9punkt - Die Debattenrundschau

An einer roten Ampel

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.08.2026. Russland tötet systematisch Zivilisten, und es attackiert systematisch die ukrainische Kultur, stellt der Tagesspiegel fest. Der entlassene Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow ruft unterdessen laut SZ zu Neuwahlen in der Ukraine auf. Was russische Kultur ausmacht, wird jetzt im Ausland von Exilanten definiert, sagte Irina Scherbakowa bei den "Tagen des Exils". Berlin ist zwar nicht mehr arm, aber auch nicht mehr sexy, stellt die FAZ fest. 
Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.08.2026 finden Sie hier

Europa

Im Tagesspiegel berichtet Kristina Thomas über die jüngsten Raketenangriffe auf die Ukraine, bei denen es die russische Armee vor allem auf die Buch- und Kulturbranche abgesehen hat: Zerstört wurden u. a. eine Druckerei in Kiew, "eine der größten des Landes". Hier wurden "250.000 Schulbücher und 350.000 weitere Bücher zerstört, nur Wochen vor Schulbeginn". Ihre Zerstörung "ist Teil einer Angriffswelle gegen eine ganze Branche. Das Ukrainische Buchinstitut schätzt den Verlust der letzten Wochen auf nahezu zehn Millionen Exemplare. Betroffen sind gleich mehrere Knotenpunkte der ukrainischen Buchwelt, die sich über den gesamten Produktionszyklus ziehen: Neben der Druckerei traf es mehrere Redaktionsbüros sowie zentrale Lager und Distributionszentren. Am vergangenen August-Wochenende nun wurde eine Ikone der ukrainischen Buchlandschaft ausgelöscht: Eine russische Rakete traf den größten Buchmarkt der Ukraine neben der Pochaina-Station in Kyjiw. Hunderte kleine Buchhändler verkauften in kleinen Ständen Literatur von 120 Verlagen sowie antiquarische Bücher. Familiengeschäfte, die seit 1997 über Generationen geführt worden waren, verbrannten über Nacht."

"Lange Zeit wurden Emigranten in der Sowjetunion in spöttischem Licht dargestellt: als Verlierer, die ein erbärmliches Dasein in Istanbul, Paris, Berlin fristeten", aber die russischen Emigranten hatten und haben immer noch eine wichtige Aufgabe, erinnert Irina Scherbakowa in ihrer Rede als Schirmherrin der "Tage des Exils" in Frankfurt am Main, die die SZ abdruckt: Sie besteht unter anderem "darin, die besten kulturellen Traditionen der früheren Emigration fortzuführen. Denn die Zerstörung und der Missbrauch der russischen Kultur gehören zu den wichtigsten ideologischen Zielen der Putin'schen Propaganda. Sie behauptet ständig, die russische Kultur und die russische Sprache würden im Westen 'abgeschafft'. In Wirklichkeit wird gerade in Putins Russland die Kultur zerstört und zensiert, die russische Sprache verfälscht. Die russische Klassik wird dazu benutzt, Imperialismus und aggressiven Nationalismus zu rechtfertigen."

In der Ukraine hat der entlassene Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow mit einem Video zu Neuwahlen aufgerufen, berichtet in der SZ der im Exil lebende ukrainische Autor Sergey Maidukov, der mit der Vorstellung zu sympathisieren scheint, ohne dies direkt auszusprechen. "Es war kein Zufall, dass sein Video vom 18. August den Titel trug: 'Ansprache an die Ukrainer: über Korruption, die Krise der Regierungsführung und die Ukraine, die wir bauen müssen.' Faktisch war es Fedorows erstes Wahlmanifest, besonders wirkungsvoll vor dem Hintergrund fortlaufender Korruptionsskandale in der Regierung. Korruption im Krieg, sagte der frühere Verteidigungsminister, bedeute mehr als gestohlenes Geld. Sie zeige sich als Mangel an Drohnen, Munition, Systemen der elektronischen Kampfführung und Fahrzeugen, um die Verwundeten in Sicherheit zu bringen. 'Deshalb ist Korruption im Krieg nicht bloß ein finanzielles Problem. Es ist eine Frage unserer Fähigkeit, zu überleben und zu gewinnen', sagte Fedorow. Der Verteidigungshaushalt, argumentierte er, müsse für die Armee arbeiten, nicht für irgendwessen Taschen, politischen Einfluss oder Posten." Wie Wahlen rein technisch mitten im Krieg abgehalten werden sollen, erklärt er allerdings nicht, und Maidukov fragt auch nicht.
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Politik

