Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.09.2026. Die ostdeutschen AfD-Wähler wollen dem Westen einen "übermächtigen Schlag" versetzen, glaubt der Soziologe Detlef Pollack in der FAZ. Eine AfD-Politik in Sachsen-Anhalt würde übrigens zu Einkommensverlusten in Höhe von durchschnittlich 1.600 Euro pro Person führen, rechnet der Ökonom Marcel Fratzscher in der taz vor. Wir sollten nicht von "Verdrängung", sondern von "Vergangenheitsabwehr" sprechen, sagt im SZ-Gespräch der Historiker Klaus-Dietmar Henke mit Blick auf die Nachkriegsgeschichte. Nicht viel Optimismus versprüht Adam Tooze bei den Berliner Festspielen während einer Diskussion über die Zukunft Europas, notiert Elke Schmitter im Perlentaucher.
Kürzlich hatte Reinhard Bingener in der FAZ die Ostdeutschen gefragt, ob sie den "therapeutischen Langmut" der Westdeutschen nicht überstrapazierten (unser Resümee). Guter Punkt, findet ebenfalls in der FAZ heute der Soziologe Detlef Pollack, der darüber hinaus glaubt, wenn die Ostdeutschen heute AfD wählen, "wollen sie damit auch dem übermächtigen Westen einen Schlag versetzen": Es gebe "unter den ostdeutschen AfD-Wähler ein starkes Interesse daran, den eigenen Opferstatus zu kultivieren. Das erlaubt es ihnen, die Politik der demokratischen Parteien als ein Übel darzustellen, das beseitigt werden muss. Sie sehen sich als gekränkte Verlierer und wollen denen Schaden zufügen, die sie angeblich gedemütigt haben. Es ist die Frage, ob wir ihnen Gutes tun, wenn wir für ihr Gefühl der Unterprivilegierung immer wieder Verständnis aufbringen und ihr Sonderbewusstsein verteidigen. Führt es wirklich weiter, die Leistungen der Ostdeutschen bei der Wiedervereinigung gegen die der Westdeutschen aufzurechnen oder wie kürzlich der ehemalige Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt Haseloff die westdeutsche Perspektivdominanz zu problematisieren und die AfD sogar noch als 'Westpartei' zu bezeichnen?"
Auch wirtschaftlich wäre der Schaden bei einem Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt extrem hoch, prognostiziert im taz-Gespräch mit Simon Poelchau der Ökonom Marcel Fratzscher, der in einer Studie berechnete, dass eine AfD-Politik in Sachsen-Anhalt zu Einkommensverlusten in Höhe von durchschnittlich 1.600 Euro pro Person und Jahr führen würde: "Das Problem ist die Perspektivlosigkeit. Wenn junge Menschen wegziehen, dann geht auch wichtige soziale Infrastruktur verloren. Dann machen Kneipen und Gaststätten zu, der öffentliche Nahverkehr funktioniert nicht mehr, Sportvereine haben keine Mannschaften mehr, Schulen werden zusammengelegt, Krankenhäuser geschlossen. Das ist der Teufelskreis, in dem strukturschwache Regionen stecken. Und AfD-Wahlerfolge verschärfen ihn nur. Nicht nur Migrant*innen wollen nicht in Gegenden ziehen, wo sie nicht willkommen sind. Auch viele gut gebildete Einheimische ziehen weg. Und Unternehmen siedeln sich nirgendwo an, wo Fachkräfte fehlen."
Außerdem: In der tazporträtieren Konrad Litschko und Gareth Joswig Ulrich Siegmund und seine Hintermänner, zu denen ehemalige Mitglieder der "Heimattreuen Deutschen Jugend" (HDJ), einer Gruppe, die Kinder in Zeltlagern völkisch indoktrinierte und 2009 vom Bundesinnenministerium verboten wurde, ebenso gehören wie ehemalige Mitglieder der Identitären Bewegung. Sonja Zekri spricht für die SZ mit Maik Reichel, dem Direktor der Bundeszentrale für politische Bildung in Sachsen-Anhalt, dessen Institution die AfD bei einer Regierungsübernahme abschaffen will.
