Efeu - Die Kulturrundschau
Ein Phänomen wie Spodysseus
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11.08.2026. FAZ und Welt schwelgen in der barocken Pracht von Antonio Cestis in Innsbruck aufgeführter Oper "Il pomo d'oro" über einen antiken Zickenkrieg. Die FAZ ist außerdem erschüttert von Lyobov Sinitsinas und Torstein Grudes Doku über russische Kriegsrealitäten. Die NZZ berauscht sich an den fließenden Fotografien der iranischen Künstlerin Shirana Shahbazi im Kunstmuseum Luzern. Die SZ fragt, ob ein 2,3 Millionen teures Stahlnetz der Künstlerin Janet Echelman die Frankfurter Konstablerwache drogenfrei machen kann. Dem iranischen Rapper Mahnam Navab Safavi droht in Iran die Todesstrafe, berichtet die taz.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
11.08.2026
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Bühne

Werner M. Grimmel ist in der FAZ hellauf begeistert von Antonio Cestis Oper "Il pomo d'oro", die seit 360 Jahren zum ersten Mal wieder zu sehen ist und zwar bei den Innsbrucker Festwochen Alter Musik. Deren musikalischer Leiter Ottavio Dantone hat sich auf das Wagnis eingelassen, und die "aufwendigste Hofoper der Barockzeit" auf die Bühne gebracht. Und nein, es geht nicht um eine Tomate! Sondern um einen Streit zwischen den Göttinnen Hera, Athene und Aphrodite, ausgelöst durch einen Goldapfel, erklärt Grimmel: "Die fulminante Innsbrucker Produktion gibt Dantones gewagtem Unterfangen auf ganzer Linie recht. In zwei aufeinanderfolgenden, jeweils fast vierstündigen Abendvorstellungen wird Sbarras und Cestis pralles Panorama menschlicher Unzulänglichkeiten szenisch und musikalisch grandios entfesselt. Der italienische Regisseur Fabio Ceresa zelebriert den vokalen Huldigungs-Showdown des Prologs mit einem zwanzigköpfigen Gesangsensemble als groteske Misswahl - ein Vorgeschmack auf den stimmlich und schauspielerisch brillant ausgefochtenen Zickenkrieg der drei olympischen Göttinnen, der sich in immer neuen Konfrontationen über die folgenden fünf Akte hinzieht."
In der Welt kommt Manuel Brug ebenfalls ins Schwärmen: "Ottavio Dantone, der die zwei fehlenden Akte mit Cesti-Anleihen und einem Manuskript aus Modena, das ein Drittel der Arien aus diesen überliefert, rekonstruiert hat, dirigiert mit nie nachlassendem Elan wie Eleganz seine Accademia Bizantina. Die schwelgt in Bläserfarben und Zupfinstrument-Nuancen. Der Chor NovoCanto wechselt von Kriegern zu Götterdienern und Piraten für ein ganzes Wasserballett, in dem sich auch noch fünf Tänzer tummeln. Hier wird ohne Unterlass Neues und Überraschendes, schön Klingendes und optisch Ansprechendes geboten."
Film

In ihrer von Arte online gestellten, über einen Zeitraum von vier Jahren entstandenen Dokumentation "Russland im Krieg" bieten Lyobov Sinitsina und Torstein Grude Einblick in russische Realitäten, schreibt Yelizaveta Landenberger in der FAZ: von einer weiterhin kritisch arbeitenden Journalisten über einen russischen Friedensaktivisten bis hin zu überzeugten Putinisten, die ihre Söhne mit wehenden Fahnen an die Front schicken. "Die Schicksale, von denen der Film erzählt, erschüttern - besonders die Geschichte des Teenagers Jegor aus der Region Leningrad, der versuchte, einen Brandanschlag auf ein Rekrutierungszentrum zu verüben. Jegors Mutter sagt zu den Motiven ihres Sohnes, dass ihm die gesellschaftliche Akzeptanz des Krieges dermaßen zu schaffen gemacht habe, dass er keinen anderen Weg mehr sah. ... 'Jegor, mach dir keine Sorgen, die Wahrheit ist auf deiner Seite', ruft jemand im Gerichtssaal. Dass es in Russland noch solche Menschen gibt, die Widerstand leisten, daran erinnert dieser Dokumentarfilm. Sie sind da, auch wenn man sie kaum hören kann."