Deutschland führt gegenüber China eine Politik, die den Außenhandel im Blick hat, als sei Xi Jinping nicht ein Alliierter Russlands, kritisiert Nikolas Busse im Leitartikel der FAZ. "Nun dient ihm Russland als Instrument, um den Westen, insbesondere Amerika, in Europa beschäftigt zu halten und zu schwächen. In ihrem antieuropäischen Furor helfen die Trumpisten ihm dabei sogar noch. Das ist keine 'strategische Partnerschaft', wie Merz noch in Peking sagte, sondern das Gegenteil: eine strategische Rivalität. In einem Konflikt, der für Europas Schicksal grundlegend ist, stellt sich Peking auf die Seite des Angreifers. Die Ukraine kämpft in Wirklichkeit gegen zwei Großmächte, und die Europäer liefern der potenteren der beiden über den Handel noch Mittel dazu."

Ausländerfeindliche Gruppen in Südafrika haben in den letzten Monaten dafür gesorgt, dass 160.000 "illegale" Migranten das Land fluchtartig verlassen haben und in ihre Herkunftsländer zurückgekehrt sind (unsere Resümees). Jetzt will Südafrika Geld von diesen Ländern, berichtet Tintswalo Baloyi in der taz. "Südafrika verlangt von Äthiopien, Malawi, Mosambik, Nigeria und Simbabwe zusammen 292 Millionen Rand (etwas über 15 Millionen Euro) für die Kosten von Deportationen in diese Länder: Busse, Nahrungsmittel, Überstunden, Betriebskosten der temporären Deportationszentren Lindela nahe Johannesburg und Musina an der Grenze zu Simbabwe, über die rund 82.000 Menschen Südafrika im Rahmen der von ausländerfeindlichen Gruppen an alle 'illegalen' Migranten gesetzten Ausreisefrist des 30. Juni das Land verlassen hatten. Eigentlich hatten Herkunftsländer der Migranten Entschädigung von Südafrika verlangt, da ihre Bürger ihr Auskommen in Südafrika verloren haben und nach der Rückkehr in ihre Heimatländer auf staatliche Unterstützung angewiesen waren."
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Ideen

Wann will man darüber nachdenken, was eigentlich das Allgemeinwohl ist, wenn nicht jetzt, kurz bevor möglicherweise die AfD übernimmt, fragt der Schauspieler Edgar Selge in der SZ und schlägt einen Runden Tisch vor: "Bevor man über einen neuen, hochriskanten Versuch eines AfD-Verbots nachdenkt, sollten die demokratischen Parteien ihre Argumente, die zu einem Verbot führen könnten, miteinander vergleichen. Und sie sollten dies öffentlich tun, also mit dem Souverän dieses Staates, mit uns, darüber kommunizieren. Nicht über die Gefahren des Scheiterns eines Verbotsantrags sollten sie als Erstes sprechen, sondern über die Gründe, warum diese rechtsradikale Partei in ihrem gegenwärtigen Zustand auf einem Wahlzettel der Bundesrepublik nichts verloren hat. Wir alle wollen wahrgenommen werden in unseren Ängsten vor elementaren erdrutschartigen Veränderungen, die auf uns zukommen. Nicht nur die Wähler am rechten Rand sind auf der Suche nach Teilhabe an der Macht, was, für sich genommen, sehr berechtigt ist. Auch diejenigen, die ohne den Atem der Demokratie nicht leben wollen, suchen nach deutlicherer Mitwirkung am öffentlichen Geschehen und erwarten deshalb mehr Rechenschaft unserer politischen Repräsentanten aus allen Parteien."

