Efeu - Die Kulturrundschau

Metapher in Dich rein

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.08.2026. Die FAZ schaut zu, was passiert, wenn Milo Rau in Tel Aviv Wagner aufführt. Außerdem verliebt sie sich in die farbigen Faltenwürfe des ungarisch-französischen Künstlers Simon Hantaï, die in einer Ausstellung in Baden-Baden zu sehen sind. Eline van der Velden, der Mensch hinter der KI-Schauspielerin Tilly Norwood, erklärt in der Zeit, warum die Filmbranche keine Angst vor KI haben muss. Der Perlentaucher lässt sich von Saša Vajdas Coming-of-Age-Film "The Lights, They Sleep" die weniger repräsentativen Seiten von Berlin zeigen.  
9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.08.2026 finden Sie hier

Bühne

Von einem polarisierenden Theaterabend in Tel Aviv berichtet Quynh Tran in der FAZ. Milo Rau hat mit seinem Programm "Wagner in the Holy Land" gleich mehrere Tabus gebrochen. Vier Arien aus "Tannhäuser", "Lohengrin", "Rienzi" und dem "Holländer" spielte sein Team in einem arabisch-jüdischen Theater, lesen wir, dabei war Wagners Musik aufgrund seines Antisemitismus lange Tabu in Israel. Das Publikum regt sich aber über etwas anderes auf, so Tran, denn Rau hat auch Redner eingeladen: "Das sehr viel größere Tabu bricht die israelische Theatermacherin Einat Weitzman, die in ihrer Rede zunächst fordert, die Musik zu stoppen, weil man dann vielleicht das Summen der Drohnen über Gaza und die Stimmen der Kinder hören könne. Und dann sagt sie, es sei vielleicht nicht unpassend, dass Wagner die Menschen in Gaza in den Tod begleitet. Zum ersten Mal rührt sich das Publikum, das bis dahin andächtig zugehört hat. Die Äußerung ist für manche ein Affront. Zwei Besucher stehen auf und verlassen die Veranstaltung. Eine Besucherin moniert, dass man ihr eine Bühne gebe, um 'die jüdische Entität zu zerlegen', ein anderer buht." 

Weitere Artikel: In der NZZ freut sich Lilo Weber über die baldige Wiederaufführung von Heinz Spoerlis Ballett "Goldberg-Variationen" von der jungen Schweizer Ballettgruppe "Mind The Gap".
Archiv: Bühne

Literatur

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Perlentaucherin Marie Luise Knott ist in ihrer aktuellen Lyrik-Kolumne sehr begeistert von der Mundart-Poesie der Österreicherin Natascha Gangl: Was für "ein Mehr von Wörtern im Wörtermeer" ist hier zu erkunden! "Wie in jeder guten Lyrik - ob traditionell, ob experimentell - geht einem  beim genauen Hinhören dieses Gedichtes viel auf. Hier zuallererst die enormen Variationsmöglichkeiten der Vokale im Dialekt. Der Dialekt, der nicht nur bei Pasolini die lokale Einwurzelung des Einzelnen in Zeiten der Globalisierung verteidigt, widersetzt sich dem Reglement der Einheitssprache, den Gesetzen der Grammatik ebenso wie der 'korrekten' Lesart eines Wortes. ... Plötzlich spürt man den Anpassungszwang  der 'Hoch'sprachen: 'Es ist eine Schatzkiste, die wir da in Österreich haben, mit all diesen Grenzen und Verschiebungen, Dialekten, Wortschöpfungen und Sprachvermischungen', sagt die Autorin."

Weitere Artikel: Mara Delius, Philipp Tingler und Brigitte Schwens-Harrant haben ohne Angabe von konkreten Gründen auffällig zeitnah zueinander ihre Posten als Juroren des Bachmann-Wettbewerbs in Klagenfurt niedergelegt, meldet Michael Wurmitzer im Standard. In der Zeit porträtiert Adam Soboczynski die Bestseller-Autorin Caroline Wahl, deren neuer Roman "1999 Meter über dem Meer" Ende des Monats erscheint.