Auf einer Veranstaltung der Neuköllner-Linken wurde ein Rap-Text des Rappers Dahabflex mit den Zeilen "Death to the IDF" gesungen und von den Mitgliedern wohl beklatscht, schreibt Nicholas Potter in der Welt. Das überrascht diesen wenig. "Die Linkspartei gibt damit jemandem eine Bühne, der die Intifada verherrlicht - gemeint sind zwei Wellen terroristischer Gewalt gegen Zivilisten. Jemandem, der zur Tötung der gesamten israelischen Armee aufruft und die PFLP (Volksfront zur Befreiung Palästinas) feiert - eine Terrororganisation, die für Selbstmordanschläge verantwortlich ist und am Hamas-Massaker gegen Israel vom 7. Oktober 2023 beteiligt war." Linken-Spitzendkandidatin Elif Eralp verurteilte den Auftritt scharf, das nimmt ihr Potter "nach etlichen anderen antisemitischen Ausfällen" nicht ab. Die anderen Parteien sollen daraus jetzt ihre Konsequenzen ziehen und keine Linken-Bürgermeisterin unterstützen. "Eine Koalition mit ihr ist deshalb unvertretbar. Es wäre ein fatales Signal. Und es würde Judenhass weitaus salonfähiger machen als jeder Rap-Text das könnte."
Der Volksbühnen-Intendant Matthias Lilienthal war bei eben jener Linken-Veranstaltung als Redner eingeladen, als das Lied gesungen wurde jedoch nicht mehr vor Ort. Im Tagesspiegel-Interview mit Gerrit Bartels schildert er, dass er dort für eine Podiumsdiskussion war. "Da fiel nicht einmal das Wort 'Israel', 'Gaza' oder 'Palästina'. Ich habe mich vor der anwesenden, höchst politisierten Szene für eine Koalition mit der 'linksradikalen' Partei SPD eingesetzt." Dass danach ein solches Lied gesungen wurde, verurteilt er.
In Frankreich ist Präsidentschaftswahlkampf - und es wird wohl auf Marine Le Pen hinauslaufen, glaubt Marc Zitzmann in der FAZ: "Le Pen hat einen großen Wählersockel und zieht zudem viele 'nichtextreme' Rechte (und sogar etliche Rote) an. Mélenchons Basis ist halb so groß - und seine antisemitischen Provokationen, sein autoritärer Umgang mit Kritikern in der eigenen Bewegung wie in den Medien, seine Ambivalenzen gegenüber den Regimen von Xi und Putin stoßen laut einer Ende Juni vorgestellten 'Momentaufnahme der linken Wählerschaft' der Fondation Jean Jaurès einen Gutteil der Linkswähler ab. Das Szenario einer Stichwahl zwischen den Vertretern der beiden Extreme, aus der Le Pen siegreich hervorgeht, erscheint aus heutiger Sicht als das wahrscheinlichste."
Unter dem Motto "Die große Unordnung" fanden am Wochenende bei den Berliner Festspielen die Thementage "Reflexe und Reflexionen" statt, unter anderem diskutierten der britische Wirtschaftshistoriker Adam Tooze und die sudanesisch-britische Journalistin Nesrine Malik über die Zukunft der westlich-liberalen Ordnung. Während Malik zum "trotz-allem-Optimismus" aufruft, machte Tooze weniger Mut, notiert Elke Schmitter im Perlentaucher: Der 'kritische Punkt' sei nicht erreicht, sondern bereits überschritten; sein aktueller Beleg: Dass ein derart bescheidenes Programm wie das des New Yorker Bürgermeisters Zohran Mamdani - namentlich die Verbesserung des öffentlichen Verkehrs und der frühkindlichen Erziehung - einen solchen Enthusiasmus hervorrufe, zeigt für ihn in düsterster Klarheit, 'dass die Zukunft anderswo gemacht wird'. Die Anerkennung der inneren Widersprüche der westlichen Moderne ist für ihn der einzig mögliche Weg - nicht nur der Selbsterkenntnis und der Würde, sondern auch hin zu den bescheidenen Möglichkeiten der Reparation. (…) Im anschließenden Gespräch, souverän navigiert vom Zeit-Journalisten Mark Schieritz, blieb vor allem übrig: Es sei 'lachhaft anachronistisch' zu glauben, wir Europäer könnten Hauptakteure der Zukunft sein."
Die sich anschließenden Panels waren interessanter, meint in der FAZ Konrad Muschik, etwa jenes, in dem die postkoloniale Theorie "exemplarisch in den Blick genommen" wurde, "um Verwandtschaften und Kreuzungen zwischen linker und rechter Identitätspolitik zu veranschaulichen, die die diskursiven Sackgassen der Gegenwart so vehement bestimmten. Der israelische Wissenschaftshistoriker und Traumaforscher José Brunner argumentierte zwar, die Ausbildung 'postkolonialer Sensibilität' sei von Bedeutung gewesen, um den in der Geschichte zum Schweigen Gebrachten zu ihrem Recht zu verhelfen. Doch stimmte er ebenso mit seinen Panelteilnehmern überein, dass es einen Kipppunkt in der Bewegung gegeben habe, der es nicht mehr erlaube, eine positive Erzählung von pluralen Gesellschaften zu vertreten. Die indische Wissenschaftsphilosophin Meera Nanda bekräftigte diese Aporie postkolonialer Identitätspolitik. Sie berichtete, wie die hindunationalistische und autoritäre Modi-Regierung Argumente linker postkolonialer Theorie benutzte, um ihre Politik zu rechtfertigen: 'Decolonize Education' sei ein wichtiger Slogan gewesen, um ihre antimoderne und nativistische Politik durchzusetzen."