In der Welt ist Henryk M. Broder - anders als Charlotte Knobloch - gegen ein AfD-Verbot: "Die AfD mag ein Wolf im Schafspelz sein. Man muss ihr allerdings zugutehalten, dass sie bis jetzt nicht angekündigt hat, im Falle einer geglückten 'Machtergreifung' ein benachbartes Land zu überfallen, ein Volk zu vernichten, einen 'Eintopfsonntag' einzuführen und den Geburtstag von Björn Höcke zum nationalen Feiertag zu erklären."
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Gesellschaft

In der taz hatte der Pädagogikprofessor Andreas Petrik kürzlich vor "linker Gewaltromantik" gewarnt und eine Brandmauer auch nach links vorgeschlagen (unser Resümee). Diesem Artikel widerspricht heute der taz-Redakteur Jens Uthoff. Es sei "ja eher die Ohnmacht, die einen dazu bringt, Gewalt als letztes Mittel ins Feld zu führen. Denn der Hass erreicht Höchststände dieser Tage in Deutschland..." Uthoff findet es "unangebracht zu behaupten, potenzielle linke Gewalttäter würden 'nach alter RAF-Manier den Ausnahmezustand' vorwegnehmen. Angesichts solcher Argumente könnte man glauben, es drohe keine AfD-geführte Landesregierung, Schwarz-Rot sei dem Rechtsruck nicht einigermaßen hilflos ausgeliefert und es hätte die autoritäre Wende in anderen Ländern nicht längst gegeben. Die Gewalt ist lange schon überall. Die Exekutive eines Bundeslands könnte bald in AfD-Hand sein. Insofern ist es zwingend, sich mit Widerstandsformen - notfalls auch gewaltförmiger Natur - auseinanderzusetzen."

Berlin sieht zwar nicht so aus, aber es ist nicht mehr arm. Und auch nicht mehr sexy, hat die FAZ in einer Umfrage herausgefunden, deren Ergebnisse Thomas Petersen resümiert: "Die Wirtschaftsleistung pro Kopf hat mittlerweile ungefähr das Niveau von Baden-Württemberg erreicht und liegt damit deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Doch gleichzeitig ist ein erheblicher Teil der Faszination abhandengekommen, die Berlin zu Beginn des Jahrhunderts ausstrahlte. Dies zeigen die Ergebnisse der jüngsten Allensbacher Bevölkerungsumfrage im Auftrag der FAZ. So hat sich der Anteil derjenigen, die sagen, Berlin sei eine faszinierende Metropole, von der Glanz ausgehe, seit 2007 mehr als halbiert. Nur noch 31 Prozent vertreten in der aktuellen Umfrage diese Ansicht. Etwas mehr, 36 Prozent, meinen ausdrücklich, dass Berlin keine Hauptstadt mit besonderer Ausstrahlung sei."

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In der FR erklärt Ai Weiwei in einem seiner erratischen Interviews, die Zensur in China sei vielleicht strenger, aber auch nicht wesentlich anders als im Westen, wo man den Gazakrieg nicht kritisieren könne, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Obwohl: "Natürlich kann man darüber sprechen. Das bestreite ich nicht. ... Entscheidend ist aber, welchen Einfluss diese Meinungen tatsächlich auf die Politik haben."
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Geschichte