Erst knackt ein sperriger Film wie Christopher Nolans "Die Odyssee" weltweit noch vor dem Kinostart in China die Ein-Millarden-Marke an den Kinokassen, dann legt der neue Spider-Man-Film binnen kurzer Zeit einen Kino-Run hin, den die Marvel-Superheldenfilme selbst in ihren besten Zeiten nicht geschafft haben. "Für die Kunstform Kino ist dieser Sommer ein Segen der Filmgötter", jubelt darüber David Steinitz in der SZ. Dieser Erfolg dürfte Folgen haben: "In den vergangenen Jahren haben die großen Hollywood-Studios sich in erster Linie um den Aufbau ihrer Streamingdienste gekümmert" und reihenweise Kinofilme gegen den Willen der Regisseure im Digital-Orkus versenkt. "Wenn die Produzentenseite allerdings durch ein Phänomen wie 'Spodysseus' merkt, dass sie ordentlich viel Geld liegen lässt, sobald ein Film nicht im Kino läuft, könnte es das vielen Künstlern bei Vertragsverhandlungen wieder etwas leichter machen." Auch zeigt sich, "dass der wichtigste Wachstumsmarkt im Kino der Premium-Bereich ist, wo die Tickets zwar teurer, aber die Leinwand riesig und die Projektionstechnik erstklassig ist".
Dazu passend erzählt Artur Weigandt in der Welt von seiner Reise nach Prag, wo eines der wenigen Kinos Festland-Europas steht - in Deutschland gibt es kein einziges! -, das Nolans "Odyssee" im vollen analogen IMAX-70mm-Format (von Weigandt irrtümlicherweise als "70mm-Film" bezeichnet - dieses Format können auch in Deutschland noch einige Kinos zeigen) projizieren kann und entsprechend Cinephile aus allen Herren Ländern anlockt.
Außerdem: Mit Wayne Wapeemukwas Kriminalfilm "Manhunt" eröffnet das Filmfestival Locarno direkt mit einem Highlight und legt mit Denis Cotés "Violence du corps de l'autre", Florin Șerbans "Nu e locul tau aici" und Gruvinder Singhs "Rehmat" auf ähnlich hohem Niveau nach, freut sich Irene Genhart im Filmdienst. Benjamin Johann (Filmdienst) durchleuchtet das Kino nach alternativen Männlichkeitsbildern. Besprochen werde György Pálfis "Lebensansichten eines Huhns" (Jungle World) und Florian Karners Dokumentarfilm "Finding Connection" über Menschen, die Freundschaften und Romanzen mit einer KI eingehen (taz).
Kunst

In einen Rausch aus Wasser, Licht und Farbe gerät NZZ-Kritiker Philipp Meier in der Ausstellung "All at Once" im Kunstmuseum Luzern, wo die Fotografien der iranischen Künstlerin Shirana Shahbazi zu sehen sind. Ein bisschen orientierungslos fühlt sich der Kritiker schon in diesem Gewimmel von kaleidoskopischen Farben, Licht-Installationen und Projektionen von Wasser an den Wänden, aber dann taucht er ein: "Nichts ist dabei gemalt, alles ist belichtetes Fotopapier. Shahbazi ist eine Künstlerin, die mit Licht malt, wie man es über Fotografen immer wieder sagt. Bewegt sind auch ihre irrlichternden Fotos ganz konkreter Art. Shahbazi fotografiert alles, was sie beschäftigt: Menschen, Tiere, Landschaften, Städte, Straßenzüge, Gebäude, Gegenstände, Blumen und Früchte. Letztgenannte streng zu Stillleben arrangiert, mit Totenköpfen als Memento mori im klassisch kunsthistorischen Sinn. Das alles wirkt zwar etwas beliebig. Die Gleichzeitigkeit von scheinbar Unvereinbarem aber: Auf diese lebendige Vielfalt einer unendlich aufgefächerten Welt zielt Shahbazis Schaffen. Das ist, was die Künstlerin interessiert, was sie einfangen und zeigen will in ihren Arbeiten."
Einem umstrittenen Frankfurter Kunstprojekt widmet sich Kathrin Wiesel-Lancé in der SZ: Über der Konstablerwache in Frankfurt, berüchtigter Umschlagplatz für Drogen und Kriminalität, hat die Künstlerin Janet Echelman eines ihrer riesigen farbigen Stahlnetze aufgehängt: "Seit Wochen ist die Installation Stadtgespräch, vor allem wegen der 2,3 Millionen Euro, die sie kostet. Kritiker aus der Frankfurter Kreativszene bemängeln, dass das Geld ohne öffentliche Ausschreibung vergeben wurde. Der Bund der Steuerzahler Hessen nennt die Kosten 'unverhältnismäßig und fragwürdig'. Die Linken-Fraktion im Römer kritisiert, dass die Ausgaben nicht dazu dienen, den Platz langfristig zu entsiegeln oder zu sanieren. Auch durch die sozialen Medien schwappt die Häme, ein Instagrammer macht sich lustig über das 'riesige Mandarinennetz' für zwei Millionen Euro. Der Titel 'A Sky Full of Hope' passe ja gut dazu, weil es über einem 'Square Full of Dope' hänge."
