."
Weiteres: Stefan Ender interviewt im Standard den Starpianisten Rudolf Buchbinder. Besprochen werden "It Goes On", das Debütalbum der Band Westside Cowboy (SZ) und ein Konzert der Urban-Brass-Band Moop Mama im Frankfurter Palmengarten (FR).
Weiteres: Stefan Ender interviewt im Standard den Starpianisten Rudolf Buchbinder. Besprochen werden "It Goes On", das Debütalbum der Band Westside Cowboy (SZ) und ein Konzert der Urban-Brass-Band Moop Mama im Frankfurter Palmengarten (FR).
Architektur

Susanne Kippenberger ist auf den Geschichtsseiten der Zeit dankbar, dass Paul R. Williams, Amerikas erster schwarzer Architekt, einst geehrt von Truman und Eisenhower und unter anderem für eine Villa von Frank Sinatra verantwortlich, mit gleich drei großen Ausstellungen (hier, hier und hier) in den USA der Vergessenheit enthoben wird. Immobilienmakler werben heute mit Williams, auch wenn dieser sich ebenso im sozialen Wohnungsbau einen Namen machte: "Schließlich wollte der Architekt nicht einfach Häuser bauen, wie er sagte, sondern 'homes'. Das galt selbst für Hotels und andere öffentliche Bauten einschließlich eines Bestattungsinstituts. ... In den Villen platzierte Williams Frühstückszimmer so, dass die Morgensonne hineinschien, knüpfte ein enges Band zwischen Drinnen und Draußen. Einen Williams erkennt man eher am Interieur als an der Fassadengestaltung. Zu seinen Merkmalen gehören offene, einladende Entrees, elegant geschwungene Wendeltreppen, fließende Raumfolgen, ovale Zimmer, Bogenfenster und -türen, überhaupt: Kurven, so viel es geht."
Nach Gerhard Matzig in der SZ (unser Resümee) ärgert sich heute der Architekturhistoriker Adrian von Buttlar in der FAZ über die Pläne, die Münchner Ludwigstraße vom Pariser Architekturbüro Michel Desvigne Paysagiste zur grünen Flaniermeile umgestalten zu lassen. Sie war im 19. Jahrhundert baumlos konzipiert worden, erinnert Buttlar: "Die Laudatoren sprechen von 'Fortschreibung' des rundum denkmalgeschützten 'Ensembles von Weltrang' ins 21. Jahrhundert und sogar von einem Musterfall des Umgangs mit unseren geschichtsträchtigen Altstädten. Das sollte nicht nur unter Kulturbürgern alle Alarmglocken schrillen lassen, denn das Gegenteil ist der Fall und offenbart die galoppierende Geschichtsvergessenheit und architekturhistorische Ignoranz der Verantwortlichen. Die Prämissen des Wettbewerbs zielen auf die Zerstörung der Denkmalcharakteristika dieses stadtbaukünstlerischen Gesamtkunstwerks, zu dem nicht nur die Bauwerke und ihre variantenreichen Fassaden, sondern auch die durch sie konstituierten Räume, Plätze und majestätischen Blickachsen gehören."
Weitere Artikel: Stefan Rebenich resümiert in der FAZ eine Debatte, die um die "iga*61 - Die DDR durch die Blume" im Erfurter Deutschen Gartenbaumuseum entbrannt ist. Erzählt wird dort auch die politische Dimension der iga, ein nicht namentlich genannter thüringischer Politiker kritisierte das Vorhaben und behauptete, die iga sei nie politisch gewesen.
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