Besprochen werden unter anderem Yael Inokais "Die Auster" (FR), Max Czolleks "Zweifelssohn" (Standard), Nadia Runggers Gedichtband "cësa da lat dijes tu / milchhaus sagst du" (FR), Maike Möller-Engemanns "Der gefährlichste Ort" (FR), Emma Clines "In die Schweiz" (Zeit), Samuel Becketts "German Diaries" (SZ) und neue Sachbücher, darunter Christine Webbs "Der arrogante Affe" (FAZ) und Ilko-Sascha Kowalczuks "Faschismus ist keine Meinung" (NZZ). Mehr dazu in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Musik

Riccardo Muti nimmt Abschied von Verdis "Messa da Requiem", die der 85-Jährige bei den Salzburger Festspielen nach eigener Aussage zum letzten Mal aufgeführt habe. Er dirigierte die Wiener Philharmoniker "mit energischen, klaren Gesten, die ein überaus fein differenziertes dynamisches Spektrum anzeigten, große Steigerungsbögen und Ritardandi schufen oder Stille erzwangen", schreibt Christian Gohlke in der FAZ. Es war Mutis "473. Orchesterkonzert mit den Philharmonikern und wohl eines seiner besten. Langsamer als früher gestaltete er nun das Andante des Eingangs, das aus der Stille heraus abwärts fällt. Weich setzten dann die Herren des Wiener Staatsopernchors ein, wirklich sotto voce. Ihr 'Requiem aeternam' ist keine dringliche Bitte mehr, kein Appell, sondern eine schwach gewordene Hoffnung, und das von den Sopranstimmen mehrfach wiederholte 'dona, dona eis' klingt verhalten, beinahe so, als wisse dieser Wunsch schon um seine Unerfüllbarkeit. Nur der helle Geigenton, der Chor und Orchester in einer großen Linie zart überwölbt, erhellt den gedämpften Eingang ein wenig."

Weitere Artikel: Ali Al-Haj Ibrahim erzählt in der taz die Geschichte des Metal-Undergrounds in Syrien, der sich gegen gesellschaftlichen und politischen Druck formieren musste. Christian Wildhagen resümiert in der NZZ die erste Woche des Lucerne Festivals mit von Klaus Mäkelä, Riccardo Chailly und Daniel Barenboim dirigierten KonzertenMichele Coviello (NZZ) und Sinem Kılıç (ZeitOnline) berichten vom Prozessauftakt gegen den einstigen Gangleader Duane Davis, dem vorgeworfen wird, der Drahtzieher hinter dem Mord am Rapper Tupac Shakur zu sein. Philipp Krohn (FAZ) und Thomas Wochnik (Tsp) gratulieren Kraftwerk-Musiker Ralf Hütter zum 80. Geburtstag. Jakob Biazza schreibt in der SZ zum Tod des ZZ-Top-Drummers Frank Beard.

Besprochen werden das Berliner Benefizkonzert nach dem CSD-Anschlag mit unter anderem Ikkimel und Herbert Grönemeyer (taz), ein von Alan Gilbert dirigiertes Konzert des Royal Swedish Orchestra in Hamburg (Welt) und Liraz' Auftritt in Frankfurt (FR).
Archiv: Musik

Kunst

Simon Hantaï in seinem Atelier in Meun 1974. (Quelle: Archives Simon Hantaï, CC BY-SA 4.0)

Ob Simon Hantaï (1922-2008) die "publikumswirksame Fokussierung" auf die Farben in seinem Werk gefallen hätte, wie es in einer Ausstellung im Museum Frieder Burda in Baden-Baden geschieht? Wohl eher nicht, glaubt Alexandra Wach in der FAZ, wenn sie bedenkt, dass der ungarisch-französische Maler den kommerziellen Kunstbetrieb ablehnte. Beeindruckend ist die Ausstellung aber allemal, versichert die Kritikerin, die sich fasziniert die frühe Serie "Mariales" anschaut, die Hantaï Mariengewändern auf berühmten Fresken nachempfunden hat. Es handelt sich bei den "blauen, roten oder goldenen Farbräumen auf die sakrale Bildtradition der Schutzmantelmadonna verweisenden Werken um erste Beispiele von Hantaïs legendärer Falttechnik (...). Spätestens seit 1960 war die Leinwand für ihn vor allem ein Textil, das auf dem Boden zerknüllt oder verschnürt werden konnte. Dann erst trug er Farbe auf die hervorstehenden Partien und die eingezogenen Bereiche auf. Nach der Entfaltung und Glättung der dreidimensionalen Objekte kamen auf den im letzten Schritt auf Keilrahmen gespannten Tüchern Muster weißer Flächen zum Vorschein. Sie erinnerten mal an geologische Brüche, mal an kristalline Blattformen, die sich fern des menschlichen Treibens in unendlicher Stille selbst genug waren."