Außerdem: FAZ-Kritiker Peter Kropmanns bewundert im Louvre das aufwendig restaurierte Triptychon von Moulins, ein Meisterwerk der Spätgotik.
Architektur
Wie sich Dänemark, die Niederlände oder New York städtebaulich für Flutkatastrophen wappnen, erklärt Klaus Englert in der taz. Die entscheidende Idee für die "sponge cities" ist, die Städte nicht vom Wasser abzuschotten, sondern die Fluten einzukalkulieren, wie es beispielsweise die dänischen Landschaftsarchitekten von SLA tun: "Beispielsweise der ehemalige Industriehafen von Køge südlich von Kopenhagen. Die am Øresund gelegene Kommune gehört zu den am stärksten von Überschwemmungen betroffenen Gebieten in Dänemark. SLA verwandelte einen 15 Hektar großen Küstenabschnitt, der bislang von der Ortschaft abgeschnitten war: durch Anpflanzung von Bäumen, Stauden und Gräsern, eine 1,4 Kilometer lange Uferpromenade, eine als Überschwemmungszone und Deich dienende Graslandschaft, schließlich durch ein Wegesystem für abfließendes Wasser sowie halb öffentliche Gemeinschaftsflächen. Tobias Theill Konishi, Projektleiter in Køge, kommentiert im taz-Gespräch: 'Wenn wir das Projekt 2030 abgeschlossen haben, ist die Stadt nicht mehr vom Meer abgetrennt, sondern wesentlich besser mit der Küste verbunden.'"
Literatur
Jan Feddersen spricht für die taz mit dem Schriftsteller Kristof Magnusson. Besprochen werden unter anderem Andrea Grills "Sonnenspiel" (taz), Deon Meyers Thriller "Der Tag des Skorpions" (FR) und Miriam Carbes "Unerwünschte Töchter" (FAZ).
Musik
Petra Schellen meldet in der taz, dass dem Rapper Mahnam Navab Safavi in Iran die Todensstrafe droht: "Die bekannten, stereotypen Vorwürfe lauten: 'Krieg gegen Gott', 'Propaganda gegen das Regime', 'Versammlung und Verschwörung gegen die nationale Sicherheit'. ... Seine beiden Anwälte durften dem Vernehmen nach weder die Prozessakte einsehen noch ihn verteidigen, auch fand der Prozess in Abwesenheit statt. Eine Verletzung der Verfahrensstandards, die Menschenrechtsorganisationen vermehrt bei festgenommenen ProtestlerInnen beobachten." Der PEN Berlin fordert die Bundesregierung derweil zu einer Stellungnahme und im Hinblick auf den Iran zu einer eindeutigen außenpolitischen Agenda auf.
Weiteres: Im Standard-Gespräch mit Daniela Prugger erzählt Tamás Kádár unter anderem, wie das von ihm geleitete ungarische Sziget-Festival in den Orbán-Jahren etwa durch den Entzug von Fördermittel gegängelt wurde. David Pfeifer schreibt in der SZ über die Macht der K-Pop-Fans, die ihre Idole - wie etwa gerade BTS, die aus Protest gegen eine eigene Rubrik für asiatischen Pop beschlossen haben, keinen Song bei den Grammys einzureichen - problemlos in die Charts gedrückt kriegen, ihnen aber auch bei Ärger über bestimmmte Entscheidungen in die Kandare fahren können.
Besprochen werden Daniel Haaksmans Buch "It Began in Ipanema" über die Musik Brasiliens (taz), das Konzert von Barclay James Harvest in Bad Nauheim (FAZ) und neue Popveröffentlichungen, darunter "Cannonball" von Man/Woman/Chainsaw (Standard).
Weiteres: Im Standard-Gespräch mit Daniela Prugger erzählt Tamás Kádár unter anderem, wie das von ihm geleitete ungarische Sziget-Festival in den Orbán-Jahren etwa durch den Entzug von Fördermittel gegängelt wurde. David Pfeifer schreibt in der SZ über die Macht der K-Pop-Fans, die ihre Idole - wie etwa gerade BTS, die aus Protest gegen eine eigene Rubrik für asiatischen Pop beschlossen haben, keinen Song bei den Grammys einzureichen - problemlos in die Charts gedrückt kriegen, ihnen aber auch bei Ärger über bestimmmte Entscheidungen in die Kandare fahren können.
Besprochen werden Daniel Haaksmans Buch "It Began in Ipanema" über die Musik Brasiliens (taz), das Konzert von Barclay James Harvest in Bad Nauheim (FAZ) und neue Popveröffentlichungen, darunter "Cannonball" von Man/Woman/Chainsaw (Standard).
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