05.08.2026. Die Welt erlebt bei Eun-Me Ahns in Wien aufgeführtem Tanzstück "Post-Orientalist Express" Kolonialismuskritik als psychedelischen Fiebertraum. Die Gen Z geht plötzlich wieder ins Kino, staunt die SZ angesichts der Kassenerfolge von "Die Odyssee" und "Spider-Man: Brand New Day". Wim Wenders' "Falsche Bewegung" ist ohne die Nacktszene mit Nastassja Kinski nicht mehr derselbe Film, befindet die FAZ. Die ergötzt sich außerdem in einer Aschaffenburger Ausstellung an einem Gemälde von Christian Schad, das einen erstaunlich androgynen Alain Delon zeigt.
Jakob Hayner (Welt) ist hin und weg von zwei Inszenierungen der südkoreanischen Choreographin und Tänzerin Eun-Me Ahn, die beim Wiener Impulstanz-Festival aufgeführt werden. Neben dem politisch brisanten "North Korea Dance" steht "Post-Orientalist Express" auf dem Programm: "Bühne, Kostüme und Choreografie, für alles zeichnet Ahn verantwortlich, verbinden sich zu einem rasanten Rausch der Farben und Symbole, wie TikTok auf LSD. Als ob man erst einen Algorithmus mit allen klassischen und popkulturellen Fantasiegebilden gefüttert hätte, die jemals mit dem Etikett 'asiatisch' versehen wurden, und ihn dann so lange halluzinieren lässt, bis ein psychedelischer Fiebertraum entsteht. Und als irgendwann inmitten unzähliger Kostümwechsel auch noch ein riesiger Panda über die Bühne hüpft, bekommt man vor ungläubigem Staunen und belustigter Verwunderung den Mund wirklich nicht mehr zu." Auf die Schipp genommen wird dabei ein westlicher Blick auf Asien. Das ist eine Form der Kolonialismuskritik, mit der sich Hayner anfreunden kann.
Helmut Ploebst wiederum ist im Standardangetan von Eun-Me Ahns "North Korean Dance". Das Stück hält sich in seinem Blick auf Nordkorea fern von jenem moralistischen und aktivistischen Gestus, der in der westlichen Bühnenkunst nach wie vor allgegenwärtig ist - und doch kaum einmal den intendierten aufklärerischen Effekt erzielt. "Eun-Me Ahn folgt einem anderen Ansatz. Sie verzichtet auf das westliche Schema der emotionalen Ausbeutung bereits anderswo ausgewalzten Materials. Stattdessen formt sie das didaktische Zeichenrepertoire totalitärer Propaganda in einen Irrgarten widersprüchlicher Bedeutungen um. Darin finden sich unter anderem Zerlegungen des Revolutionsballett-Genres, das auch unter Chinas Mao eingesetzt wurde, Elemente aus den Disziplinierungs-Tanzshows im nordkoreanischen Kim-Regime zu dessen Huldigung, Volkstanz-Motive und virtuose Leistungsschau-Rudimente."
Außerdem: Björn Hayer ruft in der FR dem verstorbenen Theaterkritiker und Autor Jürgen Berger nach ("ein Vollblut-Theatermensch, ein Zuschauer, dem kein Weg zu weit, keine Bühne zu klein, kein Autor, keine Autorin zu unerfahren war").
Zendaya und Tom Holland in "Spider-Man: Brand New Day" Tobias Sedlmaier staunt in der NZZ über die Einspielergebnisse von "The Odyssey" und "Spider-Man: Brand New Day": Während Nolans Homer-Epos innerhalb von zwei Wochen weltweit fast eine Millarde Dollar umgesetzt hat, ist dem Superheldenfilm dies beinahe schon am ersten Startwochenende geglückt. Ńach "Barbenheimer" vor drei Jahren zeigt auch dieser "Erfolg einmal mehr, dass das Kino noch nicht tot ist. Angedeutet hatte sich diese Entwicklung bereits einige Wochen zuvor, ebenfalls mit einem Doppelschlag: Die Indie-Horror-Produktionen 'Backrooms' und 'Obsession' erwiesen sich als riesige Überraschungserfolge mit einem gemeinsamen Einspielergebnis von mehr als 850 Millionen Dollar. ... Der Trend ist eindeutig: Junge Menschen zieht es wieder mehr in die Kinos." Und ihre Helden sind unter anderen "das Paar, das sowohl in 'The Odyssey' als auch in 'Spider-Man: Brand New Day' mitspielt: Zendaya und TomHolland. Sie verkörpern die zeitgemäße Form des Hollywood-Stars: Ihre Strahlkraft entfaltet sich auch und vor allem im digitalen Alltag ihrer Fans." Auf den Zendaya-Hype schaut auch Ella Kurowski im Standard.