Weiteres: In Monopol zeichnet Jens Hinrichsen Leben und Wirken der amerikanischen feministischen Künstlerin Nancy Spero (1926-2009) nach, die erst ab den 2000er Jahren von der breiten Öffentlichkeit gewürdigt wurde und am 24. August 100 Jahre alt geworden wäre.
Archiv: Kunst
Stichwörter: Hantai, Simon

Film

Bleibt in der Reserve: "The Lights, They Sleep"

Saša Vajdas Coming-of-Age-Film "The Lights, They Sleep" zieht es tief in jenes wenig repräsentative Berlin weit jenseits des S-Bahn-Rings, schreibt Perlentaucher Lukas Foerster. Im Mittelpunkt stehen der sechzehnjährige Ilay und dessen Freunde. "Die Untiefen biografischer und anderer Art (...) bleiben sachte Andeutung, verdichten sich erst ganz am Ende zu einem lakonischen Geistermotiv. In den Gesprächen, die die Jungs führen und die zweifellos ausgezeichnet beim Leben abgeschaut sind, fallen teils tolle, eigenartige Sätze wie 'Metapher in Dich rein'." Doch gibt es immer wieder Momente,
in denen "man sich als Zuschauer wünscht, man könnte den fraglos durchweg durchdachten, klug komponierten und das Herz am rechten Fleck habenden Film ein wenig aus der Reserve locken. ... 'Slow Cinema' nannte man den Stil, den Vajda wählt, früher einmal, er hat eine ganze Reihe von Meisterwerken hervorgebracht. Heute spricht man eher von 'Vibes'. Doch Vibes brauchen Resonanz."

Eline van der Velden ist die Frau hinter der KI-Schauspielerin Tilly Norwood, die in den letzten Monaten für einige Turbulenzen insbesondere in der US-Branche gesorgt hat. Im Zeit-Gespräch versucht van der Velden, die selbst als Schauspielerin und Produzentin tätig ist, ihren Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen: KI zerstöre keine Jobs, Norwood halte tatsächlich bereits 40 Menschen in Lohn und Brot. Und "die meisten Geschichten über Frauen werden nicht gedreht, weil sie als zu nischig gelten. Niemand will sie finanzieren. Ich kann jetzt Geschichten erzählen, die sonst nicht gemacht worden wären." Außerdem "haben wir festgelegt, dass unsere KI-Schauspieler nur in KI-Filmen auftreten dürfen. Wenn Brad Pitt aber einen digitalen Zwilling von sich erstellen lässt, könnte man den neben Tilly platzieren. Natürlich nur mit seiner Zustimmung und gegen Vergütung."

Weiteres: "Ein Held, der an einer Schuld zerbricht, für die er sich selbst verantwortlich macht - das war in der Antike undenkbar", schreibt Thomas Ribi in der NZZ zu Christopher Nolans "Die Odyssee". Auch im Superheldenkino geht der Trend zur Introspektion und zur Sinnkrise der Protagonisten, schreibt Daniel Gerhardt in der Zeit. Für die Zeit hat Alexander Cammann den Schauspieler Hanns Zischler besucht. Andreas Kilb gratuliert in der FAZ der Schauspielerin Joan Allen zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden Jane Schoenbruns Meta-Slasher "Teenage Sex and Death at Camp Miasma" (FR, Welt, FAZ, unsere Kritik), Ines Reinischs Dokumentarfilm "Salz und Wasser" über eine Antarktis-Expedition (FR), Annekatrin Hendels Dokumentarfilm "Hiddensee" (taz, Zeit), Cyril Aris' libanesisches Drama "A Sad and Beautiful World" (Intellectures), eine BluRay-Ausgabe von Richard Attenboroughs Antikriegsmusical "Oh! What a Lovely War" aus dem Jahr 1969 (taz) und Marco Petrys auf Netflix gezeigte Komödie "Mein bester Freund, seine Freundin und ich" (SZ).
Archiv: Film