In der NZZstellt uns Kacem El Ghazzali den marokkanischen Politikwissenschaftler und Schriftsteller Hassan Aourid vor, der einst Sprecher des Königreichs Marokkos war und nun in einer Art innerem Exil lebt und Bücher über den Westen schreibt. In seinen Werken erteilt er eine "entschiedene Absage an das ErbeEdward Saids: Wer den Orient im Kern als wehrloses Konstrukt westlicher Machtdiskurse begreift, spreche ihm ein zweites Mal die Mündigkeit ab." Passend dazu liegt aktuell Ian Burumas und Avishai Margalits Buch "Okzidentalismus. Der Westen in den Augen seiner Feinde" auf seinem Tisch, in dem Saids These vom "'Orientalismus' als rassistische westliche Typisierung des Ostens" umgekehrt wird und der "'Okzidentalismus' das entmenschlichte Bild, das die Feinde des Westens vom Westen zeichnen", beschrieben wird. "Dass Aourid dieses Buch bewundert, ist eine Absage an die Opferrolle. Er weiß genau, wo die Grenze verläuft: hier die Kritik am Westen, den Westen an seinen eigenen Maßstäben messend, dort der Okzidentalismus, der sich vortrefflich dazu eignet, die Schuld am eigenen Scheitern einem bösen Ungeheuer im Westen anzulasten."
Am 1. September überfiel Hitler-Deutschland Polen und trat so den Zweiten Weltkrieg los - diesem Ereignis ist im Bundestag aktuell keine Gedenkstunde gewidmet, konstatiert der Historiker Michael G. Müller im Tagesspiegel. Das löst vor allem in Polen Kopfschütteln aus, dort wird der deutsche Umgang mit den Verbrechen an den Polen von der gesamten politischen Landschaft betont. Ein großes Problem sei vor allem, dass Deutsche zu wenig über die Geschichte um den Angriff auf Polen wüssten. Bei einer Tagung "kommentierte der polnische Historiker Maciej Gorny ironisch: An der Ahnungslosigkeit der meisten Deutschen in Bezug auf die deutschen Verbrechen in Polen im Zweiten Weltkrieg habe sich tatsächlich kaum etwas verändert. Doch nähme auch in Polen das Wissen darüber und das Interesse daran in der jüngeren Generation deutlich ab. So könne man wohl damit rechnen, dass junge Polen und junge Deutsche sich irgendwann in gleicher Ahnungslosigkeit begegnen werden - auch eine Art von 'Dialog auf Augenhöhe'. Darauf zu warten, wäre zynisch und gefährlich. Es muss jetzt etwas von deutscher Seite geschehen und dafür braucht es nicht mehr als den politischen Willen. Eine Gedenkstunde des Deutschen Bundestags zum 1. September wäre ein leicht zu setzendes, wichtiges Zeichen. Man muss nur wollen."
Bestellen Sie bei eichendorff21!In seinem neuem Buch "Vergangenheitsabwehr" rekonstruiert der Historiker und Sprecher der Unabhängigen Historikerkommission, Klaus-Dietmar Henke, wie der BND beim Eichmann-Prozess einen Spitzel einschleuste, um die NS-Vergangenheit von Adenauers Staatssekretär Hans Globke zu verschleiern (unser Resümee). Im SZ-Gespräch mit Willi Winkler erklärt er, warum Adenauer an Globke festhielt, wie langwierig es war, die Deutschen von ihrer "obrigkeitlichen Demokratieskepsis" zu entwöhnen - und warum wir mit Blick auf die Nachkriegszeit nicht mehr von "Verdrängung" sprechen sollten: "Das allgemeine Verhaltensmuster nach 1945 ist keineswegs eine mehr oder weniger unbewusste 'Verdrängung' der Vergangenheit gewesen, sondern deren aktive Abwehr durch Nichtthematisierung, Verschleierung, Verharmlosung, Umdeutung oder Verleugnung: 'Vergangenheitsabwehr' eben. Die vernebelnde Rede von der Verdrängung ist eine Verharmlosung der tatsächlichen Haltung der damaligen Mehrheitsgesellschaft und selbst Indiz für die Vergangenheitsabwehr. Hunderttausende gewinnen aus den kürzlich freigeschalteten NS-Akten ja gerade die Erkenntnis, dass der sprichwörtlich gewordene Opa seine Zeit in der NSDAP oder der SS gar nicht 'verdrängt', sondern seine Enkel schlicht belogen hat."