Auf der Geisteswissenschaften-Seite der FAZ setzt sich der Philosoph Olaf Müller noch einmal sehr ausführlich mit WimWenders' Film "Falsche Bewegung" auseinander, aus dem der Regisseur nun nach Forderungen von NastassjaKinksi und einer großen Debatte im Kulturbetrieb die Nacktszene mit der damals noch minderjährigen Kinski herausgeschnitten hat. Dass Wenders' Verhalten seinerzeit übergriffig und für Kinski traumatisierend war, steht für Müller außer Frage. Doch "die Ästhetik ist keine Magd der Moral", erinnert er: Mit diesem Eingriff werde der Film ein anderer. Die inkriminierte Szene ist eine Schlüsselszene, so Müller, um die sich der ganze Filme und dessen Verständnis dreht - auch, weil gestische Motive später wieder auftauchen, die somit nicht mehr nachvollzogen werden können. "Die gesamte, sorgfältig aufgebaute Dynamik einer Steigerung à la Goethe ist perdu. ... Der Film wird durch die Entfernung der Bettszene vielleicht nicht gänzlich zerstört; doch dass es ein völlig anderer Film geworden ist, wird sich kaum bestreiten lassen. Schon allein deshalb ist es ein hoher Preis, den Wenders gezahlt hat. Das ist ihm hoch anzurechnen. Ob er dazu moralisch verpflichtet war, ist damit nicht entschieden."
Weitere Artikel: Michael Ranze ist in der FAZ sehr begeistert von der heute startenden Retrospektive beim Filmfestival in Locarno, die Filme jener Regisseure zeigt, die in der McCarthy-Ära um 1950 auf Rote und Schwarze Listen gesetzt wurden: "Interessant ist bei vielen Filmen der kritische Blick auf Amerika, aber immer mit dem Vertrauen auf die Stärke der Demokratie." In der jüngsten Welle an Horrorfilmen tauchen auffällig häufig Therapeuten auf, fällt Susan Vahabzadeh in der SZ auf. Kein Sex, Rüstungen falsch und schwarze Griechen - Christiane Lutz gibt in der SZ einen kursorischen Überblick über die teils ziemlich öden Onlinekontroversen rund um ChristopherNolans "Die Odyssee". Besprochen werden SandraWollners "Everytime" (taz, mehr dazu bereits hier), Hanna Bergholms "Nightborn" (SZ) und Alice Winocours "Couture" (NZZ).
Man sollte meinen, dass Künstliche Intelligenz den von Roland Barthes längst ausgerufenen Tod des Autors als Prozess einfach nur konsequent an den Schlusspunkt führt, "doch bislang ist eher das Gegenteil der Fall", erkennt der Germanist Erik Schilling in der FAZ. Er plädiert für "eine Kooperation von Mensch und Maschine..., die einer entsprechenden Haltung zum Text bedarf. Entscheidend dafür sind die Stichworte 'Autorisierung' und 'Qualität'. Erstens sollte das Konzept der Autorisierung dasjenige der Autorschaft ersetzen: Wer einen Text autorisiert, steht mit seinem Namen für dessen Qualität ein, unabhängig davon, welchen Anteil am Text er selbst geschrieben hat. Die Autorisierung eines Textes ist unerlässlich für dessen Zuverlässigkeit. Hier liegt weiterhin das Geschäftsmodell von Verlagen, Zeitungen oder Wissenschaft". Und dann müsse man Kriterien für Qualität definieren: "Zu diskutieren ist, was ein gutes Werk ausmacht, dem man autorisierend seinen Namen verleiht: eine gute studentische Abschlussarbeit, eine gute politische Rede, einen guten Roman. Das Ergebnis kann vom Publikum genossen werden, wenn es dessen Qualitätskriterien entspricht, ganz unabhängig von der Frage, wer es produziert hat."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weitere Artikel: Für die SZ schlendert Astrid Probst mit ŞeydaKurt, die mit "Zeit der Monster" nach diversen Sachbüchern ihren Debütroman vorlegt, durch Köln. In der FAZ-Reihe zur USA im Spiegel ihrer Literatur schreibt Jan Wiele über JoshuaCohens"Buch der Zahlen". Claus-Jürgen Göpfert erinnert in der FR an den Schriftsteller Ernst Erich Noth, dem 1931 mit "Die Mietskaserne" ein Bestseller glückte und der 1933 vor den Nazis fliehen musste.