Sieben jüdische Bewohner - Überlebende des Holocausts - wurden getötet, als am Abend des 13. Februar 1970 das Gebäude der Israelitischen Kultusgemeinde in München in Brand gesetzt wurde. Das Gebäude diente als Seniorenheim und Gästehaus der jüdischen Gemeinde. Dieser Anschlag war lange vergessen, bis Wolfgang Kraushaar in seinem Buch "Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?" von 2013 dazu recherchierte. Aber die Täter waren keine Linken, wie er annahm, sondern ein Rechtsextremer, der im Jahr 1970 25 Jahre alt war und 2020 gestorben ist. Nach einer Mitteilung der Münchner Staatsanwaltschaft fasst Karin Truscheit in der FAZ die Ermittlungen der Münchner Polizei zu der Tat zusammen- zur Bestimmung des Täters, dessen Namen die FAZ nicht nennt, kamen sie durch späte Aussagen einer Frau, die ihn kannte. "Der nun ermittelte Tatverdächtige ist zwar tot, weswegen eine Anklageerhebung nicht möglich ist, doch nach Einschätzung der Generalstaatsanwaltschaft und des Staatsschutzes des Polizeipräsidiums München 'sprechen belastbare Gründe für die Täterschaft'. Die Ermittler hatten nicht nur Zeugen befragt, sondern auch die archivierten Akten der Staatsanwaltschaft München I und des Generalbundesanwalts ausgewertet."
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Medien

Henryk M. Broder feierte gestern seinen Achtzigsten. Bei Journalisten und Intellektuellen ist er nicht immer so beliebt, auch wegen seines gefürchteten Witzes, aber im Publikum ist das ganz anders, erzählt sein Freund und Kollege Reinhard Mohr in der Jüdischen Allgemeinen: "Als Broder einmal an einer roten Ampel am Potsdamer Platz hielt, stürzte ein Polizeibeamter auf seinen Wagen zu: 'Oh Gott, was hab ich falsch gemacht', fragte sich Broder. 'Werde ich jetzt festgenommen, geht es wieder los?'. Nein, der Polizeibeamte reckte den großen Daumen und sagte: 'Machen Sie weiter so!'" Broders Klassiker "Der ewige Antisemit", der als eines der ersten Bücher den Antisemitismus der "Neuen Linken" thematisierte, ist gerade wieder aufgelegt worden. In der Welt gratuliert Mathias Döpfner seinem Kolumnisten.

Bei der taz hat man sich immer schon fragen können, ob sie heimlich nicht eher der Linkspartei als den Grünen nahesteht, mit denen sie oft assoziiert wird. Und auch jetzt mal wieder, wenn man Erik Peters Artikel über die Initiative eines taz-Gründers liest. "Kurz ist Michael Sontheimer, ehemaliger taz-Chefredakteur, wohl selbst irritiert, als er auf einer Pressekonferenz am Donnerstag die Genese der Idee einer Wahl-Initiative für die Linken-Kandidatin zur Abgeordnetenhauswahl Elif Eralp vorstellt. Sein Vater habe damals, Ende der 1960er die Initiative 'Willy wählen' mitbegründet, die zwei erfolgreiche Kanzlerkandidaturen von Willy Brandt begleitete, an diese habe er sich erinnert und gedacht: 'Warum nicht' etwas Ähnliches auch für Eralp? Begleitet von Lachern auf dem Podium in der taz-Kantine entfährt ihm: 'Mir ist schon klar, dass da eine gewisse Asymmetrie herrscht.'" Im Interview mit dem Tagesspiegel versichert Elif Eralp heute: "Eine Linke in der Regierung wird vergesellschaften." Außerdem will sie eine "Luxusvillensteuer" einführen, die Anwohnerparkgebühren auf mindestens hundert Euro im Jahr erhöhen und "den möglichen Kreditrahmen innerhalb der Schuldenbremse von einer Milliarde Euro ausschöpfen".

Außerdem: In der FAZ schildert Philip Plickert den Niedergang der Lokalmedien im Vereinigten Königreich: "Die drei größten Verlage für Regionalmedien bauen stetig Personal ab. Reach, Newsquest und National World Publishing beschäftigten vor zwanzig Jahren mehr als 9000 Mitarbeiter, heute sind es weniger als 3000."
Archiv: Medien