Die Gebeine des Kaisers Otto I. (912-973) werden heute im Magdeburger Dom neu beigesetzt, nachdem dieser aus Sicherheitsgründen von einem Archäologen-Team um Harald Meller zuvor aus dem Dom entfernt wurden (unser Resümee). Im SZ-Interview mit Jakob Wetzel spricht Meller über die Auseinandersetzung mit der AfD, die sich im Zuge dieser Untersuchung und öffentlichen Ausstellung der Gebeine darüber beschwerte, dass "die Gebeine des 'Gründers des Deutschen Reiches und damit der Präfiguration unseres Staates'" öffentlich gezeigt wurden. "Wir handeln nach wissenschaftlichen Maßstäben, nach Recht und Gesetz sowie nach ethischen Grundsätzen, in enger Abstimmung mit den Kirchen. Für uns war das Wesentliche, dass wir das Grabmal Ottos des Großen sichern und dauerhaft erhalten." Vor allem biete sich Otto I. nicht als ein Gründer Deutschlands an. "Otto war ostfränkischer König und römischer Kaiser. Es gab weder einen deutschen Nationenbegriff noch ein deutsches Reich. Der Herrschaftsbereich Ottos umfasste auch viel mehr als das heutige Deutschland. Insofern könnten sich heute auch die Schweiz oder die Lombardei auf Otto berufen. Hätte man Otto gesagt, er sei deutscher Kaiser oder deutscher König, dann hätte er das überhaupt nicht verstanden."
Irgendwer muss noch über das kommunale Treiben der AfD in Sachsen-Anhalt berichten, auch wenn es für Journalisten nicht gerade kuschelig dort ist, erklärt der Redaktionsleiter der Altmark ZeitungMarkus Wölk im FR-Interview mit Anne-Christine Meerholz. Dabei fällt ihm auf: "Über Politik wollen die Leute bei der AfD nicht reden. Das interessiert sie nicht. Es gibt keine klassische Wahlkampfrede mit anschließender Diskussion, sondern einen Grill, Becher und Zollstöcke mit AfD-Logo zum Mitnehmen und für ein paar Euro sogar ein T-Shirt 'Heimattreue Altmark' in Frakturschrift. Wer redet, lädt vor allem Frust ab - und die AfD muss nur dastehen und sagen: 'Ihr habt recht.' Niemand will Lösungen, alle wollen Emotionen loswerden, und genau das saugt die AfD auf und verstärkt es. Andere Parteien versuchen, zu erklären und Lösungen anzubieten - kognitiv der falscheste Ansatz in einer rein emotionalen Situation. Das hat die AfD perfektioniert."
Das kurdisch geführte Militärbündnis der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) hat sich aufgelöst - im Kampf gegen den Islamischen Staat wurden vor allem ihre weiblichen Soldatinnen zu Ikonen, schreibt Raphael Geiger in der SZ. Doch nach dem Fall des Assad-Regimes stellte sich die Frage, unter wem die Syrer von nun an leben wollten. "Rojava war das bessere Syrien, solange in Damaskus das Assad-Regime herrschte. Rojava war viel freier als die Diktatur der Assads, gar kein Vergleich, und besser ging es den Menschen hier auch. Als aber Assad aus dem Land floh, im Dezember 2024, wollten zum Beispiel die Araber in Raqqa von der neuen syrischen Regierung regiert werden, nicht von den Kurden. Die SDF schossen in Raqqa auf Demonstranten. Sie wehrten sich dagegen, Gebiete aufzugeben." Nun mussten sich die Einheiten von dort zurückziehen. "Was da zu Ende geht? Hoffentlich nicht der kurdische Aufbruch. Die Autonomie. Die Rechte, die sie sich erkämpft haben: Gleichberechtigung im neuen syrischen Staat. Ihre Sprache. Auch das Gefühl, sich wehren zu können gegen ihre Feinde. Vielleicht bleibt in der syrischen Gesellschaft auch etwas von der Emanzipation der jungen kurdischen Frauen, von denen viele im Kampf gegen den IS und die Türkei gefallen sind."
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