Besprochen werden unter anderem UlrichPeltzers "Der verlorene Schlaf" (FR), PeterGraingers Krimi "Ein unglücklicher Tod" (FR) und Hans-HermannKestels Studie über den DDR-SchriftstellerErich Loest (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Patrick Bahners resümiert in der FAZ die vierte Ausgabe von GeorgNigls Salzburger "Nachtmusiken". Besprochen werden AjaMonets Album "The Color of Rain" ("Protest trifft sich mit Zärtlichkeit", schreibt Stefan Michalzik in der FR), ein Konzert einer Sextett-Zusammensetzung der WienerPhilharmoniker in Salzburg (Standard) und ArianaGrandes neues Album "Petal" (NZZ).
Rezensent Stefan Trinks schlendert für die FAZ amüsiert und angeregt durch die Kunsthalle Jesuitenkirche in Aschaffenburg, wo derzeit Werke aus der Sammlung Jaegers ausgestellt sind. Gunther Jaegers, gebürtiger Aschaffenburger, hat ein Faible für neuere Figurenmalerei und außerdem für ein seltenes Gut im Ausstellungsgeschäft: Ironie. Trinks schwärmt unter anderem von "Alain", Christian Schads außergewöhnlichem Porträt des Schauspielers Alain Delon als Goliath-Bezwinger. Dass Delon "auf beide Geschlechter eine Anziehungskraft auszuüben vermag, scheint Schad bewusst einzukalkulieren, wenn er seinen David-Alain breitbeinig sexualisiert über dem abgeschlagenen Goliathhaupt stehen lässt, dessen Gesicht verstörenderweise Delons Züge trägt und nicht wie in der Bildtradition üblich hässlich oder grobschlächtig ist. Der Blick aus Aquamarinaugen ist der durchdringendste aller deutschen Porträts. Die Brustwarzen des unbehaarten Oberkörpers zieht Schad weit nach außen, sie sind dadurch stark betont; ob die zartgliedrigen und manikürten Hände wirklich die Schleuder in seiner Rechten schwangen? Diesen Delon androgyn zu nennen, wäre unbedingt eine Untertreibung."
Weitere Artikel: Boris Pofalla beschäftigt sich in der Welt mit zwei Wiener Ausstellungen, an denen der Fotograf Thomas Demand beteiligt war. Im MAK wird Demand selbst mit der Schau "Räume, die von gestern träumen" ausgestellt. Als Kurator verantwortet er die Gruppenausstellung "Passants parmi les pierres" im Kunstraum fkj3. Ulf Meyer besucht in Lissabon für die NZZ das Macam, ein "hybrides Museum für zeitgenössische Kunst, kombiniert mit einem Boutique-Hotel".
Besprochen werden "Wem gehört die Stadt", eine Plakatausstellung im öffentlichen Raum, konkret in Berlin Charlottenburg-Nord (taz), "Abdulhamid Kircher - Rotting from Within", im PHOXXI, Haus der Photographie Temporär, Deichtorhallen Hamburg (Tagesspiegel), die museumshistorische Ausstellung "Vision und Widerstand. Wie das Museumsquartier Wien veränderte" im Freiraum im Wiener Museumsquartier (Welt) und die Ausstellung "Gabriele Stötzer: Dabei sein und nicht schweigen" im Berliner Gropius Bau (Zeit).
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